"Wir sehen ständig solche Bilder. Die werden dauernd rumgeschickt", sagt Schülerin Anna (Namen von der Redaktion geändert) etwas unbeeindruckt mit ihrem Smartphone in der Hand. Für sie sind diese Fotos nichts Außergewöhnliches. Eher etwas, das irgendwie dazu gehört.

Die Rede ist aber nicht von irgendwelchen Bildern. Sondern von "Sexting". (Halb-) nackt lichten sich Jugendliche in sexy Pose ab und verschicken die Bilder von sich oder anderen bedenkenlos weiter. Sie kursieren auf sämtlichen Handys, Facebook oder Whatsapp. Innerhalb kürzester Zeit kennt sie die ganze Schule. Wenn es ganz blöd läuft sogar die gesamte Stadt und darüber hinaus. Auch in Höchstadt ist der neue Trend längst angekommen. Erst kürzlich hat es wieder einen solchen Fall gegeben. "Viele wollen damit einfach nur Aufmerksamkeit. Andere können dagegen gar nichts dafür", weiß Schülerin Julia.

Massive Beleidigungen

Auch für Michael Ulbrich, Schulleiter der Mittelschule Ritter-von-Spix, ist Sexting kein Fremdwort mehr. In diesem Schuljahr hat es auf seiner Schule einen konkreten Fall gegeben. Ulbrich wollte offensiv damit umgehen, ging noch am selben Tag, als er davon erfuhr, von Klasse zu Klasse. Zu diesem Zeitpunkt haben die entsprechenden Bilder schon alle Schüler gesehen. Ausnahmslos. "Wir schauen zu, wie eine ganze Generation Bilder erleben muss, die sich unserer Kontrolle entziehen", bedauert Ulbrich.

Und damit meint er nicht nur das Sexting. Schon Drittklässler hätten teilweise eigene Handys mit Internetzugang und somit Zugriff auf sexistische, gewaltverherrlichende und brutale Bilder. "Diese Bilder hinterlassen Spuren. Unsere Gesellschaft begreift nicht, welche Auswirkungen das hat", sagt Ulbrich.

Auch die Kommunikation zwischen Jugendlichen laufe im Internet häufig unkontrolliert. Streitigkeiten und teilweise massive Beleidigungen sind keine Seltenheit. Im Gegenteil. Als Schulleiter hat Ulbrich so gut wie täglich damit zu tun. "Im Internet sind sie allein gelassen. Im Beisein von Erwachsenen würden sie nie so reden", sagt er. Schuld daran sind für ihn aber weniger die Jugendlichen selbst: "Unsere Kinder sind kein Deut schlechter als die letzte Generation." Ulbrich macht der Politik den Vorwurf. Sie müsse eingreifen, um feste Spielregeln für Jugendliche im Internet aufzustellen.

Um diese Versäumnisse aufzuarbeiten, besucht Luise Dümmler, Jugendsozialarbeiterin der Mittelschule, eine Klasse nach der anderen, um sie über die Gefahren von Facebook und Co. aufzuklären. Doch nehmen die das überhaupt ernst? "Ja! Viele sind sehr überrascht, wenn sie erfahren, dass das Weiterschicken bestimmter Bilder strafbar ist", erzählt Dümmler. Auch vielen Eltern sei das nicht bewusst. Ihnen rät sie deshalb, am besten täglich das Handy ihres Kindes zu kontrollieren. "Gewaltvideos oder Bilder von brennenden Menschen haben auch Fünftklässler schon auf ihrem Handy. Das muss nicht sein", sagt Dümmler.

Eltern sind verantwortlich

Reinhard Bum, Schulleiter der Realschule, sieht ebenfalls die Eltern in der Pflicht: "Manche Eltern haben sich komplett aus der Erziehung zurückgezogen." Absprachen zwischen Eltern und Kindern sowie technische Sicherungen könnten schon viel leisten. "Viele Eltern haben aber keine Ahnung. Sie schenken ihren Kindern auch jetzt zu Weihnachten wieder teure Handys, ohne irgendwelche Beschränkungen." Sexting und Cybermobbing kommen auf seiner Realschule nicht selten vor. Sind fast tägliches Thema geworden. Immer wieder stehen Schüler oder Eltern verzweifelt in seinem Büro. Bitten ihn um Hilfe. Meist ist es dann aber schon zu spät. "Wir sind da relativ machtlos. Präventive Vorträge halte ich für nahezu sinnlos."

Bernd Lohneiß, Schulleiter des Gymnasiums in Höchstadt, ist davon dagegen "noch nichts zu Ohren gekommen". Vor zwei Jahren habe es mal einen Mobbingfall gegeben. Seitdem ist es aber ruhig geblieben. "Es kann aber natürlich auch sein, dass wir nicht immer alles mitkriegen", sagt Lohneiß.

Davon geht auch Polizeichef Jürgen Schmeißer aus: "Es gibt mit Sicherheit eine große Dunkelziffer." Anzeigen wegen Cybermobbings gebe es hin und wieder mal. Der Impuls dazu müsse aber von den Betroffenen selbst kommen. "Mobbing hat es schon immer gegeben. Nur heutzutage ist es viel einfacher und breiter gestreut."
Die Opfer seien häufig in Mitleidenschaft gezogen, der eine mehr, der andere weniger. Jedem von ihnen rät Schmeißer dringend, das Gespräch zu suchen. Sei es mit den Eltern, Lehrern, der Polizei oder gemeinnützigen Vereinen wie dem Weißen Ring.

Denn während für Schülerinnen wie Anna und Julia Nacktfotos von heute morgen schon Schnee von gestern sind, bleiben die Folgen für die Betroffenen ein Leben lang.

Bedeutung Das Wort "Sexting" setzt sich zusammen aus den Worten "Sex" und "texting" (Versenden von Kurzmitteilungen). Gemeint ist damit intime Fotos und Videos, die über Apps oder sozialer Netzwerke im Internet verbreitet werden.

Gründe Fotos oder Videos mit nackter Haut werden oftmals verschickt, um sich zu profilieren. Aber auch Rachegedanken oder Demütigung können dabei eine Rolle spielen, wenn sich jemand zurückgewiesen fühlt.

Häufigkeit Das Phänomen "Sexting" kommt aus den USA. Nach einer Studie von 2012 hat jeder vierte US-Teenager schon einmal ein intimes Foto von sich verschickt.