Forchheim Annita Haas hat im vergangenen Jahr ihr Enkelkind verloren. Außerdem ist sie seit 20 Monaten obdachlos. Nach solchen Schicksalsschlägen feiert man Weihnachten nicht mehr so wie früher, erzählt sie. "A weng" feiern wolle sie heute dennoch.

Annita Haas ist eine von 48 Bewohnern, die an diesem Mittwochnachmittag von Antje Kahnt zur Weihnachtsfeier eingeladen wurden. Die Sozialpädagogin leitet den Fachdienst Wohnungsnot der Arbeiterwohlfahrt (Awo) am Eggolsheimer Weg. Und jedes Jahr inszeniert Antje Kahnt diese Feier, bei der Bratwürste gegrillt werden. Auf dem Tisch des Gemeinschaftsraumes stehen Gebäck, Tee und Kaffee. Um 17 Uhr spielt draußen vor der Tür, direkt neben dem Grill, ein Posaunen-Chor. Unter den Posaunistinnen ist auch Antje Kahnt. "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit." Als das erste Lied erklingt, eilen alle nach draußen.
2011 wurde diese moderne Einrichtung eröffnet.

Vorher wurden die Menschen, die kein Dach mehr über dem Kopf hatten, in der Herderstraße untergebracht. Dagmar Förster erinnert sich, dass es ihr auch in der Herderstraße gefallen habe. Doch nun bewohnt sie seit 2011 mit ihrem Mann ein Doppelzimmer in dieser neuen Bleibe, und sie fühle sich sehr wohl.

Das Haus im Forchheimer Norden gilt bayernweit als Vorzeigeeinrichtung. "In einer Obdachlosen-Unterkunft zu leben ist aber nie wirklich lustig", gibt Antje Kahnt zu bedenken. Neuankömmlinge müssten fürs erste in Vierbett-Zimmern übernachten. Das gefalle niemandem. "Aber die Einzel- und Doppelzimmer sind toll", sagt Kahnt. Was auffällt an dieser Weihnachtsfeier, das sind die vielen Gäste. Alleine vom Hauskreis der Baptisten sind vier Mitglieder gekommen.

Die Art, wie sie auf die Bewohner zugehen, zeigt, dass sie hier Vertrauen genießen. Zum Beispiel Cornelia Mack. Sie hat den Arm um Tamara Antoschowa gelegt, während sie der Frau aus Tschechien zuhört. Die erzählt, dass sie seit Tagen schlecht träume und Schmerzen habe. Cornelia Mack spricht mit ihr über Weihnachten. Tamara Antoschowa beginnt über den Samstag nachzudenken. Sie werde Kartoffelsalat zubereiten, ein Schnitzel braten und einen Mitbewohner zum Essen einladen.


Hauptaufgabe: Zuhören

"Wir hören zu", erklärt Cornelia Mack. Darin sehe sie ihre Hauptaufgabe. Denn die Bewohner hätten alle Schicksalsschläge hinter sich. "Man muss meist genau hinhören, um sie zu verstehen. Der Weg zurück zu einem normalen Leben ist für diese Menschen sehr schwer."

Ein normales Leben hatte auch Annita Haas gelebt. Bis sie von ihrem Ex-Schwiegersohn vor die Tür gesetzt wurde. "Ich habe vier Monate im Keller und auf der Straße gelebt, das wünsche ich keinem", sagt Annita Haas.

Eine der Besucherinnen, die bei dieser Weihnachtsfeier jeder kennt, ist die legendäre Erna Bausenwein. "Sie sieht, wenn jemand in besonderer Not ist", sagt Awo-Geschäftsführerin Lisa Hoffmann über die 94-Jährige. Alle nennen sie hier nur "Tante Erna". Als Wohltäterin ist sie eine Institution im Stadt-Norden. Einige der Frauen, die Erna Bausenwein heute besucht, betreute sie schon im Kindergarten der Christuskirche.

Zum Beispiel Dagmar Förster. Die Anhänglichkeit und Dankbarkeit ist geblieben. Daher lässt sich Dagmar Förster an diesem Nachmittag nicht nur durch die Weihnachtsfeier beschenken, sie hat auch selbst Geschenke mitgebracht - selbstgehäkelte Decken. Eine ist natürlich für "Tante Erna".