Zwei Dinge sind in der Sommerserie klar wie Kloßbrüh': Erstens landet der Pfeil mitten auf dem Acker oder im Wald. Zweitens ist es völlig egal, wo auf der Frankenkarte er steckenbleibt. Es ist nämlich drittens überall schön und viertens trifft man immer, immer!, auf nette Menschen. Wie Günther Lehnes, der uns am Anfang den Rücken zudrehte. Auf ihn stießen wir, nachdem wir die Hoffnung auf Begegnungen im Wald bei Egloffstein in der Fränkischen Schweiz schon fast aufgegeben hatten. Doch dann: Eine gewaltige Maschine rumpelt mit Getöse zwischen den Bäumen herum. Drin sitzt ein Mann, der mit einer enormen Greifzange Baumstämme durch die Gegend schwenkt. Wir warten. Nach einer Weile sieht er uns, winkt ab. Ich will weiter, doch die Fotografin sagt: Wir bleiben.

Und es lohnt sich. Bald kommt er doch noch angefahren, steigt aus und fragt nach unserem Begehr. Schnell sind wir im Gespräch und erfahren, dass Günther Lehnes Holz rückt. Eigentlich war er Metzger. "Aber damals hat man nur sieben Mark in der Stunde verdient", erzählt der 63-Jährige. Nach der Hochzeit sagte er: "Frau, da verhungern wir" und ging lieber auf den Bau. Dann kam die Idee mit dem Holzrücken auf. "Wir haben Pferde gekauft. Mit ihnen haben wir 20 Jahre lang im Wald gearbeitet."

Vor 15 Jahren schaffte er zusätzlich die großen Maschinen an, von denen auch seine Tochter eine fährt. "So ein Rückezug kostet bis zu 400.000 Euro", sagt der bärtige Naturbursche. 30 Jahre lang arbeitete er im Veldensteiner Forst. "Dort hab ich jeden Stock gekannt." 2003 wurde umgestellt, die Holzrückearbeiten liefen fortan als EU-Ausschreibung über die Bayerischen Staatsforsten. "Ein Gschmarri, was keiner braucht", findet Lehnes.

Heuer fehlt das Geld für die Pferde

Jetzt wird er jeden Tag telefonisch über seinen Arbeitsort informiert. Damit er weiß, wo er hin muss, folgt er den "Gassen" zwischen weiß markieren Bäumen. Etwa 200 Festmeter schafft er am Tag. Das bis zu 18 Meter lange Holz, es war vom Borkenkäfer gefallen und musste gefällt werden, greift er mit einer "Klemmbank" und deponiert die Stämme am Wegesrand. Am Abend wird das Tagespensum per Handy ans Amt gemeldet. "Das macht meine Tochter."

Sie ist es auch, die sich um die neuen Ferienwohnungen auf dem Familienanwesen im nahen Krückenhof kümmert. "Wir haben Gäste bis aus Holland", sagt Lehnes. Und Zaungäste. "Heuer ziehen Wanderer in Scharen bei uns vorbei, viele machen Urlaub Zuhause." Manche spitzen kurz herein, denn Lehnes haben auch Pferde, bieten Kutsch- und Planwagenfahrten an, sind mit einem selbstgebauten Bierwagen bei Umzügen dabei. Doch heuer fällt alles aus. "Das tut uns richtig weh", sagt Lehnes. "Das Geld fehlt uns für die Pferdehaltung."

Wir lassen den sympathischen Mann weiter arbeiten und rücken ab, aus dem Wald hinaus Richtung Egloffstein. Über dem Trubachtal thront die Burg, da wollen wir hin. Zwei Radfahrer strampeln gerade vom Burghof herauf. Jens Seiler und sein elfjähriger Sohn Janne kommen aus der Nähe von Frankfurt und haben sich in einem Familienhotel eingemietet. Sie wollen die Gegend mit dem Rennrad erkunden, heute haben sie sich 50 Kilometer vorgenommen. Jens Seiler war schon mal hier und zeigt die Fränkische Schweiz jetzt Janne. "Bevor bei ihm der große Sinn für Fernziele kommt, möchte ich mit ihm Deutschland bereisen", sagt der Vater. Und der Sohn sagt, nach dem Urlaubsprogramm gefragt: "Ich möchte vor allem Radtouren machen."

Wir stromern weiter und laufen Albrecht Freiherr von und zu Egloffstein und seiner Gattin Sibylle in die Arme. Sie leben seit 1991 im Familien-Stammsitz aus dem 11. Jahrhundert leben. Viel Zeit haben sie nicht, dafür viel Arbeit. Zum Schloss gehören mehrere Gärten und zehn Nebengebäude. Täglich ist das Ehepaar am Schaffen - als Gärtner, Hausmeister, Handwerker. "Wir machen alles selbst, soweit es geht", sagen die beiden. Kurz zeigen sie uns den Innenhof und der Burgherr lässt sich zu einem Foto überreden, hoch droben, wo einst die Zugbrücke war. "Das ist mal ein neues Motiv", freut sich der 80-Jährige.

Das Ehepaar wohnt in einem Nebenhaus, auf der Burg nächtigen bei ihren Besuchen die Kinder. Für Urlauber gibt es zwei Ferienwohnungen, oft finden Veranstaltungen auf der Burg statt. Und Hochzeiten: Rittersaal und Innenhof fungieren als Standesamt. Das ist das Stichwort. "Sprechen Sie doch mal mit unseren Mietern", geben von Egloffsteins noch einen Tipp. "Sie haben vor 20 Jahren bei uns geheiratet."

Die Mieter: Das sind Kornelia Spodzieja und Thilo Neupert mit Clara und Leo aus Frankfurt. Sie bitten uns auf einen Kaffee in "ihr" Haus neben der Kirche und fangen an zu schwärmen. Wie sie sich über Silvester 1996 erstmals in der Burg eingemietet hatten. "Ein Winter wie im Märchen, der Schnee knirschte unter den Füßen." Nach dem zweiten Silvester in Egloffstein hat er ihr einen Heiratsantrag gemacht.

In der Burg haben sie am 22. Juli 2000 geheiratet, dort wurden am selben Datum 2007 und 2013 die Kinder getauft. Als nach dem Tod der Mutter des Freiherrn das Haus leerstand, brachten sich Neupert und Spodzieja als Dauermieter ins Spiel. Über die Jahre haben sie sich eingerichtet, sogar ihren Zweitwohnsitz hier angemeldet "Wir kommen in allen Ferien nach Egloffstein", erzählt das Paar. "Mittlerweile sind wir hier mehr Zuhause als in Frankfurt. Wir fühlen uns einfach wohl." Klar wie Kloßbrüh ...

Am Dienstag lesen Sie, was Günther Flegel in Motschenbach erlebt hat.