Es ist ein Video, das sprachlos macht. Polizisten stürmen in eine Wohnung, zerstören nach weniger als einer Minute die Zugangstür. Das hatten sie angekündigt: "Aufmachen, sonst schlagen wir die Tür ein!" Das Versprechen wurde gehalten, die 26-jährige Tochter nach Kasachstan abzuschieben ja auch.


Tödliche Blutrache

Die Beamten, die ihren Auftrag ausführten, nahmen ungerührt war, dass die Mutter sich an einer der Scherben den Arm aufgeschnitten hatte und auf dem Boden lag und um ihre Tochter weinte. Dass der Bruder wissen wollte, warum seine Schwester gehen müsse. Die Geschichte wollten die Beamten nicht hören. Sie hatten einen Auftrag zu erfüllen.
Auch die zuständigen Behörden wollten die Geschichte der Familie nach Angabe der betreuenden Uschi Schmidt nicht wirklich hören. Dabei sei die so wichtig. Es habe alles damit angefangen, dass die tschetschenische Familie als Minderheit in Kasachstan gelebt habe. 1993 hatte der Vater einen Unfall gebaut, der das Leben eines anderen Menschen gekostet hätte. Ein Vorgang, der in Deutschland im Normalfall mit einer Gefängnisstrafe auf Bewährung sanktioniert worden wäre. Nicht so in Kasachstan, wobei die Gefängnisstrafe nicht das Wesentliche gewesen sei. Die Blutrache der gegnerischen Partei, der Familie, die bei dem Unfall ein Mitglied verloren hatte, stellte eine viel massivere Bedrohung dar. "Auge um Auge, Zahn um Zahn", nach diesem Motto trachtete diese Familie nach dem Leben der männlichen Mitglieder des Unfallverursachers. Ein Bruder wurde schwerst misshandelt, er sei gekennzeichnet von der Brutalität der Behörden.
Die Angst war letztlich so groß, dass die Familie floh. Zunächst nach Polen, dann von dort nach Deutschland. Die Angst vor der Qisas, der Blutrache, die in der "Scharia" definiert ist, endete noch nicht in Deutschland und ist bis heute ein ständiger Begleiter der Familie. Was neu dazukam, war ein Vergehen, das aus westlicher Sicht nur schwer zu verstehen ist. In Kasachstan steht die Flucht ganzer Familien unter Strafe. Das heißt in Folge, dass bei einer Abschiebung, in diesem Fall die Tochter, an dieser die Strafe vollzogen wird.
Uschi Schmidt erklärt, dass die Korruptheit in Kasachstan eine große Rolle spiele. Und ist empört: "Die Tochter ist abgeschoben worden, in ein muslimisches Land, wo sie Angst um ihr Leben haben muss." Abgeschoben fast ohne Geld, mit einem kleinen Koffer und in westlicher Kleidung - das könne aus Sicht der Flüchtlingshelferin nicht gutgehen.


Keine Namen im Text

Noch stehe man im Telefonkontakt, aber man wüsste nicht wie lange. Der Kampf hier vor Ort geht ebenfalls weiter. Denn auch dem Bruder droht die Abschiebung. In ein Land, das ihn unter Umständen ins Militär steckt und in Syrien kämpfen lässt.
Absurd sei, dass die Familie nun vier Jahre in Deutschland lebe. Voll integriert sei, deutsch gelernt habe und gerade die Tochter ein hervorragendes Deutsch rede. Die Vorbedingungen seien hervorragend. Vor der Flucht habe die junge Frau Jura studiert, die Mutter war Apothekenhelferin. Hier im Fränkischen sei man integriert. Es passe mit den Nachbarn, man sei in Vereinen aktiv. Nun ist die Familie auseinandergerissen. Doch Uschi Schmidt will weiter kämpfen. Es hängen immerhin vier Leben daran.
Nachsatz: Wegen der Angst vor der Blutrache verzichten wir auf Namensnennung und die genauen Örtlichkeiten.

Kommentar von Michael Busch

Unmenschlichkeit in Bayern Unglaublich - es macht sprachlos. Und es macht einem bewusst, dass offensichtlich nicht alle Entscheider sich ihrer Geschichte bewusst sind. Es gab eine Zeit, da wurden Deutsche aufgenommen, weil ihnen im eigenen Land der Tod drohte. Hier haben Verwaltungsbeamte mit Sicherheit nicht gegen das Gesetz verstoßen, es wird alles seine Richtigkeit haben. Aber sie haben gegen etwas viel Elementareres verstoßen: Gegen die Menschlichkeit.

Blutrache spielt wohl keine Rolle, ein korruptes Land auch nicht. Statt im Zweifel für den Flüchtling zu stimmen, wird eine intakte Familie auseinandergerissen. Eine Familie, die vorbildlich war und ist. Die nicht ihre Pässe weggeschmissen haben, um sich einen Aufenthalt zu erschleichen. Eine Familie, die alles getan hat, um sich anzupassen, um letztlich ein friedliches Leben zu führen.

Was lässt man stattdessen lieber zurück? Eine weitere Abschiebung, Eltern, die suizidgefährdet sind, weil sie die Trennung der Tochter nicht verkrafte, Angst vor der Blutrache.

Die hatten die Hoffnung in den demokratischen Staat, in ein offenes Land Bayern. Eine gestorbene Hoffnung. Gibt es Hilfe? Ja sicher, wenn ein Innenminister Joachim Herrmann sich des Falles annimmt und Menschlichkeit zeigt. Aber das wäre ein Sprung über einen großen Schatten.