Mein Geschlecht ist kein Ausschlusskriterium. Trotzdem bin ich der einzige Mann auf dem Parkett in der Baskidhall in Bamberg. Ich versuche, eines der zehn Mädels neben mir zu fokussieren, um die schnellen Bewegungen richtig nachzumachen.

Es bleibt beim Versuch: Wenn die Brose Bamberg Dancers den linken Fuß vorne haben, ist es bei mir der rechte. Wenn sie die eine Hand an den Hinterkopf führen, benutze ich die andere.

Stark begonnen, stark nachgelassen

Meine mangelnde tänzerische Begabung bringt die Frauen zwischen 17 und 27 Jahren immer wieder zum Schmunzeln. Dabei hatte das Training mit den Cheerleadern des Bamberger Basketball-Bundesligisten so gut angefangen: Lauf-ABC? Kann ich. Dehnen? Gehört zu meinem Alltag, seit ich die 30 überschritten habe. Sogar die Aufwärmchoreografie zu "Call on me" von Eric Prydz sagt mir zu: kurze Wiederholungen, relativ einfache Bewegungen. Das klappt ganz ordentlich.

Doch ehe ich von einer Tanz-Karriere in der Brose-Arena träume, wo ich in den Auszeiten als Hahn im Korb die Zuschauer der Heimspiele von Brose Bamberg unterhalte, schallt der Begriff Spagat durch die Halle. Die jungen Frauen zeigen mir barfuß, dass es drei Arten des Spagats gibt: linkes Bein vorne, rechtes Bein vorne und Beine seitlich.

Meine Schuhe dafür auszuziehen, kann ich mir sparen. Lediglich Paula muss wegen eines gerade erst verheilten Muskelfaserrisses vorsichtig sein und lässt mich nicht ganz so hilflos und verloren bei dieser Übung aussehen.

Separates Bein- und Sprungtraining

Das Aktivieren der Muskeln, Bänder, Sehnen und Gelenke in sämtlichen Körperteilen nimmt im Training viel Zeit in Anspruch. Auch die Beinhaltung und das Springen werden separat geübt. Und man kann dabei viel falsch machen und komplett aus dem Takt geraten kann. "Die Beine weiter nach vorne", ruft mir Coach Melanie zu. Auch bei meinen Trainingspartnerinnen hat die 36-Jährige etwas zu bemängeln. Zwar ist die Synchronität der kompletten Gruppe nach der langen Corona-Pause nicht ganz so entscheidend, die richtige individuelle Ausführung liegt Melanie aber am Herzen.

Mein T-Shirt ist bereits von Schweiß durchtränkt. Meine 1,5-Liter-Wasserflasche halb leer - und jetzt folgt erst das eigentliche Tanzen. Bis zu 30 Choreografien, von sportlich über feminin bis Hip-Hop, hat die Gruppe pro Saison im Repertoire. Für Neulinge, die aus der eigenen Jugend kommen oder von extern dazustoßen, ein immenses Pensum. Kein Wunder, dass die Dancers zwei Mal die Woche je zweieinhalb Stunden trainieren. Lediglich 14 Tage Sommerpause haben die Sportlerinnen in einem normalen Jahr - ohne Pandemie.

Die Musik für den nächsten Tanz - "Don't Cha" von den Pussycat Dolls - trifft meinen Geschmack und fordert geradezu zum Bewegen auf. Unbewusst kreiere ich eine eigene Choreografie. In das Programm der Dancers schafft sie es aber sicher nicht. Beim Anblick meines Spiegelbilds, das sich zwischen zehn tanzerfahrenen Mädels doch ein wenig zum Affen macht, kommt mir eher der Song "Dance Monkey" in den Sinn. Dann mache ich eine weitere Erfahrung: Auch beim Tanzen gibt es eine Auswechselbank. Als Stühle als Hilfsmittel für einen von Nadine ausgedachten Tanz aufs Parkett gestellt werden, ist schnell klar: Dafür reicht mein Talent nicht. Mir wird eine Pause verordnet. Mir wird bewusst, dass ich als Gast der Dancers nicht nur wegen der anderen Farbe meines T-Shirts aus der Reihe tanze. Das Casting am Samstag kommt für mich nicht in Frage. Und mir ist jetzt auch klar: Cheerdance ist eine Sportart, die enormen Trainingsfleiß verlangt.

Tanzsport Von Garde bis Cheerleading: Was ist was?

Im Jahr 2011 nahm die heutige Cheftrainerin Sandra Albrecht einen Teil ihrer Gardegruppe aus Bad Staffelstein mit nach Bamberg und gründete das damalige Brose Baskets Dance Team. Der Rest der Formation, die heute Brose Bamberg Dancers heißt, kommt unter anderem aus Erlangen, Bayreuth und Redwitz. Zunächst versuchten sie, Cheerleading und Tanzen zu kombinieren, doch das stellte sich als schwierig heraus. Wo liegen die Unterschiede zwischen den drei Stilen? Cheerdance ist ein sportlicher Tanz mit Elementen aus verschiedenen Tanzrichtungen wie Jazz, Hip-Hop und klassischem Ballett. Er zeichnet sich durch starke und klare Bewegungen mit den typischen Cheer-Armpositionen, Jumps und Kicks aus.

Beim Cheerleading ist der tänzerische Fokus kleiner, es geht mehr um akrobatische Elemente wie Saltos, Überschläge, Hebefiguren und Pyramiden. Dazu kommen die typischen Pom-Poms in den Händen.

Gardetanz ist eine komplett andere Tanzrichtung, allein schon durch die gesanglose Musik im 4/4-Takt. Es gibt viele wechselnde Positionen, die typischen "Kick-Lines". Ähnlich zu den anderen beiden Formen sind nur Techniken wie der Spagat und das Strecken der Füße. Haupteinsatzzeit ist der Fasching. Es gibt auch einige Männergarden.

Sexismus: "Der Schuss von Alba Berlin ging nach hinten los"

Melanie Altenfeld aus Litzendorf ist eine der Trainerinnen der Brose Bamberg Dancers, die sich nach der langen Corona-Pause erst am 4. Juli wieder zusammengefunden haben, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Woher habt ihr eure Tänze?

Die überlegen sich die Betreuer selbst. Manchmal bringen die Mädels ihre Ideen ein. Es kommt auch vor, dass eine von ihnen ein bestimmtes Lied toll findet und wir uns dazu gemeinsam eine Choreografie überlegen.

Wie lange dauert ein Tanz?

Wir haben alles auf die Auszeiten bei Heimspielen von Brose Bamberg ausgerichtet. Die dauern 60 Sekunden. Abzüglich rein- und rauslaufen bleiben uns etwa 40 Sekunden pro Auftritt.

Wie viele Mitglieder habt ihr? Im Moment sind wir 22 Tänzerinnen plus vier Coaches bzw. Betreuer. Das Maximum sehe ich bei etwa 25 Mädels. Bei privaten Veranstaltungen treten wir mindestens zu acht auf, darunter ist es optisch nicht sinnvoll. Wofür kann man euch denn buchen?

Zum Beispiel für Firmenfeiern, Geburtstage und Charity-Veranstaltungen. Dort zeigen wir ein etwa fünfminütiges Medley aus mehreren Tänzen. Da der Auftritt relativ kurz ist, nehmen wir Aufträge mit maximal einer Stunde Fahrtzeit an. Aufgrund der vielen Heimspiele von Brose Bamberg haben wir aber nur drei bis fünf solcher Buchungen pro Jahr. Der Fokus liegt ganz klar auf den Vorträgen beim Basketball. Können bei euch auch Männer mitmachen? Theoretisch ist das nicht ausgeschlossen. Es war sogar mal einer bei einem Casting, hat es aber nicht in die Mannschaft geschafft. Es muss eben auch gruppenintern passen und da wäre es für einen Mann wahrscheinlich schwierig.

Leicht bekleidete, junge Frauen, die in der Öffentlichkeit tanzen - immer ein Reizthema. Der neue deutsche Basketball-Meister Alba Berlin hat sein Cheerleading-Team im vergangenen Jahr mit dem Sexismus-Argument verbannt. Wie finden Sie das?

Es ging ein Raunen durch die Liga. Ich finde, der Verein hat es schlecht kommuniziert. Der Schuss ging gewissermaßen nach hinten los, weil die Mädels erst dadurch in eine Schublade gesteckt wurden. Die Gruppe hat sich kurz danach aufgelöst. Ich empfinde das Tanzen als Sport mit Optik. Es gehört im Basketball einfach dazu. Viele Zuschauer sehen das gerne, vor allem kleine Mädels erfreuen sich daran.

Haben die Brose Bamberg Dancers schon Erfahrung mit Sexismus gemacht?

Nicht direkt. Ich habe lediglich mal von Sprüchen in einem sozialen Netzwerk gehört. Uns ist klar, dass wir nie den Geschmack von allen treffen, was die Musik, die Tänze und die Kostüme angeht. Gegen konstruktive Kritik, wenn zum Beispiel ein Rock unvorteilhaft aussehen würde, hätten wir auch nichts einzuwenden.

Casting am Samstag

Die Brose Bamberg Dancers suchen am Samstag von 10 bis 13 Uhr in der Baskidhall (Kornstraße 20) neue Mitglieder. Mitmachen kann jeder, der im Lauf der kommenden Saison 18 Jahre alt wird. Nach einem gemeinsamen Aufwärmen studieren die Neulinge mit etablierten Tänzerinnen eine Choreografie ein und tanzen diese in Vierer-Gruppen vor. Die Jury, bestehend aus den Betreuern, Stefanie, Melanie, Sandra und Jan entscheidet dann, wer für eine fünfwöchige Probephase Teil des Teams wird. Die Anmeldung erfolgt über die Homepage der Dancers unter www.brosebambergdancers.de. Bislang haben sich neun Mädchen angekündigt.