Eckehard Kiesewetter

Ein Zuckerschlecken war das Leben nie. Auch nicht für Konditoren. Erst recht nicht zu Kriegszeiten wie im Jahr 1918. Doch vor exakt 100 Jahren herrschte am Marktplatz 10 in Ebern Aufbruchstimmung, wie sie gar nicht in die Zeit passte. Der Weltkrieg war verloren, das Kaiserreich zerschlagen, die Bevölkerung erschöpft, kriegsmüde und desillusioniert. Vier Kriegsjahre hatten auch in Ebern Opfer gefordert, 41 Menschen ließen ihr Leben. Doch genau in dieser Zeit blickten Max und Maria Spitlbauer einer süßen Zukunft entgegen. Zeugnis davon gibt eine Urkunde, die unsere Leser Luise und Max II Spitlbauer wie einen Schatz bewahren: ein vom königlichen Notar August Reim "errichteter" Ehe- und Erbvertrag vom 1. Juli 1918. Grundstein für das inzwischen legendäre Eberner Café Spitlbauer.
Schon ab etwa 1860 hatte Konditormeister Johann Edelhäuser in dem schmucken Haus eine "Konditorei und Handlung" betrieben. Confiserie war gefragt und die "Bonbons für ein Fünferle" müssen bei Kindern der Renner gewesen sein. Im Ersten Weltkrieg jedoch drohte die Konditor-Familientradition abzubrechen. Witwe Anna Edelhäuser stand allein da mit Haus und Familienbetrieb. So war es ein Glücksfall, dass sie ihr Hab und Gut "mit allen Rechten und gesetzlichen Zubehörungen, insbesondere des Konditoreigeschäfts Ein- und Verrichtung, allen Vorräten, dem lebenden und toten Ökonomie-Inventar, dann dem Haus Mobiliar" an Tochter Marie und deren Bräutigam Max Spitlbauer übergeben konnte.
Max Spitlbauer, als Soldat aus dem bayerischen Wald beim ersten Ulanen-Regiment "Kaiser Wilhelm II., König von Preußen", in Bamberg stationiert und im Krieg mit allerlei Lorbeer dekoriert, hatte seine Maria bei einem Manöverball im Eberner Forster-Saal kennengelernt. Der Glücksfall: Er war gelernter Konditor und somit die perfekte Partie für die junge Frau.
Im Vertrag von 1918 wurden eine Geldsumme festgesetzt und sogenannte "Leibgedingsrechte": Das heißt, die Witwe (sie starb bereits 1924) sollte lebenslanges Wohnrecht genießen. Ferner verpflichteten sich die Eheleute, "ihr auf Lebensdauer die tägliche Kost in standesgemäßer und ortsüblicher Weise, in kranken Tagen passende Krankenkost zu verabreichen, sie bei Erkrankung zu warten und zu pflegen, Arzt- und Apothekerkosten zu bestreiten und ihr den lebenslänglichen Nutzgenuss ihrer notwenigen Zimmereinrichtung nebst Bett und der benötigten Bettwäsche zu gestatten und die seinerzeitigen Leichenkosten zu bezahlen". Beim Notar wurde "Befreiung von der Entrichtung der Reichsstempelabgabe" beantragt.
Als der Waffenstillstand absehbar war, wurde geheiratet. Während allgemein Niedergeschlagenheit herrschte, krempelten die Spitlbauers die Ärmel hoch. Der Betrieb, laut altem Zeitungsbericht schon um die Jahrhundertwende "beliebter Treffpunkt für Jung und Alt", blühte auf. 1919/20 schlossen die Eheleute den Lebensmittelhandel und verwandelten den Verkaufsraum zum Café. Ziegenstall und Holzlege wurden zur Backstube mit gemauertem Ofen. Nicht um den Bäckern am Ort Konkurrenz zu machen, es ging um eine andere Geschäftsidee: Ab 1933 stellten die Spitlbauers Soßenlebkuchen her. Während seine Frau, die das Geschäft mit dem Zuckerwerk von Kleinauf kannte, den Laden schmiss, war Max auf seiner 500er BMW unterwegs, lieferte Feingebäck bei Hertie in Bamberg, aber auch in Thüringen aus. Mit Konditorwaren war ein gutes Geschäft zu machen. Auch hausgemachtes Eis war gefragt. 1949 eröffneten die Spitlbauers das erste Gartencafé der Stadt.


Mit feiner Bohne

1958, zwei Jahre vor seinem Tod, übergab Max I den Betrieb an Sohn Max II. Ab 1972, nach dem Tod der Mutter, war das Geschäft sein Eigen. Mit Ehefrau Luise wagte Spitlbauer 1976 einen großen Umbau, richtete ein Café im ersten Stock ein. Besondere Anlaufstelle wurde das Kaffee-Depot, denn zu jener Zeit boten die großen Röstereien Tchibo und Eduscho ihre Bohnen nur in Cafés an. Drei bis vier Zentner gingen allein bei der Eröffnung über den Tresen. So viel Kaffee habe er nie mehr an einem Tag verkauft, staunte damals der Großhändler.
Später übernahmen Supermärkte das Geschäft mit dem Marken-Kaffee, das Ladensterben, auch die Bäckereiketten machten den Konditoren das Leben schwer. Der Familienbetrieb Spitlbauer, inzwischen von Max III geführt, musste 2010 schließen. "Die Lebensgewohnheiten haben sich geändert", sagt der 79-jährige Max II heute. Er gehe nicht mehr gerne in die Innenstadt mit all ihren Leerständen. Im ehemaligen Café immerhin versüßt heute ein Reisebüro den Ebernern das Leben mit Urlaubsträumen.