Ausnahmezustand. Es sind die Tage nach dem 9. November 1989, die Coburg tatsächlich an seine Grenzen bringen. Der Grund dafür - wie paradox - sind die offenen Grenzübergänge zwischen Thüringen und dem Coburger Land. Jeder hat seine eigenen Erinnerungen daran. 30 Jahre danach werden viele wieder wach.

Wir haben mal in unserem Archiv gestöbert und die Bände von damals durchgeblättert. Neben den großen Geschichten, sind es die vielen kleinen Hinweise, skurrilen Ereignisse und verblüffenden Fakten, die uns dabei nicht nur wieder in den Sinn kommen, sondern die auch immer wieder dieses, nennen wir es mal "historische" Kribbeln im Bauch auslösen.

Wie bunt und vielfältig, wie groß die Herausforderungen jener Tage waren, möchten wir hier an einigen Textauszügen aufzeigen - erschienen im Coburger Tageblatt zwischen dem 9. November und 13. Dezember 1989.

"Heute Nacht ging der Traum in Erfüllung, den ich seit 30 Jahren einmal in der Woche träume: Mitten in der Nacht geht die Sonne auf", so eine tränenüberströmte, 67-jährige Frau, die gemeinsam mit ihrem Mann in der Nacht zum Samstag im Wartburg übernachtete.

"Für mich gibt es jetzt kein hüben und drüben mehr, wir sind doch alle aus ein- und demselben Holz geschnitzt", freute sich ein 78-jähriger Rentner aus Heubisch, der seine Schwester in Fürth am Berg besuchte.

(13. November 1989)

*** An der innerdeutschen Grenze fielen die Schlagbäume - und die Rathäuser in Stadt und Land öffneten ihre Türen... Zum Teil wurde am Samstag bis Mitternacht (Meeder) Begrüßungsgeld ausgezahlt. ..Nach einer Tageblatt-Umfrage am Sonntag abend nahmen die Gäste aus der DDR insgesamt 5 527 920 Mark in Empfang... Von Freitag, 3.50 Uhr bis Sonntag, 18 Uhr, registrierte die Grenzpolizei in Rottenbach 16 520 PKW mit 65 515 Personen aus der DDR. Zwischen 8 (Eröffnung) und 18 Uhr wurden am Sonntag in Neustadt ("Gebrannte Brücke") gezählt: 14000 Besucher von Ost nach West, davon 5500 Fußgänger, Pkw: 1850.

(13. November 1898)

*** Ganz gezielte Kaufwünsche brachten die Kunden mit, die das Jeans-Geschäft von Claus Reuther in der Mohrenstraße besuchten. Teure Markenware war gefragt, lautete sein Fazit. Bereits kurz nach 6 Uhr standen die ersten DDR-Bürger vor dem Schaufenster. Am gesamten Wochenende seien ständig nie weniger als 25 Kunden im Laden gewesen, erzählte Reuther. "Das war unbeschreiblich!" Bis gegen 22 Uhr habe er am Sonntag sein Geschäft geöffnet gehabt.

(14. November 1989)

*** "Auf Dauer kann man diesen Stress nicht aushalten", verweist Ilse Seifert, Inhaberin eines Elektrogeschäfts in der Neustadt auf die zusätzlichen Belastungen für das Verkaufspersonal. Mit Kaffee, Tee und Kuchen hatten sie und ihre Mitarbeiterinnen die zahlreichen Kunden bewirtet.

(14. November 1989)

*** Optimistische Perspektiven für die zukünftige Entwicklung Coburgs und die Bedeutung der Vestestadt zeichnete Oberbürgermeister Karl-Heinz Höhn gestern in einem Interview in der "Abendschau" des Bayerischen Fernsehens. Die zentrale Lage im Herzen Europas wie zu Zeiten des Herzogtums wieder zu erlangen - das ist nach Höhns Einschätzung eine realistische Möglichkeit. .. Vielleicht werde Coburg zum neuen Supermarkt für DDR-Bürger, meinte der Moderator im Studio Nürnberg.

(14. November 1989)

*** "Die Tür, die wir aufgestoßen haben, darf sich nicht wieder schließen." Mit diesen Worten fasste Pfarrer Alfred Schöler aus Neuhaus in seiner Predigt gestern Abend in der Sonneberger Kirche Gedanken zusammen, die Bürger in der gesamten DDR in diesen Tagen bewegen. Mehr als 2000 Menschen waren gekommen, um sich Gottesdienst und Diskussion zu beteiligen."

(14. November 1989)

*** Ein Hilferuf von der Staatsbank Meiningen erreichte gestern Nachmittag die Coburger Finanzwelt. Im Osten fehle es an Westmark in Hartgeld und kleinen Scheinen. ... Insgesamt 300 000 DM orderten die DDR-Bänker. Umgerechnet etwa sechs Zentner Geld passierten am späten Nachmittag unter Polizeischutz die Grenze bei Rottenbach. Im Wechsel dazu machten dann 300 000 DM in großen Scheinen die Reise gen Coburg.

(14. November 1989)

*** Die Welle der Hilfsbereitschaft der Neustadter Bürger, die den über die Gebrannte Brücke einreisenden DDR-Bürgern... entgegenschlägt, hielt auch am Tag nach der Öffnung des neuen, alten Grenzübergangs bei Hönbach an. Als ein Beispiel dafür gilt der ASB.... Etwa 2000 warme Essen wurden am Sonntag zubereitet und damit die Ankömmlinge wie auch Polizei, Bundesgrenzschutz, Zoll und Rotes Kreuz kostenlos versorgt. Die erforderlichen Lebensmittel sammelten sie bei Metzgereien, Bäckereien und Supermärkten.

(14. November 1989)

*** Auf den anhaltenden Besucherstrom von DDR-Bürgern hat jetzt auch die Coburger Landesstiftung reagiert. Gegen Vorlage des Personalausweises gilt für die Gäste aus dem Osten: Eintritt zum Nulltarif für die Kunstsammlungen der Veste, für das Naturkundemuseum sowie Schloß Ehrenburg.

Um den DDR-Übersiedlern eine leichtere Eingliederung zu ermöglichen, bietet der Bayerische Landessportverband für Kinder und Jugendliche ein Jahr Beitragsfreiheit in den Sportvereinen an. DDR-Einwohner, die sich zu Besuch in Coburg aufhalten, können von sofort an zu dem erheblich reduzierten Preis von 2,50 DM Karten für Vorstellungen des Coburger Landestheaters erwerben.

(15. November 1989)

*** Volksrache am ehemaligen Peiniger: Beim Warten um die Auszahlung des Begrüßungsgeldes an der Hauptpost in Coburg entdeckten gestern DDR-Landsleute ein Mitglied des Staatssicherheitsdienstes (Stasi) in Zivil. Wohl in Erinnerung an die einst am eigenen Volk vollbrachten "Wohltaten" zerrten einige Landsleute den Stasimann inkognito mit einigen kräftigen Ohrfeigen aus der Reihe.

(18./19. November 1989)

*** Vom Bund allein gelassen fühlt sich die Stadt Coburg bei der Aufgabe, den erneuten Ansturm von Gästen aus der DDR zu bewältigen... Bei einer Einsatzbesprechung aller beteiligter Ämter und Hilfsorganisationen wurden gestern im Sitzungssaal des Rathauses die letzten Weichen gestellt und die Planungen für die Auszahlungsstellen, Verkehrsregelung und die Bereitstellung von eventuellen Notquartieren für Familien mit kleinen Kindern abgestimmt.

(18./19. November 1989)

*** Da schubst mich der Kollege vom "Freien Wort" an und erzählt betroffen davon, wie die Kinder eines Stasi-Mannes letzte Woche im Kindergarten mit roter Farbe angestrichen wurden. Es gibt noch viel zu tun. Gut, dass es dieses Friedensgebet gibt. Hoffentlich wirkt die Kraft der Kirche auch über die Krisenmonate hinweg. Die Gefahr der Gesellschaftsspaltung scheint groß zu sein. Sie sprechen von einer neuen Demokratie, von der Gleichberechtigung der Bürger und doch sind die Menschen der zweiten Klasse schon geboren.

(13. Dezember 1989)