"Der Reformator Dr. Martin Luther wollte die Spaltung der Kirche nicht. Ihm ging es darum, Missstände in der Kirche zu beseitigen", sagte Pfarrer Volkmar Gregori bei einem besonderen Abendgottesdienst. "Umso mehr hätte Luther seine Freude daran, dass heute Abend eine katholische Christin auf der Kanzel einer evangelischen Kirche spricht." Zu einer Kanzelrede und zum "Kreuzverhör" empfing er die parlamentarische Staatssekretärin Dorothee Bär (CSU). Ihr Thema in der Gleisenauer Kirche lautete: "Was mir am Protestantismus schmeckt und woran ich zu kauen habe".
Die Staatssekretärin, die aus Ebelsbach stammt, merkte an, dass es ihr nicht zustehe, eine Konfession zu kritisieren - "zumal ich als Katholikin und Teil eines ökumenisch geführten Haushalts schon allein um des heimischen Friedens willen hier keine einseitige Religionskritik betreiben möchte". Vielmehr solle man konfessionsübergreifend überlegen, "woran wir eigentlich zu kauen haben".
Eine der Säulen im Leben ist für sie die Religion und der Glaube. Er trage das Leben in seiner Vielfalt wie eine Brücke, was sie mit vielen Metaphern ausführlich beschrieb. Dabei kam sie auch auf Gefahren und Bedrohungen zu sprechen und bekam so den Bogen zur Politik und zu den aktuell vieldiskutierten "alternativen Fakten" .
Sie wurde konkret - was ganz im Sinne Martin Luthers sei - und lenkte den Blick nach Berlin, wo man gerade über das sogenannte "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" diskutiere, das sich mit Beleidigungen und Hass sowie der Verbreitung von Lügen und Falschinformationen im Internet beschäftige. "Kein Irrtum so groß, der nicht seinen Zuhörer hat" zitierte sie Luther und stellte fest, "dass Irrtum und Wahrheit, Information und Behauptung heute immer schwieriger zu unterscheiden sind. Aber heute hat jeder Irrtum auch Tausende, ja Abertausende, die ihn weitertragen, den Irrtum gleichsam vermehren und teilen."


Gegenmittel?

Dorothee Bär stellte die Frage, was man dagegensetze und was man gegen diese Entwicklung tun könne. Hier passe ein weiteres Luther-Zitat: "Einem einsamen Menschen folgt immer eins aus dem anderen und denkt alles zum Ärgsten".
Die von Luther angesprochene Einsamkeit ergänzte sie mit dem Gefühl der Unsicherheit: "Im Zeitalter der Digitalisierung und der vernetzten Kommunikation nennen wir dies dann das Gefangensein in der eigenen Filterblase. Man spinnt sich sein eigenes Weltbild und lässt nur noch das herein und an sich ran, das in die eigene, fensterlose geistige Kammer führt."
Die verzweifelte Suche nach Ansprache und Gesellschaft nutzten fragwürdige Gesellen mit ihren eigenen zweifelhaften Angeboten. "Die Menschen aus dieser Einsamkeit und Unsicherheit zurückzuholen, ist und bleibt ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, der auch der Politik und den Kirchen gilt."


Rückzug ist der falsche Weg

Bei der Kategorie "woran ich zu kauen habe" ziehe man sich allzu oft in eigene Ideologien und Scheinfakten zurück, anstelle Probleme tatsächlich anzugehen und Lösungen zu suchen. Die Kirche könne Menschen auch dort erreichen, wo Politik dies nicht oder nicht mehr vermag. "Lassen Sie uns alle gemeinsam gegen jene Irrtümer vorgehen, von denen Luther einst gesprochen hat, und gesellschaftliche Wärme dorthin bringen, wo die Einsamkeit herrscht", appellierte die Politikerin an ihre Zuhörer.


Fragen aus dem Auditorium

Dorothee Bär stellte sich nach ihrer Kanzelrede einem "Kreuzverhör", zu dem die fast 150 Besucher auf Kärtchen ihre Gedanken, Fragen und Anmerkungen zu der Kanzelrede aufschrieben. Pfarrer Volkmar Gregori und der Arzt Dr. Martin Luckardt nahmen die Katholikin und CSU-Politikerin anhand dieser Fragen ins "Kreuzverhör".
Pfarrer Gregori monierte, dass ihm noch mehr Aussagen auf die Frage "woran habe ich zu kauen?" fehlten. An beide Kirchen adressierte sie den Vorwurf, sie verstehe es in Zeiten großer Flüchtlingsströme nicht, wenn sich Kirchen oder Kirchenvertreter über geltendes Recht hinwegsetzen und Kirchenasyl gewähren. Ihre Begründung sei, dass es nicht menschlich ist, aber auf der anderen Seite gebe es ein geltendes Recht.
Auf die Frage, ob der Zölibat noch zeitgemäß sei, meinte sie, dies sei für sie nicht der wichtigste Punkt. "Woran ich mehr zu kauen habe, ist, wie es sich mit den Geschiedenen oder dem gemeinsamen Abendmahl verhält. Das spaltet nämlich auch eine Familie wie meine, und diese Vorgabe halte ich nicht mehr für zeitgemäß." Wenn der Priestermangel weiter wachse und die Not groß genug ist, werde die katholische Kirche vielleicht auch eines Tages Frauen fragen, meint sie.
Angesprochen auf den Islamismus als mögliche Bedrohung und ob man als christliche Kirchen nicht näher zusammenrücken sollte, meinte Bär, Zusammenrücken sei unumgänglich, auch im Hinblick auf den Atheismus: "Wir feiern bei uns Heiligen Abend, Karfreitag oder Ostern und viele wissen doch schon gar nicht mehr, was diese Feste eigentlich bedeuten." Hier sei Handlungsbedarf gegeben - und dies sogar in der eigenen Kirche. Sie kritisierte, dass der Religionsunterricht an Schulen rückläufig sei. Nicht so sehr in Bayern, aber beispielsweise in Berlin finde Religionsunterricht nur noch an kirchlich gebundenen Schulen statt.


Katholische Prägung

Dass ihre eigenen Kinder katholisch getauft wurden, war Bär laut eigener Schilderung wichtig, da sie "ein bestimmtes Bild vor Augen" habe. So nannte sie prägende Erinnerungen an ihre Kommunion oder die sehr katholische Oma.
Schließlich wurde die Katholikin auch zum Glaubensbekenntnis gefragt, das immer noch unterschiedlich gebetet werde. Sie verwies auf ihren Mann, "der einmal sagte: ,Mein Glaubensbekenntnis schließt euch ein, aber eures schließt uns aus!' Da bin ich der gleichen Meinung, weswegen wir mehr das Verbindende herausstellen sollten und nicht das Trennende." gg