Mirjam Wellein seufzt sehr tief und sagt: "Es ist wirklich nicht einfach für mich." Seit ein paar Monaten ringt die Wirtin der Kultkneipe Töpfla mit ihrem Gewissen. Schließlich, so dachte sie, könne sie das ihren Gästen nicht antun. Jenen Männern und Frauen, die hier ein paar mal die Woche vorbeischauen und die inzwischen so etwas wie eine Familie für Wellein geworden sind. Also überlegte sie noch einmal. Nun aber steht ihr Entschluss fest: Wellein will das Töpfla verkaufen.

Hinter der Entscheidung stehen vor allem persönliche Gründe, wie die 54-Jährige erklärt. Schließlich sei ihr bei einer Sechs-Tage-Arbeitswoche kaum noch Zeit für andere Vorhaben geblieben. Immer wieder habe sie wegen der Arbeit Freunde vernachlässigen müssen, und auch am Kulturleben der Stadt konnte sie zuletzt kaum noch teilnehmen. Ausschlaggebend war letztlich jedoch der Tod einer engen Freundin, der ihr sehr nahe ging und sie dazu bewegt habe, die Kneipe aufzugeben. "Wer weiß, wie lange man noch Zeit hat, um die Dinge zu tun, die man immer tun wollte."

Kultkneipe wie ein Wohnzimmer

Dass ihr der Entschluss dennoch sehr schwer gefallen ist, ist wenig überraschend. Schließlich hat Wellein die Kultkneipe drei Jahre lange erfolgreich betrieben. Übernommen hat sie das Lokal samt der darüber liegenden Wohnung bereits 2014. Drei Jahre lang ließ sie das denkmalgeschützte Haus in der Hauptstraße 23 aufwendig sanieren, 2017 eröffnete die Kneipe wieder. Für den Ausbau erhält die gebürtige Höchstadterin demnächst die Denkmalschutzmedaille der Stadt. "Das ist schon was", sagt sie bescheiden. Stolz sei sie darauf schon ein wenig.

Noch stolzer aber ist Mirjam Wellein vor allem auf das, was sie mit dem Töpfla für ihre Gäste entworfen hat: "Mit der Kneipe wollte ich meinen Gästen einen Ort bieten, an dem man sich wohlfühlt, ein zweites Wohnzimmer sozusagen." Und einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Einer ihrer Gäste zum Beispiel stamme aus Essen. Er habe 1978 nur ein paar Monate in Höchstadt gearbeitet. Weil ihn die Kneipe nicht mehr losgelassen hat, als er aus Höchstadt fortging, komme er inzwischen jedes Jahr mit seiner Frau vorbei, um ihr seine Lieblingskneipe zu zeigen.

Das zeige sehr gut, wie wichtig, die Kneipe für die Menschen hier ist, sagt Wellein. Dass Corona dem Töpfla stark zugesetzt hat, daraus macht die Gastronomin kein Geheimnis. Inzwischen aber laufe das Geschäft wieder gut und das liege hauptsächlich an ihren "tollen Gästen". So gebe es viele Stammgäste, die immer bereit sind zu helfen. Als ihr wegen Corona die Bedienungen weggefallen sind, sei beispielsweise der Kellerbergverein eingesprungen und habe im Service geholfen. "Die Töpfla-Familie hält eben zam", sagt Wellein.

Erste Anfragen gibt es

Deshalb wünscht sich die Gastronomin, dass die Kultkneipe auch künftig bestehen bleibt. Erste Anfragen gebe es zwar bereits, Wellein will sich mit der Entscheidung aber Zeit lassen, schließlich müsse der künftige Wirt auch zum Töpfla passen. Das Schöne sei, dass die Kneipe schlüsselfertig übernommen werden kann, Umbauten bedürfe es keiner. "Wenn ich 15 Jahre wäre, würde ich weiter machen", sagt sie. So aber gehe es einfach nicht mehr.

Und was dann? Wenn man Welleins Lebenslauf liest, könnte man meinen, dass Dinge, die sie noch tun wolle, rar sind. Schließlich war die gelernte Sozialversicherungsfachangestellte bereits im Kloster, das reiche. Danach habe sie als Managerin in München gearbeitet, was es ihr irgendwann zu stressig wurde, weshalb sie den Job hinschmiss, um als Reiseleiterin anzuheuern. "Ich habe bisher ein bewegtes Leben hinter mir."

Nun will sich Mirjam Wellein mit ihrer Lebensgefährtin ein Haus im Grünen suchen, freilich in Höchstadt. Von dort aus werde sie dann abends zum Töpfla laufen, wo sie sich mit ihren "Mädels zum Schafkopfen trifft. Oder zum Weiberfasching." Schließlich müsse am Ende noch Zeit bleiben für die Kneipe.