Als die Kanzlerin neulich mit zwölfstündiger Verspätung beim G-20 Gipfel in Argentinien ankam, scherzte ein Kabarettist: "Fährt die Bahn denn jetzt auch nach Buenos Aires?" Dass der Witz gar nicht so weit weg ist von der Wirklichkeit, dies spürten viele Reisende jetzt beim Warnstreik der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Gar nicht zum Lachen zumute war den Fahrgästen, die auch in Forchheim sprichwörtlich auf der Strecke blieben.

Der morgendliche Warnstreik, der vor allem die Berufspendler traf, sorgt auch mittags noch für Zugausfälle. Um 13 Uhr gleicht der Haltepunkt Forchheim einem Geisterbahnhof. Ein Mann, der sich mit einem Kaffee aufwärmt, steht ratlos am Bahnsteig. Eine Lautsprecherdurchsage durchbricht die Stille: "Der Regionalexpress nach Erlangen fällt heute aus - Grund dafür sind Streikauswirkungen. Wir bitten um Entschuldigung", informiert eine freundliche Frauenstimme. Der Mann am Bahnsteig hat noch Humor, als er schlagfertig hinzufügt: "Das nächste Mal löse ich keine Fahrkarte und sage, der Grund dafür seien Finanzauswirkungen - wir bitten um Entschuldigung."

Er habe eigentlich nach Bamberg fahren wollen, erklärt er uns. "Um 11 Uhr hatte ich einen Arzttermin." Weil kein Zug gefahren sei, habe er zwischenzeitlich einen Stadtbummel in Forchheim gemacht. "Jetzt stehe ich wieder am Bahnsteig - und weiß nicht wie's weiter geht." Dabei zeigt er sich hinsichtlich der Streikgründe noch verständnisvoll: "Ich gönn' ja den Beschäftigten ihr Geld. Aber die Verkehrsverbindungen müssen gewährleistet bleiben." Die Gewerkschaft könne nicht behaupten, es handele sich nur um einen morgendlichen Warnstreik, wenn die Auswirkungen dann den Zugverkehr den ganzen Tag lahm legten.

Verspätung in Schulen und Firmen

In vielen Firmen, ja selbst in den Schulen waren die Folgen des Streiks zu spüren, wie eine Umfrage unserer Zeitung ergab. "Ja natürlich hat's Verspätungen gegeben", berichtet Angela Hack, Schulsekretärin am Forchheimer Herder-Gymnasium. Sie selbst sei zwar mit dem Auto zur Arbeit gefahren, habe aber die Folgen des Bahnstreiks auch auf der Straße gespürt. "Es gab vermehrte Staus auf der Bayreuther Straße."

Schulleiterin Ingrid Käfferlein erklärte, dass sich die Auswirkungen des Bahnstreiks in Grenzen gehalten hätten, weil viele Lehrkräfte auf's Auto umgestiegen seien und pünktlich in der Schule erschienen seien. Bei einigen Schülern habe es jedoch Verspätungen gegeben. Größtenteils hätten aber die Eltern ihre Kinder mit dem Auto pünktlich zum Unterricht gebracht. Es sei ohnehin nur ein kleine Prozentzahl von Schülern, die mit der Bahn unterwegs seien.

Allerdings habe es eine schulische Veranstaltung gegeben, die vom Bahnstreik unmittelbar betroffen gewesen sei: Die Fahrt zur Ausbildungsmesse nach Nürnberg - die sei mit Verspätung gestartet, berichtet Schulleiterin Ingrid Käfferlein.

Von minimalen Auswirkungen auf den Schulbetrieb, berichtet hingegen die Schulsekretärin des Ehrenbürg-Gymnasiums, Sonja Heidner. Lediglich zwei Lehrkräfte seien im Stau gestanden und mit geringfügiger Verspätung angekommen.

Keine Auswirkungen des Bahnstreiks verzeichnet die Forchheimer Firma Infiana bei ihren über 600 Beschäftigten. "Niemand hat in der Personalabteilung angerufen, dass er mit Verspätung komme", erklärt Personalreferentin Katrin Eger. Dies liege daran, dass die meisten der Beschäftigten mit dem Auto aus der Fränkischen Schweiz kämen. "Viele Zugfahrer haben wir nicht."

Anders bei Siemens: "Natürlich gab es auch bei uns Verspätungen einiger Mitarbeiter. Das ist bei so einem Streik unausweichlich. Und für die betroffenen Mitarbeiter auch unerfreulich", erklärt Heiko Jahr, der Pressesprecher des Bereiches Healthcare. Im Rahmen der flexiblen Arbeitszeitgestaltung biete man aber den Mitarbeitern die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten. An solchen Tagen werde davon vermehrt Gebrauch gemacht. "Ich persönlich wohne in Erlangen und war von den Auswirkungen des Streiks nicht betroffen", erklärt Heiko Jahr. Ein Kollege aus Nürnberg habe aber von volleren Bussen berichtet.