Es war eine Frage der Zeit. Sicher ist es richtig, dass Totgesagte mit am Längsten leben, aber offensichtlich gibt es auch da Grenzen. Geißinger stand schon bei den Demonstrationen nach der Continentalübernahme 2009 zur Disposition, nicht auf der Führungsebene, sondern bei den Mitarbeitern. Einem Großteil ist er in den gut 15 Jahren, die er dem Unternehmen als Vorstandsvorsitzender diente, nie sympathisch geworden.
Er war im Grunde der Antipode zu Maria-Elisabeth Schaeffler, der die Mitarbeiter in einer annähernd bedingungslosen Treue folgten. Ihr wurde der Aufenthalt im mondänen Kitzbühel zu Krisenzeiten nie vorgeworfen. Doch Geißinger hörte seinen Namen bei Demonstrationen immer wieder.
Er war der greifbare Verantwortliche für die Continental-Übernahme, die das Unternehmen Schaeffler an den Rande der finanziellen Existenz geführt hat. Maria-Elisabth Schaeffler hatte Tränen in den Augen, als ihr die Belegschaft bei der größten Solidaritätsdemonstration des Unternehmens bekundete, alles für das Unternehmen und die Familie machen zu wollen, um weiter zu existieren. Geißinger erhielt Pfiffe.
Ihm wird auch der Übergang des Familienunternehmens, das sich über Jahrzehnte brav aus der öffentlichen Diskussion zurückhalten konnte, in ein Aktienunternehmen mit allen Veröffentlichungspflichten in die Schuhe geschoben.
Dennoch: Warum er jetzt gehen muss, wird ein Rätsel bleiben. Dem ganzen Unternehmen wäre es lieber gewesen, der Abgang wäre still und leise gewesen. Über "indiskrete Mitteilungen an die Presse" wird gesprochen. "Ein offenes Geheimnis seit Monaten", sagen Insider. Zwei wissen es genau: Die mütterliche Maria und ihr Antipode.