• Klinikum Fürth wendet sich nach Corona-Intensiv-Bericht an die Öffentlichkeit
  • Pandemiebeauftragter zeigt sich "frustriert und ratlos"
  • Krankenhaus lässt Prominente abblitzen - kein #allemalneschichtmachen in Fürth

Das Klinikum in Fürth will keine Prominenten für eine Schicht auf der Corona-Intensivstation mitarbeiten lassen. Zuvor hatte der Pandemiebeauftragte des Klinikums Journalisten der Bild-Zeitung zu sich ins Krankenhaus eingeladen. Hintergrund war ein Bericht, in dem die Kapazitätsbelastungen auf den Intensivstationen durch einen Lungenarzt aus Moers angezweifelt wurden. 

Update vom 30.04.2021: Klinikum Fürth will keine Schauspieler auf Intensivstation

Das Klinikum Fürth hat nach eigenen Angaben mehrere Anfragen von Prominenten im Rahmen der Aktion #allemalneschichtmachen abgelehnt. Nach der umstrittenen Video-Aktion #allesdichtmachen hatte sich unter anderem Schauspieler Jan-Josef Liefers bereits erklärt, eine Schicht auf einer Corona-Intensivstation mitzuarbeiten. Erst vergangene Woche hatte der Medizinische Direktor am Klinikum Fürth, Manfred Wagner, einen Artikel der Bild-Zeitung über die Belastung in den Krankenhäusern scharf kritisiert. 

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Er lade diejenigen, die "die Schlagzeile verursacht haben, gerne mal dazu ein, einen Tag hier mit mir im Krankenhaus zu verbringen". Doch offenbar gilt die Einladung nicht für Schauspieler und andere Promis, die bei #allemalneschichtmachen mitmachen möchten.

"Intensivstationen sind keine Laufstege für Promis. Auf unseren Intensivstationen kämpfen Patienten um Luft und um ihr Leben und unsere Mitarbeiter kämpfen um die Genesung dieser Menschen“, so Wagner in einem Video-Statement auf Facebook. "„Doch die Aufmerksamkeit ist auf die beiden Aktionen #allesdichtmachen und #allemalneschichtmachen gerichtet. Da stimmt etwas nicht mehr, da läuft etwas völlig schief.“

Es gehe "den Beteiligten in beiden Lagern nur noch darum, ihren eigenen Publicity-Kram zu erhöhen". Auch dass Gesundheitsminister Jens Spahn Zeit finde, mit Schauspieler Liefers ein Streitgespräch in der "Zeit" zu führen, anstatt sich mit einer deutschlandweiten Petition für bessere Bezahlung von Pflegekräften zu beschäftigen, verstehe Wagner nicht. Er fordert, dass der Fokus neu ausgerichtet werden müsse.  Es gehe um die Betroffenen der Pandemie, um "unsere Patienten, um Lehrer, um Gastronomen". 

Klinikum Fürth: "Viele Tränen" - Pandemiebeauftragter spricht Klartext

Fürther Klinikpersonal wehrt sich gegen "falsche" Berichterstattung über Corona-Situation: Ärzte und Pfleger des Klinikums Fürth haben sich in einem Video und einem emotionalen Statement in den Sozialen Medien an die Öffentlichkeit gewandt. Hintergrund ist ein Bericht der "Bild"-Zeitung (21.04.2021) , in dem es heißt, der "Alarmismus der Intensivmediziner" sei "unverantwortlich".

Der Pandemiebeauftragte des Klinikums Fürth zeigt sich nach der Veröffentlichung "sprachlos, frustriert und ratlos". Das Personal des Klinikums spricht von einer "unverantwortlichen Aussage". Als Reaktion klären die Mitarbeiter darüber auf, wie hoch ihre tägliche Belastung wirklich sei.

Die "Bild"-Zeitung berichtete am Mittwoch, die meisten Ärzte sähen "die Lage nicht so kritisch, wie die Politik glauben machen will." Die Autoren zitieren unter anderem einen Lungenarzt aus Moers, der den "Alarmismus der Intensivmediziner der DIVI" (red. Anmerkung: Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin) als "unverantwortlich und unverhältnismäßig" bezeichnet. Deshalb brächten "neue Lockdown-Pläne" gar nichts. Zwar äußern sich die drei anderen Mediziner in dem Artikel anders und durchaus drastischer zur Corona-Lage in den Kliniken. Als Schlagzeile wird jedoch die Aussage des Lungenarztes herangezogen. 

"Falsch! Die Realität sieht anders aus!", entgegnen Ärzte und Pfleger des Klinikums Fürth. Der Pandemiebeauftragte des Klinikums Fürth, Manfred Wagner, äußert sich in einem auf Facebook veröffentlichten Video mit weiteren klaren Worten. Er sei "leider ziemlich frustiert" angesichts der Berichterstattung, so Wagner. Seine Mitarbeiter seien über die Schlagzeile "nur noch sprachlos", so Wagner und spricht dann über die wahre Corona-Belastung am Klinikum Fürth: "Wir haben zwei OPs geschlossen, um das Personal von dort auf die Intensivstation zu ziehen. Die Praxisanleiter, die normalerweise unsere Pflegekräfte und Schüler anleiten und fortbilden, sind im Moment auf die Intensivstation gezogen."

Corona-Situation am Klinikum Fürth: "Tagtäglich weit über der Belastungsgrenze"

Auch Wundmanager und Intensivstationsleiter würden am Patienten mitarbeiten, um Ausfälle auszugleichen. "Wir verschieben wirklich alles, was irgendwie verschiebbar ist", so Wagner weiter. Das bedeute täglich "endlose Telefonate mit Patienten und Angehörigen", deren OPs verschoben werden, die "viele Tränen erzeugen". Jeden Tag kämpfe er zusammen mit Ärzten und Belegungsmanagern um "jedes freie Bett". Nur mit diesen Maßnahmen komme man am Klinikum Fürth "mit unserer Intensiv-Versorgung hin."

Stand jetzt (21.04.2021) seien zwei Betten auf der Intensivstation frei, das stimme, sagt Wagner. "Zwei Betten für jeden Unfall, für jeden Herzinfarkt, jeden Notfall, jede Wiederbelebung, jede schwere OP, die eventuell ein Intensivbett braucht." Alleine am Mittwoch habe man über Nacht sieben neue Corona-Fälle auf der Normalstation und einen Corona-Intensivfall dazu bekommen. Von den 39 Corona-Patienten auf der Normalstation kämen aber in den nächsten Tagen bereits wieder einige Patienten auf die Intensivstation, so Wagner. 

Wie man es überhaupt noch schaffe, Notfälle zu behandeln? "Indem die Menschen, die jetzt seit einem Jahr über ihre Grenzen gehen, erneut über ihre Grenzen gehen, um die Patienten zu versorgen", sagt der Pandemiebeauftragte. Auch er sei "nach über einem Jahr Pandemie ausgebrannt". Für den Bericht der "Bild"-Zeitung hätten die Mitarbeiter am Klinikum Fürth "keine Worte mehr". Wagner lädt diejenigen, die "die Schlagzeile verursacht haben, gerne mal dazu ein, einen Tag hier mit mir im Krankenhaus zu verbringen". 

Post löst Empörung aus: "Wünsche jedem (...), dass er uns nie braucht"

Auch die Pfleger und Ärzte äußern sich in einem Facebook-Post selbst noch einmal zur Corona-Lage am Klinikum Fürth. "Wir sind an der Grenze, noch weiter ausbalancieren zu können" schreiben sie.  Die Mitarbeiter seien  "seit über einem Jahr tagtäglich weit über der zumutbaren Belastungsgrenze". Und sie warnen davor, den Einsatz die Zahlen zu den freien Betten auf den Intensivstationen an den Kliniken falsch zu interpretieren. "Es kann nicht sein, dass genau diese Bereitschaft des Klinikpersonals nun zum Trugschluss führt, dass wir noch weitere Ressourcen auf unseren Intensivstationen hätten", heißt es in dem Post. 

Auf Facebook erhält das Klinikum Fürth fast ausschließlich Zuspruch für das Video und den Post. "Ich wünsche jedem, der diese Meinung teilt, dass er "uns" niemals braucht", schreibt eine Userin, die auch als Pflegerin arbeitet. Ein Verkäufer im Einzelhandel schreibt: "Unsere Belastungsgrenze ist auch erreicht. Jeden Tag viele die auf Abstand pfeifen und uns Verkäufer beleidigen, weil wir an die Maskenpflicht erinnern." Andere danken den Pflegern des Klinikums Fürth für ihre Arbeit, kommentieren mit Herzen, einer schreibt: "Ihr seid für mich die Helden."

Im Stadtgebiet Fürth ist die Sieben-Tage-Inzidenz am Donnerstag (22.04.2021) derweil nach aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI) auf 294,2 angestiegen (Vortag 276,3). Das RKI meldet im Stadtgebiet 97 neue Corona-Fälle und einen Corona-Toten. Auch im Landkreis Fürth ist die Sieben-Tage-Inzidenz zuletzt weiter angestiegen - liegt aber niedriger als im Stadtgebiet. Alle aktuellen Zahlen lesen Sie in unserem Corona-Ticker.