Diesmal erzählt Jochen Brosig in seiner Kolumne, wie der Querläufer zum Querschwimmer und schließlich zum Fliesenzähler wurde.
Samstagmorgen. 7.59 Uhr. Der Querläufer steht vor dem Eingang zur Hannah-Stockbauer-Halle in Erlangen. Was macht er da? Wo er doch sonst um diese Zeit durch die Wälder um Röttenbach streift. Immer auf der Suche nach dem nächsten Trail. Ein Crosslauf durch den Wald wäre jetzt schön. Doch das Experiment "Laufpause" läuft weiter. Einen Großteil meiner Zeit hat die Läuferfrau mit Hausarbeiten aufgefüllt. Für den Rest müssen Alternativsportarten her. Radfahren, Walking, Roller fahren und eben Schwimmen.
Hier ist richtig was los. Mit rund 50 anderen Frühaufstehern warte ich vor der Halle auf den Einlass. Männer und Frauen mit breiten Schultern. Hier die Profischwimmer und Triathleten, dort die durchtrainierten Senioren, die jede Fliese in der Stockbauer-Halle beim Namen kennen. Man sieht es ihren Gesichtern an, dass sie am liebsten noch im Freibecken ihre Bahnen ziehen würden.
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Das Hallenwasser ist ihnen wahrscheinlich zu warm. Zwischen ihnen steht, etwas schüchtern, der Querläufer.
Der Uhrzeiger springt auf die Acht. In Sekundenschnelle werden Monats- und Jahreskarten ins Lesegerät gesteckt. Es piepst von allen Seiten, Drehkreuze klacken und die Türen zu den Umkleiden schwingen auf und zu. Der Querläufer löst seine Stundenkarte an der Kasse. Während ich die Spindtür schließe, höre ich es klatschen und platschen. Menschen springen ins Becken. Ein gleichmäßiger Rhythmus erklingt, als das Kraulen der Profis beginnt. Das Rauschen der Dusche unterbricht kurz die für mich neuartige Klangwelt, dann betrete ich die Halle.
Vor mir das 50-Meter-Becken mit seinen acht Bahnen. Fünf davon sind für die Profis abgetrennt. Wie wild wird hier schon gekrault. Trainer stehen am Beckenrand. Zeiten werden gerufen und auf Tafeln notiert.
Alle fünf Bahnen sind mit mehreren Schwimmern belegt. In jeder Bahn wird parallel nebeneinander geschwommen. Das Wasser spritzt und schäumt. Hände klatschen an den Beckenrand und es wird gewendet. Ein faszinierendes Bild.
Wie sagte noch ein befreundeter Triathlet zu mir? "Schwimmen ist meine Art des Fliegens. Wenn ich in die Fluten einer Badeanstalt springe, wird auf einmal alles ganz leicht. Was für ein Vergnügen, wie schwerelos über die Wasseroberfläche zu gleiten. Dann in einem Zug abtauchen, um mit der Schwimmbrille von unten das Wasserballett zu beobachten. Die blau verschleierte Tiefe des Schwimmerbeckens ist abgeschottet wie eine Märchenwelt."
Naja, Märchenwelt finde ich etwas übertrieben. Das Rufen und Klatschen hallt von den Wänden als Echo zurück. Von unten höre ich das Schlappschlapp meiner Badelatschen. Und im Barfußgang wäre ich fast ausgerutscht.
Schon früher beim Schulschwimmen fand ich es unangenehm, das Chlor auf meiner Haut zu riechen. Schwimmen war für mich eine Pflichterfüllung. Schwimmer waren für mich nichts als Kachelzähler.
Mein Blick wandert auf die andere Beckenhälfte. Drei Bahnen sind für die Langsamjogger, wie wir Läufer sagen würden, frei gehalten. Das wird dann schon ein bisschen eng. Meine Latschen fliegen in die Ecke, die Chlorbrille wird zurecht gerückt und mit dem großen Zeh teste ich die Wassertemperatur. Wie immer zu kalt. "Spätestens nach der ersten Bahn wird dir warm", höre ich meinen Sportlehrer in Gedanken sagen. Also kurz und schmerzlos. Ein Sprung, los geht es. 1000 Meter hatte ich mir vorgenommen, das heißt nach Adam Riese: 20 Bahnen.
Mein Kopf hebt und senkt sich. Schon nach kurzer Zeit gebe ich mich dem gleichmäßigen Rhythmus meiner Arme und Beine hin.
Ich kann in meinen Körper hineinhorchen. Unter Wasser hört sich alles gedämpft an. Meine eigenen Atemgeräusche, das Klatschen der Krauler, das Rufen von außen. Wie beim Laufen stellt sich durch die Konzentration auf die Bewegung eine Art Meditation ein. Es sind die Momente beim Sport, in denen ich ganz bei mir und bei meinem Körper bin.
Der Querschwimmer hat einen Gedanken, während sich sein Kopf aus dem Wasser hebt und wieder untertaucht: Es gibt schon gewisse Vorteile beim Schwimmen. Anders als beim Laufen oder Radfahren wird das Gesicht nicht unter erhöhtem Pulsschlag zu einer Grimasse. Der Ausdruck meiner Anstrengungen soll nur für mich bestimmt sein. Diskret kann er im Wasser verborgen bleiben.
- Meine Hand schlägt am Beckenrand an.
Aber wenn ich sehe, mit welcher Leichtigkeit mich durchtrainierte Pensionäre im Becken stehen lassen, komme ich mir vor wie Robinson Crusoe, der einen Sack voller Habseligkeiten aus seinem Schiff hinter sich herzieht. Endlich habe ich die 20 Bahnen hinter mir. Morgen wird wieder gelaufen. Dort gibt es keine Kacheln. Übrigens zur Info: Das 50-Meter-Becken zählt in der Länge 218 Kacheln.
Run happy and smile!
Euer Querläufer