Auf dem Rathausplatz haben sie sich verabredet. Es ist 8 Uhr. Am Donnerstagmorgen ist die Innenstadt noch menschenleer. Da holen mehrere Frauen, mit Mund-Nasen-Schutz maskiert, große Bettlaken hervor. Heimlich hängen sie vier Spruchbänder über die Bauzäune vor dem Rathaus: "Schule und Kita auf", "Sport- und Spielplätze auf", "Kinder haben Rechte - leider keine Wählerstimmen" und "Kinder brauchen Kinder". Die Frauen wollen unerkannt bleiben und mit der unangemeldeten Protestaktion ein Zeichen setzen: Gegen die Corona-Beschränkungen, die Kinder und Familien belasten, und für Lockerungen.

"Kinder sind diejenigen, die am meisten unter dieser Krise leiden", erklärt Martina M. (Name von der Redaktion geändert) gegenüber dem Fränkischen Tag Forchheim. Hinter der konspirativen Aktion steht eine Gruppe Forchheimer Mütter. Nachdem sie ihre Spruchbänder aufgehängt haben, verlassen sie schnell wieder den Rathausplatz. Wie ihre Mitstreiterinnen will Martina M., berufstätige Mutter zweier Kinder, anonym bleiben, weil sie Nachteile für sich befürchtet.

Die sechs befreundeten Mütter aus Forchheim und Umgebung möchten mit ihrer unangemeldeten Aktion Bewusstsein für ihre schwierige Situation schaffen, die die Corona-Krise, Ausgangsbeschränkung und Kontaktsperre auslösen, sagt M. "Kinder haben auch Rechte. Darauf wollen wir aufmerksam machen."

Sie und ihre befreundeten Forchheimer Mütter haben Kinder im Alter von drei bis 15 Jahren. Die Gruppe kritisiert, dass die Kinder wegen Corona seit Wochen daheim bleiben müssen. Kitas sind bis auf eine Notbetreuung geschlossen, Sport- und Spielplätze gesperrt. Der meiste Schulunterricht findet zuhause statt, lediglich die Abschlussklassen dürfen seit Montag, 27. April, wieder in die Schule. Kinder können auf unbestimmte Zeit nicht zum Sportverein, auch Treffen mit Freunden sind tabu.

Schlecht für die kindliche Psyche

"Unsere Kinder brauchen wieder Kontakt mit Gleichaltrigen. Das im Moment ist für die kindliche Psyche schlecht", sagt Martina M. Sie hat eine zwölfjährige Tochter und einen zehnjährigen Sohn. Die Mutter berichtet, wie ihre Kinder unter dem "Hausarrest" leiden und aggressiver werden würden. Der "Lagerkoller" in den eigenen vier Wänden nehme zu.

Keinen politischen Hintergrund

Viele Eltern belaste die jetzige Situation sehr. Deswegen hat sie sich mit ihren Freundinnen über Telefon, Whatsapp und Skype kurzgeschlossen und die Protestaktion geplant. Zuhause sind Bettlaken in Zusammenarbeit mit den Kindern bemalt worden. Martina M. betont: "Wir sind einfach befreundete Mütter aus Forchheim und gehören keiner politischen Gruppe an. Mit der Aktion wollen wir für die Rechte unserer Kinder ein Zeichen setzen."

Das Zeichen vor dem Forchheimer Rathaus hing allerdings nur kurz. Auf Anweisung von Oberbürgermeister Uwe Kirschstein (SPD) sollten die unangemeldeten Spruchbänder wieder entfernt werden, erklärt Sigrid Mauser vom Forchheimer Ordnungsamt. Am Nachmittag hängte Mauser die Bettlaken wieder ab. Man hätte den Besitzer (also die Stadt) vorher fragen müssen, erläutert Mauser. Die Spruchbänder könnten im Ordnungsamt abgeholt werden.

Kinderschutzbund betont: In Familien kommt es zu immer mehr Problemen

Auch Elisabeth Hümmer vom Kreisverband Forchheim des Kinderschutzbundes kennt die Auswirkungen, die die Corona-Krise für Kinder hat. "In den Familien kommt es daheim zu mehr Problemen. Die Kinder sind unterfordert und manche Eltern überfordert.", sagt Hümmer. Für viele Eltern ist die gleichzeitige Kinderbetreuung und Homeoffice eine zu hohe Doppelbelastung.

Der Kinderschutzbund bekomme deutschlandweit im Laufe der Corona-Krise immer mehr Telefonanfragen, die familiären Probleme nehmen zu. Auf landkreisebene gebe es keine Auswertung, erklärt Hümmer.

Fehlende Sozialisation der Kinder

Ein Problem an der aktuellen Situation: "Dadurch dass die Kinder nicht in Kita und Schule gehen können, fehlt ihnen auch die nötige Sozialisation." Kinder bräuchten für ihre Entwicklung auch Kontakt außerhalb der Familie mit anderen Betreuern, Lehrern oder Gleichaltrigen.

Deshalb sei es auch von Seiten des Kinderschutzbundes ein Wunsch, dass zum Beispiel die Spielplätze wieder geöffnet werden. Hümmer gibt zu bedenken: "Nicht jede Familie ist damit gesegnet, dass sie einen Garten zuhause hat." Eine Öffnung der Spielplätze sei gerade für sozial schwächere Familien wichtig.

Der Kinderschutzbund plädiere deshalb für sukzessive Lockerungen für die Kinder. "Wir sind auf dem richtigen Weg mit den ersten Schulöffnungen", sagt Hümmer und fügt hinzu: "Aber bevor man zum Beispiel an Stadionöffnungen im Profifußball denkt, sollte man erst mehr für die Kinder und Familien tun."