Eine katholische Kirche im protestantisch geprägten Gräfenberg war lange Zeit undenkbar und auch gar nicht notwendig. "Es gab nur fünf katholische Familien", erinnert sich Gertraud Singer. Bis die Heimatvertriebenen in der kleinen Bergstadt Fuß fassten. Trotzdem dauerte es noch, bis die St.-Michael-Kirche gebaut und vor 50 Jahren geweiht wurde. Bis dahin wurde in dem Kino- und Tanzsaal des Gastwirtsehepaars Gundelfinger der Gottesdienst gefeiert. Das einfache große Leinentuch, auf dem am Samstagabend im Saal der Gastwirtschaft Gundelfinger Kinofilme projiziert wurden, war am Sonntagvormittag der Hintergrund für den Altar.

Vorher nach Weißenohe

Vorher mussten die Katholiken in die Kirche nach Weißenohe. "Jeden Sonntag liefen wir nach Weißenohe in die Kirche", sagt Gertraud Singer, deren Familie zu den wenigen Katholiken gehörte. Gerade im Winter waren diese sieben Kilometer bergab und heimwärts bergauf ein beschwerlicher Weg. Erst als Heimatvertriebene nach Gräfenberg kamen, änderte sich die Situation. Mit Franz Polzer, einem heimatvertriebenen Pfarrer, hatten die Gräfenberger Katholiken den ersten und letzten Seelsorger, wie es Singer beschreibt. Er ist sogar zu den Gläubigen nach Thuisbrunn gelaufen. Die Beichte wurde in einem Zimmer in Singers Haus, dem jetzigen Schreibwarengeschäft, abgelegt.

Raum für Gottesdienst gesucht

Mit den Heimatvertriebenen änderte sich die Zahl der Katholiken in Gräfenberg grundlegend. Aus den fünf Familien sind über 100 Katholiken geworden, die einen Raum für ihren Gottesdienst brauchten. Das weiß Fritz Gundelfinger noch genau, musste er im elterlichen Tanzsaal doch jeden Sonntag 120 bis 130 Stühle für die Gottesdienstbesucher aufstellen. Für die Umgestaltung des Saals vom Kino- oder Tanzsaal in einen Kirchenraum half Fritz Gundelfinger, bevor er selbst in den evangelischen Gottesdienst ging. Ein Tisch wurde als Altar vor die Leinwand gestellt, ein Kreuz aufgehängt, die Stühle wurden in zwei Sitzblöcken angeordnet. "Die Luftschlangen hingen in die Gebetsbücher", erinnert sich Hans-Jürgen Nekolla (SPD), Gräfenbergs amtierender Bürgermeister, an die Gottesdienste nach den Faschings- oder Silvesterfeiern. Zur Zeit des Kirchenbaus war sein Vater der stellvertretende Bürgermeister, Hans Erlwein der amtierende. Zum Dekorieren des Altars kamen zwei Nonnen aus Weißenohe. "Schwester Godina war die Mesnerin", erzählt Gertraud Singer. Unterwegs soll Schwester Godina Blumen als Altarschmuck gepflückt haben. Pfarrer Hippacher hielt die Gottesdienste und Fritz Gundelfinger hörte die Feier, wenn er in der angrenzenden Küche beim Formen der Knödel half.

Friedliches Miteinander

Es war ein friedliches Miteinander zwischen den protestantischen Bürgern Gräfenbergs und den heimatvertriebenen Katholiken. Nur einer sah die sonntäglichen Gottesdienste im Tanzsaal der Familie Gundelfinger nicht gerne: der evangelische Geistliche, Dekan Hans Ackermann. "Es gab eine ernste Auseinandersetzung mit dem Dekan. Er wollte nicht, dass die Katholiken hier Gottesdienst feiern. Aber mein Großvater sagte ihm, die Katholiken seien unsere Gäste, dann dürfen sie hier auch ihren Gottesdienst feiern", erzählt Fritz Gundelfinger.

Zum Frühschoppen geblieben

Denn nach dem Gottesdienst blieben die meisten in der Wirtschaft zum Frühschoppen. Dekan Ackermann hingegen boykottierte fortan die Gundelfingers. Für die Gruppenstunden wich Dekan Ackermann anfangs in ein anderes, kleineres Wirtshaus aus. Für die Katholiken jedoch waren die Gottesdienste im Saal keine Dauerlösung. Eine eigene Kirche wollten sie haben. Für dieses Vorhaben wurden überall Grundstücke gesucht, ohne Erfolg. Schließlich boten Benedikt und Johanna Streidel, Vorfahren von Gertraud Singer, ihr Gartengrundstück zum Verkauf an. Am 12. September 1965 konnte der Grundstein für die St.-Michael-Kirche in Gräfenberg gelegt werden. Der Bau entstand nach Plänen des Architekten Peter Feldner aus Cadolzburg und kostete 450.000 D-Mark. Der Straßenname "Zum Teufelstisch" existierte schon vor dem Kirchenbau. Über den Teufelstisch gibt es zahlreiche Legenden. "Ich finde den Namen der Straße archaisch, mythisch, mit der Geschichte der Umgebung verbunden, neugierig machend und auch Anstoß gebend, worum es in der St.-Michael-Kirche geht", sagt Pfarrer Andreas Hornung, der den Festgottesdienst am Sonntag, 23. September, um 9 Uhr zum 50. Weihefest des Gotteshauses hält.