Zwischen Forchheim und Heppenheim bei Darmstadt liegen etwas über 200 Kilometer. Diese Strecke werden an die 75 Jungtauben von Alfons Scherl heute, am Samstag, zurücklegen. Ein letzter Wettflug in diesem Jahr, bevor alle Vögel Zeit zum Regenerieren und Mausern - zum Federkleid wechseln - bekommen.

Alfons Scherl ist Mitglied im Forchheimer Brieftaubenliebhaberverein "Schwalbe" Burk, ehemaliger Deutscher Meister von 1971, Flugleiter des Regionalverbands und Obmann des Preisrichterkomitees, wenn es um die Ausstellungen im Winter geht. Scherl ist einer der letzten fünf aktiven Brieftaubenzüchter in der Stadt Forchheim, einer, der weiß, dass er einem aussterbenden Hobby nachgeht.


Mit 13 Jahren begann alles

Als Bub hat ihn erstmals sein Lehrer mit der Sportbegeisterung infiziert. "Er hat neue Schläge für seine Tauben auf das Schulhaus oben drauf gebaut und wir durften dabei helfen", erinnert sich Scherl. Damals im Jahr 1954 hat er als 13-Jähriger selbst das erste Mal seine Jungtauben auf die Reise geschickt. Mittlerweile leben in seiner Garage und einem separaten Taubenschlag im Garten in Burk insgesamt 230 graue Vögel, die gehegt, gepflegt und gefüttert werden wollen.

Von Mai bis Ende Juli finden die Wettflüge unter den Alttieren, im Hochsommer der Wettkampf unter den Jungen statt. Brieftauben sind heute nämlich vor allem eins: Hochleistungssportler. Oft mehrere 100 Kilometer legen die Brieftauben bei den sogenannten Taubenauflässen zurück und genau das findet die Tierschutzorganisation Peta verwerflich. Sie nennt es Tierquälerei. Die Taubenwettflüge widersprächen dem Tierschutzgesetz.

"Nach Paragraf drei ist es verboten, Tieren Leistungen abzuverlangen, die ihre Kräfte übersteigen", schreibt Peta in einer Mitteilung an die Presse. Dieses Gesetz ist auch dem Veterinär am Forchheimer Landratsamt, Wolfgang Söllner, bekannt. Zusätzlich orientieren sich alle Tierärzte an einem rund 20-seitigen Merkblatt zum Brieftaubensport, erklärt Söllner.

Da, wie in jeder anderen Tierhaltung auch, Mängel in der Haltung auftreten können, müssten die Amtstierärzte selbstverständlich Hinweisen nachgehen, wenn der Verdacht besteht, dass gegen den Tierschutz verstoßen werde. Ein solcher Fall sei Söllner aus dem Kreis Forchheim aber nicht bekannt. Ansonsten sei der Brieftaubensport klar im deutschen Tierschutzgesetz geregelt.

Während sich der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter das Ziel gesetzt hat, die Brieftaube als Kulturgut zu erhalten, moniert Peta weiter, dass die langen Flugstrecken zurück zu den Heimatschlägen tödlich enden könnten: "Viele der Vögel sterben auf anstrengenden Flügen an Dehydration, Hunger, Erschöpfung oder Verletzungen." Die Tierschutzorganisation fordert ein Verbot der Taubenwettflüge in Deutschland.


Andere Züchtung

Dass Langstreckenflüge eine besondere Disziplin seien, weiß Alfons Scherl. Die könnten seiner Meinung nach teilweise als Tierquälerei gesehen werden, aber das lasse sich keinesfalls für jede Langstrecke pauschalisieren. "Wir gehen nur bis 630 Kilometer", sagt Scherl über seine Leistungsträger, die gar nicht für Wettflüge über 700 Kilometer gezüchtet seien.

Die wenigsten Tiere, die nicht mehr zurückgekommen seien, hätten wohl einen Schwächeanfall erlitten. Eher schnappe Wanderfalke oder Habicht zu, oder eine Hochspannungsleitung sei im Weg, argumentieren die Züchter. In der Stadt komme es zwar glücklicherweise viel seltener als am Waldrand zu Verlusten, doch wenn es passiert - was bei ihm schon länger nicht mehr der Fall war - tut es Scherl "g‘scheid weh".

Was der Forchheimer nicht versteht: "Dass sie so viele Wanderfalken aussetzen." Mit "sie" meint er die Tierschützer. Er selbst bewundert den Wanderfalken, der schon beinahe als Gourmet bezeichnet werden könnte, weil er nur die fittesten Brieftauben erbeuten würde, wie Scherl weiß. Doch: Für ein Gleichgewicht in der Natur müsse auch beachtet werden, dass der Wanderfalke heutzutage oft gar nicht mehr in die Umgebung reinpassen würde, sagt Scherl.

Sollte sich Peta an seine Reisevereinigung wenden, würde er als Flugleiter reagieren. An diesem Samstag aber geht es für ihn vor allem noch einmal um einen erfolgreichen Abschluss des Reisejahres 2015. Wenn seine 75 Jungtauben aus Heppenheim zurück sind, dürfen sie für den Rest des Jahres verschnaufen und sich auf den Balkonen von der Herbstsonne wärmen lassen.