Die gesteckten Ziele sind nicht neu: Treibhausgase reduzieren, die Mobilität im ländlichen Raum verbessern und Alternativen zum Auto voranbringen. Der Mobilitätsausschuss des Forchheimer Kreistages will die Verkehrswende in der Region: Zwei Anträge (von der FW- sowie der SPD-Fraktion) mündeten nun in einem geplanten Konzept für "Nachhaltige Mobilität", das der Klimaschutzmanager Dominik Bigge vorstellte (siehe Konzept unten). Der Fränkische Tag Forchheim hat den Mobilitätsforscher Professor Harald Kipke von der Technischen Hochschule Nürnberg befragt, welche Wege hin zu klimaneutralerem Verkehr für die Region zukunftsweisend wären.

Herr Professor Kipke, als Verkehrswissenschaftlicher beschäftigen Sie sich intensiv mit dem Thema: Sind derartige Konzepte geeignet, um Fortschritte bei klimaneutralerem Verkehr zu erzielen?

Harald Kipke: Ein Grundproblem sehe ich auch hier: Um die Ziele für mehr Nachhaltigkeit wirklich zu erreichen, geht es, ganz ehrlich gesagt, viel zu zögerlich voran. Viele Ideen klingen gut. Jedoch wird ständig versucht, immer ein bisschen etwas zu verbessern. Aber das reicht nicht. Das zweite große Problem: Die Möglichkeit zu kontrollieren, welche Maßnahmen tatsächlich etwas bringen, darf nicht fehlen.

Der Mobilitätsbedarf in den 29 Kommunen soll ermittelt werden. Was wäre Ihrer Meinung nach zielführender?

Besser wäre es, ein laufendes Monitoring zu entwickeln, ob die eigenen Ziele überhaupt erreicht werden. Es gibt Instrumente, um Fortschritte oder Verbesserungen in der Mobilität messen zu können - damit könnte man das Planungsbüro beauftragen. Zum Beispiel könnten auch in der Fränkischen Schweiz Verkehrsmengen gemessen werden. Querschnitt-Messungen zum Beispiel beim Auto- oder Bahnverkehr können dann als Indikatoren für bestimmte Maßnahmen herhalten. Die Stadt Nürnberg weist zum Beispiel im Binnenverkehr den sogenannten Pegnitzschnitt aus. Oder bei der Elektromobilität gibt es die Überlegung: Wenn der Verkauf von Treibstoffen in einer Region zurückgeht, wäre das ein klarer Indikator für Erfolg. Ohne solche Instrumente besteht die Gefahr, dass die Verantwortlichen Maßnahmen umsetzen, ohne dass man weiß, ob sie wirklich Wirkung zeigen oder etwas passiert.

Mikromobilität, intermodale Verkehrswege, digitale Innovationen. Was ist den Menschen bei der Wahl des Verkehrsmittels eigentlich am wichtigsten?

Das Wichtigste für den Bürger ist Verlässlichkeit. Wer im öffentlichen Personennahverkehr wirklich etwas verbessern will, der sollte nicht kleckern, sondern klotzen. Und für hochwertige Infrastruktur im ÖPNV muss Geld in die Hand genommen werden. Zum Beispiel für ein durchgehendes Bus- oder Bahnangebot in ländlichen Regionen. In dünn besiedelten Landstrichen wie der Fränkischen Schweiz sollte man sich auf die wichtigsten Verkehrsachsen konzentrieren. Anrufsammeltaxis oder Rufbusse sind keine echten Optionen. Stattdessen sind beispielsweise fußläufige Anbindungen an die Haltestellen enorm wichtig. Zudem könnten an den Umsteigepunkten Abstellanlagen, Briefkästen oder Geldautomaten eingerichtet werden. So dass es schön und bequem ist, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.

Lohnt sich das? Der ÖPNV gilt doch als Draufzahlgeschäft?

Das ist ein grundsätzliches Problem: Der öffentliche Personennahverkehr hat noch immer die Aura des Defizitären. Dabei wird aber oft Wirtschaftlichkeit mit Rentabilität verwechselt. Ich rechne immer vor: Würde man im ÖPNV in Deutschland die Linien maximal verdichten und die Busse rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag, fahren lassen, würde das gerade einmal zehn Prozent des gesamten Energiebedarfs des Autoverkehrs ausmachen.

Was verhindert dann die Wende weg vom motorisierten Individualverkehr?

Die Gesetzgebung in Deutschland behindert sehr viele innovative Ansätze. Dass zum Beispiel von Unternehmen bei Neubauten Autostellplätze gesetzlich vorgegeben sind, ist eigentlich Wahnsinn. Das geht genau in die verkehrte Richtung. In Wien gibt es zum Beispiel stattdessen eine Arbeitgeberabgabe zur Finanzierung des ÖPNV.

Wie können mehr Leute, zum Umstieg aufs Rad oder in Bus und Bahn bewegt werden?

Auch der psychologische Aspekt spielt eine wichtige Rolle. Wir müssen den Menschen den Verzicht aufs Auto schmackhaft machen und sie aktiv an der Verkehrswende teilhaben lassen. In der Schweiz veröffentlichen sie die Zahlen an verkauften ÖPNV-Abos. Ein anschauliches Beispiel sind auch die Säulen, die den Radverkehr messen. Oder der Bürgerentscheid zum 365-Euro-Ticket in Nürnberg ist ein Beispiel für aktive Beteiligung. Das motiviert die Bürger zu denken: Das will ich auch haben!

Das Interview führte Ronald Heck.

So will der Landkreis Forchheim die Mobilität nachhaltiger machen:

Beschluss Der Kreis-Mobilitätsausschuss hat mehrheitlich beschlossen, bei einem externen Planungsbüro das Konzept "Nachhaltige Mobilität" erstellen zu lassen. Die Kosten sind mit rund 100 000 Euro veranschlagt; 70 Prozent sind förderfähig, beim Kreis verbleiben 30 000 Euro. Klimaschutzmanager Dominik Bigge schätzt, dass das Ergebnis nicht vor 2022 stehen wird. SPD-Kreisrat Reiner Büttner stimmte als einziger dagegen, da ihm das Konzept nicht "umfassend genug" sei. FW-Kreisrat Manfred Hümmer begrüßte es als einen guten "ersten Schritt".

Inhalt: Das Konzept soll den Mobilitätsbedarf ermitteln, indem Bürger über ein Online-Tool befragt werden. Anschließend sollen Maßnahmen- und Handlungsportfolios für alle 29 Kommunen erstellt werden - inklusive Dauer, Hebelwirkung, Kosten, Chancen und Hürden. Das Konzept soll mit Gemeinden, Fachbehörden, Interessensverbänden und Unternehmen abgestimmt und in bestehende Konzepte (wie Nahverkehrsplan oder ILE) integriert werden.

Ideen: Unter anderem soll das Radwegenetz verbessert werden. Mit Hilfe eines Geoinformationssystems sollen Radwege, -lücken und potenzielle Schnellradwege digital ermittelt und Lückenschlüsse im Alltags- und Pendelverkehr angeregt werden (inklusive Kostenschätzung). Im Zuge des Konzepts soll angeregt werden, Radstellanlagen, "Bike&Ride"-Plätze, Reparaturstationen, öffentliche E-Bike-Ladestationen auszubauen. Auch Carsharing-Angebote im Landkreis (stationäre Modelle, digitale Perspektiven) sollen so erweitert werden.

Das Konzept für "Nachhaltige Mobilität" will zudem herausfinden, wo Synergien zu Kernwegen im Landkreis bestehen; intermodale Verknüpfungspunkte, -formen ermitteln und innovative (digitale) Mobilitätsansätze prüfen. Dabei soll auch Mikromobilität berücksichtigt werden. Bestehende Mobilitätsangeboten wie beispielsweise die ILE-Mitfahrbänke sollen integriert werden. Das Konzept soll mit ADFC, VCD, Klimaallianz, Tourismuszentrum, DEHOGA und Sharing-Anbietern abgestimmt werden.