Nicht, dass Dieter Böhme in der DDR wirklich glücklich gewesen wäre. Aber wenn er auf seine Jahre in Weiden, Erlangen und Forchheim zurückblickt, dann ist er verblüfft, wie ähnlich sich hier manches anfühlt, was er nur vom Osten zu kennen glaubte.

Gebrochene Versprechen zum Beispiel. Ein Schlüsselerlebnis hatte Böhme in der Ladeshalle in Erlangen. Ein Jahr lang, von 2000 bis 2001 hatte der heute 62-Jährige als Programmierer bei Siemens gearbeitet. Dann jener "makabre Abend" der Jahresbilanz in der Ladeshalle. Der damalige Siemens-Chef Heinrich von Pierer beschwichtigte die Mitarbeiter. Es werde keine Kündigungen geben; der Konzern sei keinesfalls nur an der Rendite orientiert, etc.

Am nächsten Tag gab dann die Konzernleitung die Entlassung von 1200 Mitarbeitern bekannt. Unter den Entlassenen auch Dieter Böhme.

Ab Januar 2002 musste er seine Existenz als Hartz IV-Empfänger fristen.
So hatte sich der in einem kleinen Ort bei Dresden geborene und mit fünf Geschwistern aufgewachsene Böhme das Leben im Westen nicht vorgestellt. "Der Mensch zählt nicht mehr", findet Böhme. "In der DDR waren wir sozialer, hier ist jeder gegen jeden."

Im Osten hatte er als Programmierer gearbeitet, hatte für die Bahn DDR-weit Programme geschrieben. Zufrieden war er mit dem Job, aber nicht mit den Verhältnissen im Lande. Als 38-Jähriger, kurz vor der Wende, stellte er den Ausreiseantrag. Dass er im Jahr 2013 als Wolfgang Böhme auf den Wahlzetteln auftaucht, hängt übrigens auch mit der DDR zusammen. Nach DDR-Namensrecht wurde der zweite Vornamen zuerst genannt: Also Wolfgang Dieter Böhme. Im Westen ist das Namensrecht anders herum.

Daher steht Böhme nicht mit seinem Rufnamen auf den Wahlzetteln.

Aktuell lebt Dieter Böhme in einer etwas düsteren Wohnung in der Bayreuther Straße. Seitdem er für die Linken im Wahlkreis Bamberg-Forchheim für den Bundestag kandidiert, ist sein Briefkasten voll. Anfragen, Einladungen.

"Die Agenda 2010 hat mich in die Politik gebracht", sagt der 62-Jährige. Anfangs traf man sich jeden Mittwoch in Forchheim in der Lohmühle. Wer gegen die Agenda 2010 war, der kam."Ein lockerer, wüster Haufen", sagt Böhme. "Wir haben uns getroffen und haben geschimpft."

An dieser Haltung habe sich unter vielen Linken nichts geändert, kritisiert Böhme: "Links sein heißt im Westen, vielen Intellektuellen mit Hirngespinsten begegnen." Dennoch: Für den Forchheimer aus Dresden bleibt die Linke die "einzige Wahlalternative für soziale Gerechtigkeit." Seit Februar 2005 ist er Mitglied in der "Partei der

Enttäuschten", wie er sie heute nennt. In den Wahlkampf sei er nicht gezogen, um persönliche Ambitionen zu befriedigen, betont Dieter Böhme: "Sonder weil ich Werbung für diese Partei machen will."

In Forchheim kennt der Direktkandidat Menschen, die sich vier Euro Eintritt in ein Schwimmbad nicht leisten können. "Menschen, die nirgends Schlange stehen und protestieren - viele aus Scham."

Und wenn er dann Abgeordneten wie Sebastian Körber (FDP) begegne, der ihm empört sage : "Sie wollen doch nicht den Investoren die Rendite wegnehmen!?"; oder wenn eine Ingrid Hofmann zur Unternehmerin des Jahres gewählt werde, obwohl sie durch Zeitarbeit Menschen ausbeute, dann sei er fassungslos, sagt Böhme.
Die Linke sieht er als Anwalt dieser Benachteiligten.

Seine Aufgabe (und die seiner Partei) hat Dieter Böhme auch darin entdeckt, "zu provozieren". Manchmal müsse man mehr fordern, dann werde wenigstens darüber geredet.
Das gelte allerdings nicht beim Thema Grundrente. 1050 Euro fordert die Linke. Das sei keine überzogene Forderung, betont Dieter Böhme: "So viel braucht jeder zum Leben und es gibt Berechnungen die zeigen: Das Geld ist da. Man muss es nur anders verteilen, das ist ja auch eine Grundidee der Linken."