Malerisch segeln die bunten Blätter von den Bäumen, als Joachim Hornegger mit Riesenschritten durch den Schlossgarten eilt. Der neue Präsident der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) hat keine Zeit für das Herbstschauspiel über seinem Schopf.

Der Mann im blauen Anzug hat es wie immer eilig. Seit seinem Amtsantritt im April haben viele das Gefühl, dass Hornegger pausenlos an seinen Plänen für die Zukunft arbeitet. "Fau 2030" heißt seine Vision. Unter dieser kurzen Überschrift verbergen sich große Ziele. Wenn die Pläne aufgehen, wird man die Forschungslandschaft im Städtedreieck Erlangen-Nürnberg-Fürth wohl kaum wiedererkennen.
Hier ein Scherz, dort ein Lächeln: Trotz der ehrgeizigen Pläne und des straffen Terminkalenders bleibt der neue Chef erstaunlich locker. Der Mann mit der beeindruckenden Vita gibt sich in seinem feudalen Dienstsitz im Erlanger Schloss alles andere als unnahbar.


Zwei große Immobilien

Ein neuer Wind weht durch das markgräfliche Gemäuer, sagen die Mitarbeiter unisono. Wo früher verwaltet wurde, wird heute an der Zukunft gebastelt. Das motiviert die gesamte Uni vom kleinen Studenten bis zum großen Professor. Nur an das hohe Tempo mussten sich alle erst einmal gewöhnen.

Auf den ersten Blick stecken hinter den großen Plänen nur zwei Immobilien. Im "Himbeerpalast" soll das "Zentrum für Geisteswissenschaftler" entstehen. Derzeit hat Siemens in dem markanten Hochhaus in der Erlanger Innenstadt noch seine Firmenzentrale. Mit dem Bau des "Siemens-Campus" wird das zwischen 1948 und 1953 im Berliner Stil errichtete Hauptverwaltungsgebäude frei.
Auf dem ehemaligen AEG-Gelände in Nürnberg sollen 5000 Studierende der technischen Fakultät schon bald eine zweite Heimat neben dem Erlanger Südgelände bekommen.


Über 20 Standorte

"Derzeit sind die Studenten wie auf einem großen Flickenteppich auf unzähligen Standorten verteilt", klagt Hornegger. Die Maschinenbauer hätten beispielsweise allein über 20 Standorte. Dadurch verlieren die Studenten wertvolle Zeit.

Durch die Konzentration auf wenige große Standorte will der neue Uni-Präsident den kreativen Austausch unter den Studenten zudem fördern. Die große Fragmentierung auf unzählige Standorte sei historisch gewachsen. Die Standort-Konzentration sei notwendig, um in der Zukunft erfolgreich zu sein. Allein die Zahlen sprächen eine eindeutige Sprache. "Seit dem Jahr 2010 haben wir 40 Prozent mehr Studierende." Auch die Zahl der Professoren sei in den letzten Jahren um 30 Prozent gewachsen.

Hornegger geht es aber nicht nur um pure Größe. Gezielt will er die Qualität von Forschung und Lehre verbessern. "Wir verstehen uns als Innovationsmotor. Wir können und wollen die Innovationskraft noch weiter ausbauen", kündigt Hornegger an. Dafür müsse man auf "die besten Köpfe" setzen. "In der Medizintechnik gelingt uns das schon."

Den Studiengang hat der Informatik-Professor aus Franken in Erlangen selbst ins Leben gerufen. Nach Studium und Promotion lehrte Hornegger an Elite-Unis in Amerika, bevor er bei Siemens in Erlangen die Entwicklungsabteilung in der medizinischen Bildverarbeitung leitete und 2005 schließlich den Lehrstuhl für Mustererkennung an der Technischen Fakultät in Erlangen übernahm.
Aus seiner internationalen Karriere als Top-Wissenschaftler weiß Hornegger: "Unsere größten Pfunde sind die Top-Wissenschaftler." Die Spitzenkräfte ziehen die entsprechenden Studenten und Doktoranden an. Freilich könne die Uni nicht alle Fächer in höchster Qualität anbieten.


Angebot optimieren

Deshalb scheut er nicht davor zurück, sich von einigen Fachbereichen in der Zukunft womöglich zu trennen.
"Als eine der größten Volluniversitäten in Deutschland müssen wir schauen, wo wir unser Angebot optimieren können", sagt er. Hornegger ist schlau genug zu wissen, dass Änderungsprozesse auch immer Widerstand hervorrufen können. Besonders fatal für seine Pläne wäre es wohl, wenn sich Kirchturmpolitik in dieser Frage der Standort-Konzentration im Städtedreieck breit machen würde. Hornegger sagt, dass von seinen Plänen alle Städte profitieren.

Das sagt Hornegger nicht nur so daher. Dafür steht er auch persönlich. Der Top-Wissenschaftler hat lukrative Angebote aus dem Aus- und Inland in den Wind geschlagen, um in seiner Heimat eine Weltklasse-Uni aufzubauen. Überzeugungsarbeit muss er trotzdem leisten, um Ängste und Egoismen abzubauen.

An diesem Abend wird der neue Uni-Präsident noch versuchen, den Erlanger Stadtrat für seine "Vision 2030" zu begeistern. Dass Bedenkenträger am Ende die Oberhand gewinnt, daran glaubt Hornegger beim besten Willen nicht. Dafür seien die Aussichten zu rosig. "Wir bekommen eine Jahrhundert-Chance, uns weiterzuentwickeln."