Roland Schönmüller Im Gegensatz zur Gegenwart spielte der Anbau von Kartoffeln im Frankenwald noch im vergangenen Jahrhundert eine nicht unbedeutende Rolle. Mindestens ein Fünftel des Ackerlandes oder mehr war mit Kartoffeln bebaut. So waren beispielsweise noch in den 1960er und 70er Jahren "Ärffl" oder Erdäpfel ein wichtiges, ja unentbehrliches Nahrungsmittel für Mensch und Tier. Außerdem waren sie sogar eine zusätzliche Einnahmequelle für manchen landwirtschaftlichen Hof.

Es gab Speisekartoffeln für den Eigenbedarf, Futterkartoffeln für das Vieh sowie Industriekartoffeln. Wer erinnert sich da nicht an die schönen, gelben Speisekartoffeln, die gekocht einen mehligen Charakter hatten und sehr appetitanregend waren? Sie hatten Mädchennamen wie "Agnes" oder "Maritta". Andere Sorten waren Futter- und Industriekartoffeln mit weißer oder roter Farbe, harter und fester Konsistenz und lieferten meist einen noch größeren Ertrag.

Zweimal wurde geerntet

Anbau und Pflege waren meist problemlos. Das Saatgut stammte fast ausschließlich aus der eigenen Zucht. Nur alle paar Jahre kaufte man als Nebenerwerbs-Landwirt oder Vollerwerbs-Bauer frische Saatkartoffeln nach. Wenn das Getreide im August abgeerntet war und die Stoppelfelder gold-gelb leuchteten, färbte sich als Kontrast dazu das Kartoffelkraut braun - zuerst bei den frühen Sorten. Frühkartoffeln hatte man schon sackweise seit Anfang August für den eigenen Verbrauch mit der Hand gegraben und in Handwägen vom Acker geholt. Die richtige Kartoffelernte erstreckte sich von Mitte September bis Anfang Oktober, etwa bis zum kirchlichen Erntedankfest.

Auf kleinen Äckern benutzte man die Misthacke zum Herausnehmen der Kartoffelstöcke. "Mit einem kräftigen Hieb, tief in die Erde, weit genug hinter dem Stock, damit keine Knolle abgehackt wurde, versuchte ich, das ganze Nest herauszuheben. Mit einigem Nachkratzen kamen schließlich auch die letzten Kartoffeln aus ihrem dunklen Versteck. So konnte ich die Kartoffeln Stock um Stock herausholen. Anschließend wurde das Kraut abgeschüttelt und auf Häufen nebenan geworfen", erzählt eine Bauersfrau aus dem Frankenwald.

Schneller ging es mit dem Pflug und am effektivsten mit dem Kartoffelorder. Beim Zusammenlesen half die ganze Familie mit. Die gesunden, großen und mittleren Ess-Kartoffeln warf man in eigene Körbe. Die abgehackten, beschädigten, kleinen Erdäpfel landeten in Extra-Eimern zum sofortigen oder baldigen Verfüttern an Haustiere. Ausgelesene Kartoffeln dienten als künftige Saatkartoffeln, Esskartoffeln zum Verkauf und vornehmlich für den Eigenbedarf.

Die Ernte wurde in Kellern zwischengelagert, seltener in Kartoffel-Mieten. Bei sonnigem Herbstwetter gestaltete sich das Kartoffellesen zu einer schönen Arbeit an der frischen Luft sowohl für Erwachsene als auch für Kinder ab etwa zehn Jahren. War ein Korb voll, wurde er in Säcke geleert. War der Sack gefüllt, wurde er mit einem Press-Bendel zugebunden. Allmählich formierte sich Sack an Sack, nahezu schnurgerade in einer langen Reihe ausgerichtet, zum Abholen mit dem Ernte-Wagen. Zu Hause war das Abladen nicht gerade rückenschonend. Manche Landwirte hatten eine Rutsche angelegt, wo die Kartoffeln über das geöffnete Kellerfenster ins Innere eines lichtarmen Raumes rollten und dort lagerten.

Früher dauerte die Kartoffelernte einige Wochen. War das Wetter schön und der Altweibersommer flog mit seinen feinen Gespinsten über die Felder und Fluren, machte die Arbeit Spaß. Schlimm waren Regenherbste mit aufgeweichten Äckern und Kartoffeln in lehmig-zäher Erde. Beim Nach-Eggen sammelte man noch restliche Kartoffeln ein.

Ein Leckerbissen auf dem Feld

Ein besonderes Erlebnis war zur Ernte und danach - etwa beim Abbrennen des Kartoffelkrautes - das Verweilen auf den benachbarten Stoppelfeldern, wo Kartoffeln in kleinen Erdmulden gebraten wurden. Ein besonderer Duft zog über die Flur. Die ins Feuer geworfenen Knollen waren meist mehlig gebraten und schmeckten nach Ablösen der verkohlten Schale köstlich. Bald war im Jahreslauf auch diese Zeit vorbei, das Spätherbstwetter zog mit Nebel, Nässe und Frost ins Land. Die Kinder und Jugendlichen wendeten sich wieder verstärkt ihren schulischen Pflichten zu, die Erwachsenen waren mit der Rüben- und Obsternte beschäftigt.