Sein erstes Handy besorgte sich Werner Wolf im Jahr 1996. Daran erinnert sich der 57-Jährige deshalb so gut, weil dieses kleine Teil aufs engste mit zwei großen Ereignissen seines Lebens verknüpft ist. "Es war mitten im Wahlkampf und meine Frau saß zu Hause und war hochschwanger", erzählt Wolf. Weil er viel zu wenig bei ihr sein konnte, legte er sich dieses Handy zu.

Am 24. Februar 1996 kam dann Tochter Anja zur Welt - und zwei Wochen später gewann Werner Wolf die Wahl. Seitdem ist er Bürgermeister. Seitdem hat sich sein Umgang mit dem Handy drastisch verändert. "Die Arbeit eines Bürgermeisters ist anders gar nicht mehr denkbar", sagt er. Viele Gespräche führe er unterwegs per Telefon.

Noch wenige Wochen, dann wird sich Wolfs Umgang mit dem Handy abermals drastisch verändern: Zumindest als Bürgermeister wird er sich ab Mai an diesem Telefon nicht mehr melden.

Warnung des Arztes

Schöne Symbolik: Die Geburt seiner Tochter war mit der "Geburt seiner Bürgermeisterlaufbahn" verbunden. Und jetzt, da Tochter Anja ihre Volljährigkeit gefeiert hat, ist auch das Amt des Vaters vollendet. Obwohl der Entschluss, nach 18 Jahren aufzuhören, nicht ganz frei gefallen ist, räumt Werner Wolf etwas wehmütig ein. Gerade weil er seiner Aufgabe so leidenschaftlich nachgegangen war, muss der 57-Jährige nun von ihr lassen. Es sei schwer gewesen, sich das einzugestehen, sagt Wolf.

"Sie müssen raus" - das hatte ihm der Arzt längst gesagt. Im Sommer hatte Wolf dann acht Wochen Pause gemacht und sich "wieder "topfit gefühlt". Aber die Symptome der Erschöpfung waren schleichend zurückgekehrt. Es sei so einer Art "übersteigertes Verantwortungsgefühl", das ihn nicht zur Ruhe kommen lasse, sagt Wolf - "ein geistig nicht loslassen können". Nicht loslassen, das hieß: Immer mehr Nebenämter; immer mehr innerparteiliche Arbeit; immer mehr Mitgliedschaften in Vereinen... Irgendwann war eine 60 Stunden-Woche keine Ausnahme mehr.

Bitter!

Bis zu jenen Moment im November. "Es ist nicht leicht, sich einzugestehen, dass die Kraft nicht mehr da ist. Es ist auch bitter." Denn die Freude, Bürgern zu begegnen, war ein Stück Lebenselixier für Werner Wolf geworden. "Die Leute haben keine Hemmung, einen anzusprechen." Das beginnt schon im Kindergarten, wo ihn die Kleinen mit "Hallo Bürgermeister" begrüßen. "Da geht mir das Herz auf."

Den Entschluss, aufzuhören, nahm seine Familie "erleichtert" auf. Er spürte diese Erleichterung allerdings erst nach einer Phase der Trauer: "Man gibt ja ein Stück Leben auf." Und jetzt? "Ich lebe hier, ich bin Teil der Bevölkerung", sagt der geborene Betzensteiner. Bevor er Bürgermeister wurde, arbeitete er als Amtmann im Notariat Gräfenberg. In der Stadt fühlt er sich zu Hause - und er will weiter seinen Beitrag leisten. Er werde als Stadtrat kandidieren. "Das Interesse an der Kommunalpolitik bleibt. Aber ich weiß, dass ich nicht mehr die erste Geige spielen werde."

Zwei Mandate erwünscht

Wenn Wolf über künftige Projekte redet, kommt einiges zusammen: Mandate im Stadtrat und im Kreistag stehen auf der Wunschliste; den ASB-Vorsitz wird er behalten; die Leitung des Lohnsteuer-Hilfe-Vereins bezeichnet er als "mein Hobby". Und natürlich werde er viel Zeit seiner Frau widmen, "die mir all die Jahre den Rücken frei gehalten hat".

Wenn er von "all den Jahren" erzählt, wird auch die Erleichterung spürbar, dass Einschneidendes gelang. Darunter pragmatische Dinge wie die Wasserversorgung, an der sich die Gräfenberger seit den 60er Jahren abgearbeitet hatten und deren Ausbau unter Bürgermeister Wolf endlich vollendet wurde. Als "wertvollste Erfahrung" hebt der 57-Jährige die Auseinandersetzung mit den Neonazis in Gräfenberg hervor. Ihnen, unterstützt von einer "couragierten Bürgerschaft", die Stirn geboten zu haben - "das macht mich heute noch stolz".

Und dann geschah ganz am Ende, bei der letzten Sitzung des Finanzausschusses, auch noch "ein kleines Wunder": Der aktuelle Haushalt schloss mit einem Überschuss von 1,7 Millionen Euro. Dank der Strukturhilfen der Jahre 2012 und 2013 war dies möglich geworden. "Die Finanzsorgen haben mich während meiner ganzen Amtszeit begleitet, sie waren manchmal wie eine Zwangsjacke." Und plötzlich war es sogar möglich geworden, eine Million Euro Schulden zu tilgen. "Das habe ich mir nicht mehr zu erträumen gewagt". Daher hatte Werner Wolf seinen Kämmerer zum Abschluss eine Frage gleich mehrfach gestellt: "Haben Sie sich wirklich nicht verrechnet?"