"Forchheim spielt ganz oben mit in der Liga der durch Spielhallen belasteten Kommunen!" Dies stellte Jürgen Trümper vom Arbeitskreis gegen Spielsucht mit Sitz in Unna schon vor fünf Jahren fest. Inzwischen hat sich der Trend weiter verschärft. Die Zahl der Konzessionen in Forchheim ist bis 2012 von 16 auf 21 gestiegen, wie die aktuelle Untersuchung der Landesstelle für Glücksspielsucht Bayern zeigt.

Dass nur ein neuer Spielhallen-Standort hinzugekommen ist, macht die Situation nicht rosiger. Denn: Bereits durch einfache Gebäudeunterteilungen kann die Zahl der Spielgeräte erhöht werden. Schon die Zahl von 16 Konzessionen (mit 192 Spielgeräten) hatte Jürgen Trümper vor fünf Jahren als "sehr happig" für eine Stadt wie Forchheim mit rund 30.000 Einwohnern eingestuft. Jetzt 21 Konzessionen bedeutet, dass den Forchheimern nun 242 Spielgeräte zur Verfügung stehen.
Die Beratungsstelle Glücksspielsucht in Forchheim, die derzeit ihren fünften Geburtstag feiert, hat dementsprechend zu tun. Seit ihrer Gründung finden immer mehr Glücksspielsüchtige und deren Angehörigen den Weg in die Birkenfelder Straße 15.


28.000 Betroffene in Bayern

"Seit der Gründung im Jahr 2008 haben wir in unserer Beratungsstelle viele Menschen mit pathologischem oder problematischem Glücksspielverhalten sowie deren Angehörige beraten und behandelt", sagt Stephanie Rost, Diplom-Sozialpädagogin (FH), und ergänzt, dass man in Forchheim das Beratungsangebot für Klienten mit glücksspielbezogenen Problemen sehr gut etabliert hat. Rost: "Die stetig steigenden Klientenzahlen zeigen, dass der Bedarf an Beratungen und Beratungsstellen immer größer wird. Denn Glücksspielsucht ist längst kein Nischenthema mehr, ganz im Gegenteil", sagt die erfahrene Suchtberaterin. Allein in Bayern gelten nach aktuellen Erhebungen der Landesstelle Glücksspielsucht über 28.000 Menschen als pathologische Glücksspieler, weitere 34 000 zeigen bereits ein problematisches Spielverhalten.

"Im Durchschnitt haben pathologische Spieler 30.000 Euro Schulden und ziehen rund zehn Personen aus ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld in Mitleidenschaft", erklärt Stephanie Rost.

Um den Menschen in ihrer Not zu helfen, sucht die Mitarbeiterin der psychosozialen Beratung (PSB) gemeinsam mit den Betroffenen nach individuellen Lösungen, um die Spielsucht in den Griff zu bekommen. Auch beim Vermitteln in eine stationäre Therapie oder in eine Schuldnerberatungsstelle steht Stephanie Rost den Betroffenen zur Seite.


Ortsunabhängig informieren

Doch nicht nur für die Spieler selbst sind die Berater da: Auch für deren Angehörige. Sie empfehlen etwa die Teilnahme an dem neuen internet-basierten Programm "EfA - Entlastung für Angehörige". Mit diesem kostenlosen und anonymen Online-Programm können sich Angehörige von Spielern schnell, einfach und vor allem ortsunabhängig informieren, wie sie mit der Sucht am besten umgehen. (www.verspiel-nicht-mein-leben.de)


Erfahrungsbericht aus der Scheinwelt

Stephanie Rost von der Beratungsstelle Glückspielsucht zeigt anhand des Erfahrungsberichtes einer Betroffenen auf, wie sich ein Abhängiger jeden Tag gegen seine Glücksspielsucht motiviert.

Es ist eine typische Kleinstadt, wie Forchheim, in der die freundliche Frau wohnt. Wer ihr begegnet, findet sie schnell sympathisch. Keiner käme auf die Idee, dass sie jeden Tag aufs Neue einen harten Kampf zu bestehen hat: den gegen sich selbst. Die 41-Jährige ist glücksspielsüchtig und seit einigen Monaten "trocken". Für diesen Bericht verwendet sie ihren Spitznamen "Silly", damit sie nicht erkannt wird. Erst vor ein paar Wochen hat sie ihrer Familie gesagt, dass sie süchtig ist. Nun wissen ihr Mann, die beiden Kinder und ihre Eltern Bescheid.

"Ich wollte mich von diesem Lügenkonstrukt befreien, das ich mir zurechtgezimmert hatte. Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Druck ist, wenn man 24 Stunden am Tag lügen muss, damit einem niemand auf die Schliche kommt." Die gelernte Bürokauffrau nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette, bevor sie schildert, wie sie glücksspielsüchtig wurde. Sie spricht mit der Offenheit einer Frau, die sich mit ihrer Sucht intensiv auseinandergesetzt hat.

"Als ich das erste Mal am Spielautomaten stand, war ich 18 Jahre alt. Ich musste eine Wartezeit überbrücken. Mir war langweilig. Also habe ich die Automaten ausprobiert und es gefiel mir." Über sechs Jahre lang spielte Silly nur fünf oder sechs Mal pro Jahr. Sie setzte kleine Beträge ein, nur das Geld, das am Monatsende definitiv übrig war. Sie verlor wenig, gewann aber auch immer wieder einmal etwas. Nach dieser "Einstiegsphase" heiratete sie, wurde Mutter und blieb zu Hause.

Doch mit dem Hausfrauendasein war sie nicht zufrieden. Sie konnte sich nicht damit abfinden, dass das schon alles im Leben gewesen sein sollte. Also stand sie dann immer öfter am Spielautomaten um "dieser alltäglichen Tristheit zu entgehen". Für Silly war das "der Ein-Quadratmeter-Raum, in dem ich meine Ruhe hatte, sowohl relaxen als auch träumen konnte, wo alles von mir abfiel."


Immer weniger Interessen

Durch die Spielgewinne, die es auch gab, konnte sie sich mit ein paar Annehmlichkeiten belohnen und auch der Familie hin und wieder eine Freude machen. "Wenn ich den Jackpot hatte, dann war das ein Kick, den man sich kaum vorstellen konnte. Mir wurde am ganzen Körper richtig heiß, alles hat vor Energie vibriert und ich fühlte mich endlich wieder lebendig."

Das, was der Spielautomat bei ihr ausgelöst hat, vergleicht Silly mit dem Gefühl der Verliebtheit. Schon die Nähe zu ihrem Lieblingsautomaten wirkte erregend. Sillys Interessen engten sich immer mehr ein. Das Spielen wurde zu ihrem Lebensmittelpunkt. "Ich war keine liebende Ehefrau mehr und keine liebende Mutter. Auch Freunde hatte ich keine mehr, denn meine ganzen Bedürfnisse richteten sich nur noch auf die Spielautomaten", gesteht sie.

Bemerkt hat ihre Abhängigkeit niemand, denn sie "funktionierte" all die Jahre über mit einer vorgetäuschten Perfektion. Sie war mittags zu Hause und kochte für die Kinder. Die Wohnung war familien- und haustiertauglich aufgeräumt. Mahnungen wurden abgefangen, bevor ihr Mann sie finden konnte.

Rund 150.000 Euro hat sie in den letzten 15 Jahren an den Automaten verspielt und ihre aktuellen Schulden belaufen sich auf knapp 30.000 Euro. Die Abfindung ihrer früheren Firma wurde zu Spielgeld, ebenso die gekündigte Lebensversicherung.


Meisterin im Lügen

Geld besorgte sie zudem bei Verwandten mit dem Hinweis auf Nachzahlungen von Strom- oder Hausnebenkosten. "Ich war Meisterin im Lügen, Betrügen und Manipulieren." Dass sie süchtig ist, konnte die 41-Jährige lange nicht zugeben. Irgendwann kam der körperliche und seelische Zusammenbruch mit Brechattacken vor jedem Spielhallenbesuch. In dieser Zeit dachte sie sogar darüber nach, sich das Leben zu nehmen.

"Da habe ich endlich erkannt, dass ich Hilfe brauche", beschreibt sie diese verzweiflungsvolle Phase nüchtern. Sie ging zu ihrem Arzt, der sie zum Psychiater verwies. Der verordnete Medikamente gegen Angstzustände und riet ihr, auch zur Glücksspielberatungsstelle ihrer Stadt zu gehen. Dort bekam sie unter anderem den Tipp, Kontakt zur Selbsthilfegruppe der Anonymen Spieler aufzunehmen.


Nur das Heute zählt

Der Gedanke, nie wieder spielen zu dürfen, überfordert sie derzeit. Deshalb orientiert sich Silly an den Regeln der Anonymen Spieler. Danach zählt nur das jeweilige Heute, die aktuellen 24 Stunden, an denen sie nicht spielt. Und das immer wieder aufs Neue. Nach einigen Monaten ohne Spielautomaten fühlt sie einen starken Entzug.
"Immer dann, wenn die Spiellust kommt, gönne ich mir etwas Schönes: ich höre Musik, mache mit dem Hund einen Spaziergang oder atme ruhig ein und aus und stelle mir dabei einen Sonnenuntergang am Meer vor." Sie versucht, durch die einfachen Dinge des Lebens wieder erdverbunden zu werden und durch kleine Schritte wieder so etwas wie Zufriedenheit zu erlangen.

Weil sie nicht mehr spielt, hat Silly deutlich mehr Zeit und Nüchternheit zum Nachdenken über ihr Leben und den damit verbundenen Druck. Demnächst werden bei ihr einige Veränderungen anstehen. Und sie wird jeden Tag neu gegen die Glücksspielsucht kämpfen.