Seit 45 Jahren führt Bernhard Lang Tagebuch. Darin dokumentiert er die Flora-Bestände seiner Heimat. Wer mit dem 62-Jährigen durch die Bärenschlucht oder zum Kühloch spaziert, lernt einen Naturliebhaber kennen, aus dem die Namen seltener Pflanzen nur so heraussprudeln.

57 Arten alleine aus der Gattung der Farn- und Blütenpflanzen könnte er aufzählen - alle seien sie "durch die Kletterei betroffen", sagt Lang. Darunter einige Raritäten, sogenannte Eiszeit-Relikte. Also Pflanzen, die durch die Vergletscherung aus den Alpen in die hiesigen Naturräume verdrängt worden waren. In der Fränkischen Schweiz gibt es noch sechs dieser Eiszeit-Relikte.
"Da haben wir eine Verantwortung", sagt Bernhard Lang, "wir haben nicht das Recht, Pflanzen mutwillig zu entfernen".

Ausgestorbene Arten

Fünf der 57 Rote-Listen-Arten seien bereits ausgestorben - von den Felsen weggeputzt oder weggetreten. Das will der gelernte Bankkaufmann nicht mehr mit ansehen. Er hat seine Einsichten in einem Beitrag gebündelt und ist in die Öffentlichkeit getreten. Seinen Aufsatz über das Klettern - "aus Sicht des Artenschutzes kritisch betrachtet" - hat der Verein zur Erforschung der Flora des Regnitzgebietes publiziert. Der Essay endet mit einer klaren Ansage: "Ich stelle diesen Beitrag in den Ring, es lohnt sich zu kämpfen."

Potenzielle Gegner in diesem Kampf gibt es viele. Etwa Wolfgang Geißner. Er ist seit 2001 Geschäftsführer im Naturpark Veldensteiner Forst. Von einer "ärgerlichen Angelegenheit" spricht er. Geißner glaubt, dass es "drängendere Themen" gebe, als jene, die Bernhard Lang bewegen: "Die Ackerwildkräuter werden vernachlässigt. Oder jene Mehlbeere, die weltweit nur in Leutenbach vorkommt - sie droht auf der Strecke zu bleiben". Dass Lang stattdessen die 1000 Kletterfelsen ins Visier genommen hat, nervt Geißner: "Ich hab die Arbeit von Lang nicht gelesen. Aber offenbar geht es ihm um etwas ganz anderes als uns. Wir können nicht ganze Täler für die Kletterer sperren." Natürlich gebe es dort, wo Wanderer und Kletterer unterwegs sind, Trittschäden - "und es geht auch mal eine Pflanze kaputt", räumt Geißner ein. Aber: "Naturparke sind für den Menschen geschaffen. Wir sind froh, dass junge Menschen nicht nur vor dem PC sitzen und zu uns kommen. Wir sind stolz auf unsere 10 000 Kletterrouten und darauf, dass wir den Klettertourismus aus der ganzen Welt da haben."

Fronten sind verhärtet

Geißner und Lang kennen sich seit Jahrzehnten, die Fronten sind längst verhärtet. "Ich kann mit den Leuten vom Naturpark keinen Dialog finden", sagt Bernhard Lang. In seinem Bericht sei alles gesagt. Lang erhofft sich jetzt Unterstützung aus der höheren Politik. "Meinen Bericht muss man widerlegen - und das kann man nicht", sagt der 62-Jährige.

Wobei er betont, dass er als junger Mann selbst ein leidenschaftlicher Kletterer gewesen sei und dass er den Kletterern nicht ihr Hobby vergällen wolle. Doch aus Langs Sicht ist die Entwicklung bedrohlich: Im nördlichen Frankenjura habe es in den 50er Jahren keine 1000 Routen gegeben. Mittlerweile sei die Zahl auf über 11000 explodiert. "Niemand mehr kann die Ausmaße dieser Bewegung kontrollieren", ist der Pottensteiner Artenschützer überzeugt.

Alter Wissensstand?

Barbara Eichler hält diese Einschätzung für "unprofessionell". Eichler ist für den Deutschen Alpenverein (DAV) seit 2002 als Regional-Vertreterin für Klettern und Naturschutz im nördlichen Frankenjura und im Fichtelgebirge unterwegs. "Wie wichtig ihm die Pflanzenwelt ist, das kann ich halbwegs verstehen", sagt die DAV-Funktionärin, nachdem sie Langs Publikation gelesen hat.

Was Eichler aber nicht verstehen kann: Lang äußere sich im wissenschaftlichen Tonfall zu Kletter-Konzepten und argumentiere dabei mit 20 Jahre altem Material. Es seien seit den 90er Jahren 14 neue Einzelkonzepte erstellt worden. "Viele Sachen, auf die sich Lang beruft, beruhen auf einem alten Wissensstand. Beispielsweise werden die Felsköpfe von den Kletterern seit 20 Jahren nicht mehr betreten."

Bei der nächsten Jahresversammlung des Vereins zur Erforschung der Flora des Regnitzgebietes will Barbara Eichler den Dialog suchen. Und sie will Dinge zurechtrücken, die von Bernd Lang ihrer Meinung übersehen werden: Dass den Kletter-Organisationen die "Kontrolle und Sorgfaltspflicht entglitte" sei, wie Lang sagt, diesen Vorwurf jedenfalls will Barbara Eichler nicht hinnehmen. "Es gibt Ruhe-Gebiete und in den Vegetationsbereichen ist das Klettern tabu", sagt Eichler. Und wenn Routen ausgewiesen werden, sei immer ein Moos-Experte dabei, betont Eichler. "Wir haben es uns nie leicht gemacht." Das Verschwinden von Pflanzen sofort den Kletterer anzulasten, auch dagegen wehrt sich die DAV-Vertreterin. Es sei belegt, dass manche Pflanzen in manchen Jahren "witterungsbedingt nicht mehr auftauchen".

Bernhard Lang widerspricht dem und beruft sich auf seine eigenen Beobachtungen: Das Schlangenäuglein in der Bärenschlucht zum Beispiel - es sei den Tritten der Kletterer zum Opfer gefallen. "Oder der Sumpfdreizack - nicht mehr da. Und auch das gemeine Fettkraut ist in Teilbereichen verschwunden."



Hintergrund: Natur und Klettern

Naturpark: Gegründet wurde der Naturpark Fränkische Schweiz-Veldensteiner Forst 1995. Das Park-Gebiet reicht von Sulzbach-Rosenberg im Südosten bis nach Lichtenfels im Nordwesten, von Forchheim bis in die Nähe von Bayreuth. Mit 2346 Quadratkilometern Fläche ist der Veldensteiner Forst einer der größten Naturparke Deutschlands.

Konzepte: Über die Kletter-Konzepte informiert die Naturpark-Leitung hier

Kritik: In 45 Jahren Naturbeobachtung hat der Pottensteiner Artenschützer Bernhard Lang seine eigene Sicht auf das Klettern in der Fränkischen Schweiz entwickelt. Nachzulesen ist Langs Kampfansage hier