In der Klinik hatte sie einen Spitznamen. "Stehaufmännchen" haben die Ärzte und Pfleger zu ihr gesagt. Kein Wunder: Brigitte Fischer hat einiges überstanden und ist immer wieder aufgestanden.

Der erste Samstag im Juni ist deutschlandweit der Tag der Organspende. Brigitte Fischer weiß, wie wichtig jedes einzelne gespendete Organ ist. Seit 2012 trägt sie ein Spenderherz in sich.

In Mannheim ist sie geboren worden, als Jugendliche kam sie mit ihren Eltern nach Marktbreit in Unterfranken. Sie heiratete, bekam Kinder, arbeitete mit ihrem damaligen Mann in dessen Tankstelle, später als Arzthelferin. Ein normales Leben bis ins Jahr 2003. Brigitte Fischer ging es gesundheitlich immer schlechter, ein Internist stellte schließlich mehrere Wassereinlagerungen fest. Am Herzschleimbeutel, in der Lunge. "Ich hatte wohl einige schwere Erkältungen nicht richtig auskuriert", erinnert sie sich.
Mit einem Schlag änderte sich ihr Leben.
Brigitte Fischer ist kein Einzelfall. Mehr als 10 000 schwer kranke Menschen hoffen laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) derzeit auf die Transplantation eines Organs. Für diese Menschen ist es die einzige Möglichkeit, um zu überleben oder die Lebensqualität erheblich zu verbessern. Nach den Organskandalen von 2010 und 2011, als Mediziner in mehreren deutschen Krankenhäusern Akten fälschten, um ausgewählte Patienten bevorzugt zu versorgen, sank die Zahl der Spender von rund 1300 auf 864 im Jahr 2014 rapide ab. Jetzt hat sich die Zahl auf niedrigem Niveau stabilisiert. 877 Spenden waren es 2015. Statistisch gesehen kommen in Deutschland 10,8 Spender auf eine Million Einwohner. Kein Ruhmesblatt. Viele Menschen sterben, weil kein passendes Organ für sie zur Verfügung steht.

Auch Brigitte Fischer würde ohne ihr Spenderherz nicht mehr leben. Am 1. Dezember 2003 bekam sie ihren ersten Defibrillator eingesetzt. "Das war mein bester Freund", sagt sie heute und lächelt. Im Bedarfsfall gibt das kleine Gerät elektrische Impulse ab, die den normalen Herzrhythmus wieder herstellen. Überraschend schnell hatte ihr Körper den Eingriff überstanden. Fischer gründete eine "Defi-Gruppe", ging ihrer Arbeit nach und ließ sich nach sechs Jahren problemlos den zweiten Defi einsetzen. "Die Batterie war leer", erklärt sie. "Auch das ging ganz schnell und problemlos."

Etwa zwei Jahre später war es mit schnellen Lösungen vorbei. Etliche Todesfälle im Freundeskreis, die Mutter mit einer Krebserkrankung in der Klinik: "Das alles hat mich stark belastet", erinnert sie sich. Der Körper reagierte, das Herz machte nicht mehr richtig mit. Im August 2011 erschien ihr Name auf der Warteliste für eine Herztransplantation. Normalstufe. Jede Woche ließ sie sich untersuchen, die Wassereinlagerungen nahmen wieder zu. "Ich wog zum Schluss fast 100 Kilo", erzählt sie. Die Herzleistung sank auf zehn Prozent ab. Brigitte Fischer rutschte auf der Warteliste weit nach oben. Hochdringlichkeitsstufe. Sie schrieb eine Patientenverfügung und ihr Testament - und übte sich in Geduld.Etwa drei Wochen musste sie warten, dann war das richtige Spenderherz gefunden. In der Uniklinik Würzburg schnitten ihr die Ärzte den Brustkorb auf, verkürzten das Brustbein und setzten das Spenderherz ein. Drei Tage lag Brigitte Fischer im künstlichen Koma. Am 7. April, ihrem Geburtstag, wachte sie wieder auf. "Die Ärzte waren sprachlos", berichtet sie. "Mein Körper hatte das fremde Herz sofort angenommen." Kleinere Komplikationen sind die Regel.

Warum Brigitte Fischer ihr neues Herz so gut annehmen konnte? Sie kann es nur vermuten. "Ich hatte mich schon vorher intensiv mit dem Thema beschäftigt", sagt sie. Einschlägige Literatur hatte sie gelesen, Gleichgesinnte befragt, an mehreren Kliniken Meinungen eingeholt. "Ich hatte wohl die richtige Einstellung zu dem Eingriff gefunden."

125 233 Organe wurden seit dem Jahr 1963 in Deutschland transplantiert. In den meisten Fällen waren es Nieren, gefolgt von Lebern und Lungen. Im letzten Jahr meldet die DSO 286 Herztransplantationen.
Die Empfänger können dank des Spenderherzens weiterleben. Auch wenn sich ihr Leben komplett verändert. Etliche Monate hatte Brigitte Fischer gebraucht, bis sie wieder laufen konnte. Durch die Operation und das lange Liegen waren ihre Muskeln erschlafft. Sie absolvierte eine mehrwöchige Reha, musste Rückschläge verkraften, weil sie manche Tabletten nicht vertrug. Fast ein dutzend Magen- und Darmspiegelungen hat sie überstanden. Ihre Ernährung hat sie umgestellt, sie achtet strikt auf Hygiene. An jedem Waschbecken steht ein Desinfektionsmittel, Handtücher werden täglich gewechselt. Bloß keine Keime, bloß keine Ansteckung. "Ich gehe auf Nummer Sicher."

Drei Jahre nach dem Eingriff hat Brigitte Fischer noch ab und zu mit dem Blutdruck zu kämpfen. "Aber ich kann wieder ein normales Leben führen." Zu verdanken hat sie das einem anonymen Spender, den sie gerne kennenlernen würde. Laut Transplantationsgesetz ist das aber nicht möglich.
Laut Umfragen stehen die meisten Bundesbürger der Organspende zwar positiv gegenüber. Aber nur etwa 35 Prozent haben laut DSO ihre Entscheidung in einem Organspendeausweis festgehalten. In den Krankenhäusern entscheiden in neun von zehn Fällen die Angehörigen über eine Organspende, weil der Verstorbene seinen Willen nicht mitgeteilt oder dokumentiert hat.

"Viel besser ist es, diese Entscheidung zu Lebzeiten selbst zu fällen", sagt Brigitte Fischer. "Schließlich kann jeder in so eine Situation kommen wie ich."

Alle Informationen rund um das Thema Organspende: www.dso.de


Der 4. Juni ist der Tag der Organspende. Er soll dazu dienen, dass Menschen über mögliche Organ- und Gewebespenden nachdenken und sich informieren.

10 000 schwer kranke Menschen hoffen derzeit in Deutschland auf die Transplantation eines Organs. In den deutschen Transplantationszentren werden folgende Organe transplantiert: Niere, Leber, Herz, Lunge, Pankreas und Dünndarm.