Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) konnte in Forchheim nur schwer Fuß fassen. Sie stand im Geruch, eine "rote" Organisation zu sein und für die SPD Werbung zu machen. Ihre Gründung in Forchheim fand zudem genau in der Zeit statt, in der in Forchheim der von den Amerikanern eingesetzte kommissarische Bürgermeister Fritz Ruckdeschel (SPD) abgewählt und im Stadtrat eine satte CSU-Mehrheit die kommunale Politik bestimmte.

Federführend bei der Gründung der Arbeiterwohlfahrt am 22. Februar 1947 in der "Fränkischen Bierstube" war ausgerechnet ein pensionierter Studienrat, der zudem noch im Haus seiner Frau in der Zweibrückenstraße 41, wo er auch selbst wohnte, eine Geschäftsstelle der Awo einrichtete. Und er war - nicht zu vergessen - parallel zur Awo acht Jahre lang Vorsitzender des Haus- und Grundbesitzervereins Forchheim, also eine Person, die nicht gerade typisch für das Milieu war, in der sich der Wohlfahrtsverband seit seiner Gründung1919 als Organ der SPD entwickelt hatte.

Aber getreu seinem Gelübde, das Moritz Lochner (1885-1956) in einer "katastrophalen Bombennacht in Nürnberg" getan hatte: "Diene deinem Nächsten!", engagierte er sich nach seiner Pensionierung in seiner Heimatstadt für die immer größer werdende Zahl "heimatloser, verstörter, kranker Menschen, die fast nichts mehr am Leibe hatten".

Die Awo wurde 1933 genau wie die SPD durch die Nationalsozialisten verboten und ihr Vermögen eingezogen, während Caritas, Innere Mission und Rotes Kreuz unter Einschränkungen ihre Organisationen aufrechterhalten konnten. Nach Kriegsende ließ die amerikanische Militärregierung ab Ende 1945 die Gründung lokaler "Awo-Ausschüsse" wieder zu, bestand aber bei der Neuorganisation auf strikter parteipolitischer Neutralität.

Kein eingetragener Verein

In der Gründungsversammlung in der "Fränkischen Bierstube" am 22. Februar 1947 konstituierte sich die Arbeiterwohlfahrt als "Ortsausschuss" und war damit kein eingetragener Verein. Fritz Hoffmann, damals Leiter des Städtischen Wohnungsamts, später Zweiter Bürgermeister (1952-1965), hob deutlich hervor, dass die Awo zwar aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen, aber keinesfalls nur für Arbeiter da sei.

Moritz Lochner mühte sich nach seiner Wahl zum ersten Vorsitzenden damit ab, Spender und Sponsoren für die Awo einzuwerben. "Es ist schwer, zu sagen, wie einem zu Mute ist", sagte er zwei Jahre später, wenn die ersten Hilfesuchenden kommen und "man noch nichts geben kann als ein paar vertröstende Worte". Er suchte "Freunde und Gönner unserer heimischen Industrie auf", den Landrat und viele mehr. Aber die "ersten Begegnungen waren zunächst etwas abwartend bzw. zurückhaltend", hielt er fest, "die ersten Erfolge sogar etwas dürftig".

Dem Landrat schrieb er nach einem Gespräch in seinem unverwechselbaren Stil, er habe den Eindruck, Schoenbach lasse es wegen "einer vorgefaßten Meinung über die Vaterschaft" der Awo an Unterstützung fehlen. Immerhin gelang es Lochner, bei der Eröffnung der Awo-Geschäftsstelle am 14. Juni "15 Alte und Invalide" mit jeweils 30 Reichsmark Unterhaltsbeihilfe zu bedenken. Der Schwerpunkt der Unterstützung aber lag auf Heimkehrerhilfe. Bis zur Währungsreform im Juni 1948 wurden an "194 Heimkehrer 3.410 RM Bar-Unterstützungen, 79 neue Oberhemden, 4 Coupons Anzugstoffe, 36 blaue Berufsanzüge, 28 neue Hosen und Joppen, 36 m Herrenstoffe (Meterware) usw." ausgegeben.

Am 16. Juni 1947 gewann die Awo mit der Einstellung der Rot-Kreuz-Schwester Eva Narr (1910-1975) als hauptamtliche Fürsorgerin eine sehr sozial und auch politisch engagierte Frau. Sie wurde 1948 als einzige und erste Frau nach Kriegsende in den Stadtrat gewählt und 1950 in den bayerischen Landtag.

Mit ihr und Fritz Hoffmann zeigte die Awo, wie Moritz Lochner sagte, auch öffentlich "ihr sozialdemokratisches Gesicht". Aber das bedeute nicht, dass sie nur für Arbeiter da wäre. Sie gelte allen Notleidenden, organisiere aber die Wohlfahrtspflege aus ihrer Tradition heraus im Geiste "der Selbsthilfe, der Kameradschaftlichkeit und der Solidarität".

Feier für 225 Kinder und Alte

Das erklärt auch, dass anfangs die Beratung stark im Vordergrund stand. In den ersten zwei Jahren kamen 2284 Rat- und Hilfesuchende, die meisten wegen Wohnungsangelegenheiten (932) und wirtschaftlichen Notlagen (675). Mit Eva Narr und einem ehrenamtlichen "Helferstab" gelang es im Dezember 1947, für "225 Kinder und Alte" eine Weihnachtsfeier zu veranstalten und sie mit Geschenken im Wert von "mindestens 3500 Reichsmark" zu bedenken.

Im Jahr darauf waren es schon "250 Kinder und 35 Alte."

Daneben waren es auch Frauen mit kleinen Kindern, die bei Kriegsende in großer Not waren. Für sie hatte vor 1945 die "Nationalsozialistische Volkswohlfahrt" in der "Alten Hornschuchvilla" (Bayreuther Straße 17) ein "Säuglingsheim" eingerichtet. Der Forchheimer "NS-Frauenschaft" war die Fürsorge im Rahmen des Hilfswerks "Mutter und Kind" ein besonderes Anliegen gewesen.

Die Awo hätte das "Säuglingsheim" gern übernommen, scheiterte aber an den Vorbehalten, die "ortsansässige Behörden" ihr gegenüber hatten, wie Moritz Lochner in der ersten Jahreshauptversammlung 1948 ausführte. Ob das, wie er meinte, sich zu einem "Skandal mit politischer Ausrichtung" entwickeln würde, muss noch eigens untersucht werden.

Jedenfalls richtete die Awo im "Gasthaus zum Hirschen" für 17 Säuglinge eine Notunterkunft ein. Die Idee scheiterte, über das Säuglingsheim ein Erziehungsheim aufzubauen, das "über den Kindergarten hinweg auch eine Tagesheimstätte für unbeaufsichtigte und ein Jugendheim für gefährdete Jugendliche umfassen soll". Die Caritas war schneller und sicherte sich die Villa durch einen rechtlich umstrittenen Pachtvertrag vor der Awo und dem Roten Kreuz. Später richtete die Awo im Schloss Wiesenthau ein Altersheim mit 84 Betten ein, das Lochner betreute.

Neue Wege aber wurden mit dem Aufbau einer "Nähstube" für arbeitslose junge Frauen beschritten. In Forchheim suchten 1949 nach ihrer Schulentlassung 90 Jungen und 160 Mädchen einen Ausbildungsplatz. Deutschlandweit hatte die Awo 1735 Nähstuben errichtet. In Forchheim startete sie am 10. Januar 1949 mit 38 Teilnehmerinnen im Kronengarten unter Förderung des bayerischen Arbeits- und Sozialministeriums.

In Forchheim wurde Kunigunde Ziegler Schulleiterin. In 30 Wochenstunden wurde Nähen und Handarbeit unterrichtet sowie Kenntnisse in Hauswirtschaft, Gesundheits-, Säuglingspflege vermittelt. Frau Christa Schlurick hat damals als 15-Jährige die Nähschule besucht. Sie war als Kind aus Schlesien geflüchtet und im Januar 1945 mit ihrer Familie in Drügendorf untergekommen. Mit dem Bus fuhr sie die Woche über zur Nähschule nach Forchheim. "Ich habe der Nähschule viel zu verdanken", sagt sie am Telefon. "Wir haben viel gelernt. Mit Nähen und Ausbesserungsarbeiten konnte ich mir nebenher etwas verdienen. Und die Tipps, die wir bekamen, haben mir später auch geholfen, einen Ausbildungsplatz als Bürogehilfin zu bekommen."

Bis Ende 1949 stieg die Zahl Mädchen auf 78, alle zwischen 14 und 18 Jahre. Neben dem Umgang mit der Nähmaschine standen dann auch Säuglings- und Krankenpflege, Anstandslehre und literarische Bildung auf dem Stundenplan.

Außer Ziegler waren dafür zwei "staatlich geprüfte Lehrkräfte", Anna Hahn und Kläre Höhne, zuständig. Die praxisnahe Ausbildung zahlte sich aus. Innerhalb von drei Jahren erhielten 135 der Absolventinnen einen Arbeitsplatz. Die Schule selbst musste wandern, vom Kronengarten in die VfB-Halle und 1951 in den zweiten Stock der Firma Seltsam. Moritz Lochner, der sich intensiv für die Nähschule einsetzte, wollte mehr.

Ihm schwebte vor, eine "Wirtschaftsschule für künftige Hausfrauen" aufzubauen. Es blieb ein Traum, weil in den 50er-Jahren der Wirtschaftsaufschwung begann, die Arbeitslosigkeit nachließ und dementsprechend auch mehr Lehrstellen angeboten wurden. Am 15. April 1956 wurde die Nähschule vorläufig eingestellt, danach nicht mehr aufgemacht.

Keine eigenes Haus

Ebenso gelang nicht - was Lochners sehnlichtster Wunsch war -, ein eigenes Heim für die Awo zu bauen. Zwar stiegen die Mitgliederzahlen an, von unter 100 im Gründungsjahr auf 217 Ende 1949, aber ein eigenes Zuhause blieb ihnen verwehrt. Immerhin konnte der Sozialverband 1970 auf Dauer in das Waisenhaus einziehen, hier seine Geschäftsstelle einrichten und dem 1961 gegründeten Altenclub eine feste Heimstatt geben.

Beim 60. Gründungsjubiläum der Awo beklagte 2007 der Ehrenvorsitzende Alfred Hintzen (1916-2011), wie schwer man es seinem Wohlfahrtsverband in den Anfangsjahren gemacht habe. Awo-Geschäftsführerin Lisa Hoffmann (von 1988 bis 2018) dagegen meinte, dass diese Zeiten überwunden und die SPD-nahe Awo heute "ein gleichberechtigter Partner" unter den in Forchheim tätigen Sozialverbänden sei.