"Wie ein Vogel im goldenen Käfig", so fühlte sich Evelyn Zemke während ihres beruflichen Aufenthalts in Südafrika vor vier Jahren. Dort erlebte sie ein von Gegensätzen geprägtes Land. Sie schwärmt von blauem Himmel, strahlendem Sonnenschein und von einer faszinierenden Tierwelt. Ihre Wohnung in der Nähe von Johannesburg war modern, luxuriös und bot Aussicht auf weitläufige Landschaften.

Doch die Vorstellung von einem unbeschwerten Leben wurde von hoch aufgebauten Gittern, Stacheldraht und Elektrozäunen eingezwängt, die sich neben Sicherheitskräften um die schicke Anlage schlossen. Dahinter offenbart sich die Kehrseite des Landes, auf der Arbeitslosigkeit, Armut, Verzweiflung und Drogen die Kriminalität und Korruption an die Tagesordnung rücken.

Vieles, was Zemke in Deutschland als selbstverständlich ansah, wurde dort unmöglich. Spaziergänge durch die Umgebung, Restaurantbesuche oder Einkaufsbummel spielten sich nur in abgeschotteten und überwachten Bereichen ab. Die Strecken dazwischen beobachtete sie lediglich durch schusssichere Autofenster.

"Wenn man dort Geld hat, kann man sicherlich ein tolles Leben führen, aber ich konnte es nicht genießen, weil ich die riesige Armut auf der anderen Seite gesehen habe", erklärt die 31-Jährige. Das war für sie der Anstoß, sich in einem sozialen Projekt in der Nähe zu engagieren. Auf ihrer Suche stieß sie auf das "Ebenezer Hannah Home".

Als "Fels der Hoffnung", das bedeutet der Name, liegt es 20 Minuten südlich von Johannesburg und wurde 1992 von dem Ehepaar Pastor Thomas und Shirley Merime gegründet, die selbst als Waisen aufwuchsen. Zemke erinnert sich noch genau an ihren ersten Besuch: "Ich bin dort hingekommen und wusste nicht viel. Im Vorhof begrüßten mich zunächst die Kinder, die gerade dabei waren, gespendete Kleidung untereinander zu verteilen und mich interessiert ansahen. Wie umsichtig und respektvoll sie miteinander umgegangen sind, war das Erste, was mich beeindruckt hat."

Insgesamt leben im "Ebenezer" zwischen 80 und 100 Waisenkinder. Neben den Kindern und Jugendlichen haben fast genauso viele ältere Menschen dort eine neue Heimat gefunden. Zu zweit oder zu dritt teilen sie sich einen Wohnraum in kleinen Hütten und pflegen ihre eigenen Gärten. Ungefähr die Hälfte aller Bewohner ist mit HIV infiziert. Diejenigen, bei denen die Krankheit bereits ausgebrochen ist, leben separat, um angepasste Zuwendung zu erhalten. Die psychisch Kranken sind ebenfalls in einem weiteren Bereich untergebracht.

Nur selten wird jemand weggeschickt, der Hilfe sucht. "Die einzige Bedingung, die für eine Aufnahme gestellt wird, ist, dass die Person laufen kann", erklärt Zemke. "Die Kapazitäten reichen für die Betreuung Behinderter einfach nicht aus, auch Pflegekräfte können nicht finanziert werden."

Deshalb helfen alle Bewohner bei den täglichen Arbeiten zusammen und kümmern sich umeinander wie in einer großen Familie. Täglich stellen sie in einer kleinen Bäckerei frisches Brot her, das sie auch in der Umgebung verkaufen, um Geld für die eigene Versorgung mit Lebensmitteln zu verdienen. Für alles weitere sind sie auf Spenden angewiesen.

Shirley Merime, die Leiterin, führte Zemke durch die Einrichtung und erzählte ihrer Besucherin auch von Grausamkeiten, die die Kinder schon erleben mussten. Manche Babys wurden in Plastiktüten vor dem Haus abgelegt, andere wurden auf öffentlichen Toiletten gefunden und weitere von der Straße aufgelesen.

"Es ist einfach nur traurig, das zu hören. Umso mehr hat es mich berührt zu sehen, wie liebevoll sie jetzt miteinander umgehen und in einer Gemeinschaft leben", berichtet Zemke. Besonders Shirley Merime hat einen tiefen Eindruck bei ihr hinterlassen. "Sie ist eine der beeindruckendsten Persönlichkeiten, die ich je kennengelernt habe. Die Bedürfnisse der anderen sind ihr wichtiger als ihre eigenen. Sie ist so eine herzenswarme Frau und nimmt die Waisen als ihre Kinder an, die deshalb auch ihren Nachnamen tragen."

Mit jedem Schritt durch die farbenfrohen Häuschen stieg Evelyn Zemkes Bewunderung für das Heim und das Konzept, das dahinter steht. Da auch der christliche Glaube ein wichtiger Grundpfeiler der Einrichtung ist, hat Shirley Merime zum Abschluss ihre Besucherin an die Hand genommen und mit ihr gebetet. "Ich habe mich gleich angenommen gefühlt und wurde dann als Teil der Familie verabschiedet. Alle Kinder standen am Zaun und haben gewunken", erinnert sie sich. An dem Tag ist ihr klar geworden, dass es im "Ebenezer" um mehr als Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf geht. Die Bewohner sollen Liebe erfahren und die Chance auf ein normales, glückliches Leben bekommen.

"Im Ebenezer muss zum Glück niemand hungern, dennoch fehlt das Geld an allen Ecken und Enden", berichtet Evelyn Zemke. Zurück in Deutschland, blieb ihr Wunsch bestehen, die Einrichtung nachhaltig finanziell zu unterstützen. Unter dem Motto "Kinder für Kinder" kam ihr die Idee, Schulpartnerschaften zu gründen. Mit verschiedenen Aktionen wie Aufführungen, Spendenläufen oder Schulfesten haben zwei Erlanger Schulen bereits Spenden für die südafrikanische Einrichtung gesammelt.

"Leider sind die zwei bestehenden Schulpartnerschaften durch das Ausscheiden der betreuenden Lehrkräfte momentan kaum aktiv. Ich bin also dringend auf der Suche nach weiteren Schulen oder Einrichtungen, die sich nachhaltig engagieren möchten, und würde mich freuen, wenn bei Interesse Kontakt mit uns aufgenommen wird", erklärt Zemke.

Sie ist in stetem Kontakt mit Shirley Merime, der Leiterin des Heims und stellt sicher, dass die Gelder eins zu eins ankommen. Mit den bisherigen Spenden wurde dort bereits einiges bewirkt. Beispielsweise sorgt ein neuer Generator dafür, dass die Bewohner im Winter nicht mehr frieren müssen. Außerdem wurde ein Kleinbus gekauft, mit dem die Kinder sicher in die Schule gebracht werden können.

"Ende des vergangenen Jahres habe ich dann mit meiner Familie einen eigenen Verein gegründet. Jetzt können wir Spendenquittungen ausstellen und alles hat Hand und Fuß", berichtet Zemke. Die Philosophie des Vereins ist es, dass jeder dabei helfen kann, Leben zu verändern, denn so heißt auch der Verein: "Change a life e.V.".

Pastor Thomas und seine Frau Shirley Merime haben schon viele Leben zum Besseren verändert. Er als Bauunternehmer und christlicher Pfarrer und sie als Lehrerin bildeten ein Team, das die Einrichtung gründete, ausbaute und leitete. Momentan stehen auch die ersten Mauern von einer kleinen Kirche, die das Gelände mit Raum für Gottesdienste und Versammlungen bereichern soll - ein Herzensprojekt von Pastor Thomas Merime. Vor ein paar Wochen ist er jedoch unerwartet gestorben und hinterlässt eine große Lücke.

"Sie waren ein Herz und eine Seele und haben sich in über 40 Jahren Ehe gegenseitig unterstützt. Die jetzige Situation ist wirklich sehr schwierig", berichtet Zemke. Noch im Januar hatte sie das Ehepaar und die Einrichtung besucht und ihren Geburtstag inmitten der "Ebenezer-Familie" verbracht. "Sie haben mir extra einen Kuchen gebacken, von dem jeder ein kleines Stück bekommen hat, und die Kinder haben mir Lieder gesungen. Das war einer meiner schönsten Tage überhaupt", erinnert sie sich, während sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht ausbreitet.

Die Erfahrungen in Südafrika haben auch sie verändert. Sie hat gelernt, dankbar für das zu sein, was sie hat und den Blick auf die Menschen zu lenken, die Hilfe benötigen. Oft braucht es gar nicht viel, um ein Leben zu verändern.

Kontakt Change a life e.V., Schlehenweg 13, 91085 Weisendorf, E-Mail: change-a-life@web.de

Spendenkonto Stadt- und Kreissparkasse Höchstadt/Aisch, IBAN: DE61763515600425166774, BIC: BYLADEM1HOS