Im Laufe des Abends konnten die Zuhörerinnen und Lyrik-Liebhaber ihre Ratlosigkeit immer schlechter verbergen: Wie kann ein Poet, der so berührende Liebesgedichte schreibt und der sich selbst den Künstlernamen Said ("Glück") gegeben hat - wie kann er so verzweifelt über das Leben sprechen? Warum betont er immer wieder seine "geringe Liebe zu den Menschen"? Warum hält er die Tiere für "weiser und überlebensfähiger" als sie?
Von einer Welt, die Auschwitz und die Atombombe hervorgebracht habe, und die seit dem Zweiten Weltkrieg in einem "permanenten Dritten Weltkrieg" lebe, erwarte er sich nichts mehr, sagt Said und zuckt ratlos mit den Schultern.


Zuflucht bei den Tieren

Was ihn glücklicherweise aber nicht abhält, sich mitzuteilen.
Seine radikale Weltverneinung illustriert Said in einem Dreischritt: "Das Wichtigste ist die Liebe." Wenn die Liebe versagt, bleibt die "Zuflucht beim Gebet". Und wenn auch die Gebete versagen, "dann bleibt nur eine Zuflucht - bei den Tieren".
Der Forchheimer Autor und Regisseur Rainer Streng, der seit über 20 Jahren eine "literarische Gemeinschaft" mit Said pflegt, stellt ihn als "humorvollen und philosophischen" Dichter vor. Er ist im Rahmen der Literaturtage "Blätterwald" in die Synagogen nach Ermreuth gekommen.
Üblicherweise verbringen Autoren solche Abende lesend, um am Ende ein paar Fragen zu beantworten. Said dagegen liest keine halbe Stunde, um dann sein Publikum in ein abendfüllendes Gespräch zu verwickeln.
Im Zerstören der Illusionen seiner Zuhörer ist der Exil-Iraner (1947 in Teheran geboren) sichtlich geübt. "Diese Frage höre ich öfter", sagt er, als jemand wissen will, inwiefern seine Denk- oder Erzählweise typisch sei für seinen Kulturkreis? Oder ob er nicht lieber in seiner Muttersprache schreiben würde?
"Der Begriff Kultur wird problematischer, je älter ich werde", sagt er. Letztlich sei entscheidend, wer ihm gegenüber stehe und nicht, ob es ein Deutscher sei, ein Iraner oder ein Franzose. Und die Vorstellung, dass die Muttersprache "viel schöner" sei als eine fremde Sprache, führe nur zu endlosen Vergleichen. "Das ist ein Scheiß-Spiel. Bis man das Aufrechnen lässt und erkennt: Du hast dieses Material und damit musst du arbeiten. Man unterwirft sich dem Gesetz einer Sprache."
Said wehrt sämtliche "Konstanten" ab, die mit Begriffen wie "Kulturkreis" oder "Religion" oder "Muttersprache" verbunden sind. Er stellt west-östliche Betrachtungen an, aber er will nicht auf sie festgelegt werden. Nicht umsonst ist sein Programm so überschrieben: "Das Niemandsland ist unseres."
In diesem Said-Land gibt es religiöse Menschen, aber keine verlässliche Religion; es gibt keinen Gott, aber wunderschöne Psalmen, die er an den "Herrn" richtet: "Lass mich eine Wasserlache sein, die Deinen Himmel spiegelt." "Herr, nur wer an Dir zweifelt, sucht Dich." "Herr, belächle unseren Durst nach Vollkommenheit."
Hier betet ein Autor, der Wert darauf legt, persönlich keine Bedeutung zu haben. Nicht die Menschen entscheiden, meint der melancholische Mystiker Said, sondern die Geschichte.
Warum er "Glück" als Namen gewählt habe? "Warum nicht", erwidert Said der Fragerin. "Es ist so, man nimmt einen Namen nicht so wichtig, wichtig ist das Werk, nicht der Autor."
Am unmittelbarsten trifft und erheitert er seine Zuhörer mit den Lesestücken aus dem "Bestiarium". Da gibt es die Zikade, die nicht singt, "sondern die Sonne zersägt"; den Tukan, der am Meer sitzt, aber doch nicht trinken kann "weil er Angst vor Wasserknappheit hat und stirbt". Said macht uns mit dem "grundlos zärtlichen Nashorn" bekannt; mit der "systematisch Kant lesenden" Stechmücke und mit dem "Schutzpatron der Zahnärzte" - dem Krokodil: "Ohne Zahnstocher und Meditation kann es nicht leben".
Auch das Krokodil pflegt also das Gebet. So gesehen lässt Saids Welt keine Fragen offen - es ist eine sinnvolle und freie Welt, weil sie absurd ist.