Herr Tritthart, wie verbringen Sie diese Osterfeiertage?

Alexander Tritthart: Ich werde die freie Zeit, die ich habe, zu Hause verbringen, höchstens mal mit der Familie und dem Hund rausgehen. Ansonsten werde ich mich strikt an die Vorgaben halten. Denn ich kriege hier mit, welche Auswirkungen das haben kann. Und ich hoffe, dass sich auch die Bevölkerung daran hält. Mit Sicherheit werde ich einige Stunden im Amt verbringen. Die Führungsgruppe Katastrophenschutz tagt auch an den Feiertagen. Es wird ein tausendprozentig anderes Osterfest als meine 50 Osterfeste davor.

Wo steht der Landkreis bei der Bewältigung dieser Krise?

Stand Freitag haben wir im Landkreis 152 positiv getestete Erkrankungsfälle und 179 in Erlangen, wo wir mit dem Gesundheitsamt auch zuständig sind. Das heißt wir haben jetzt die 300 überschritten. Was besonders belastend ist: Wir haben vier Todesfälle, zwei im Landkreis, zwei in Erlangen. Insgesamt sind wir aber, wenn ich mir die bayerische Karte anschaue, noch verschont von ganz schlimmen Zahlen. Um uns herum sind sie deutlich höher. Woran das liegt, kann ich nicht beurteilen. Aber wir müssen mit allem rechnen. Deshalb bin ich jeden Tag froh, wenn die Zahlen nicht explodieren.

Die medizinische Katastrophe ist bislang ausgeblieben. Wirtschaftlich schlägt der Shutdown aber teils katastrophal zu. Welche Rückmeldungen von Unternehmen bekommen Sie?

Zunächst: Jeder einzelne Todesfall ist für sich eine Katastrophe für die Angehörigen. Gesamt gesehen sind wir im Verhältnis zu dem, was in Spanien, Italien oder Frankreich passiert, jedoch noch gut dran. Die Wirtschaft steht vor einer riesigen Herausforderung. Gerade für uns im Landkreis, der bislang wirtschaftlich hervorragend dastand. Wir beobachten das jetzt ganz genau. Ich bin wirklich froh, dass Landes- und Bundesregierung die Förderprogramme auf den Weg gebracht haben. Von den Firmen, auch Kleinstunternehmen, habe ich die Rückmeldung, dass das bei vielen schon sehr gut geklappt hat. Viele haben innerhalb kürzester Zeit sowohl ihren Bescheid als auch ihr Geld bekommen. Manche warten noch. Bei der Regierung von Mittelfranken geht natürlich eine Vielzahl von Anträgen ein. Ich bin auch froh, dass unsere Kreissparkasse das Thema wirklich ernst nimmt, weil ja die größeren Dinge über die Hausbank laufen.

Aber für einige wird es eng werden.

Ja. Ich habe gestern mit einer Unternehmerin gesprochen, die Imbisse auf Festen betreibt. Die Frau war den Tränen nahe. Sie weiß überhaupt nicht, wie es weitergeht. Fakt ist: Die Wirtschaft ist breit betroffen, große sowie kleine Firmen. Das wird massivste Auswirkungen haben. Aus dem eigenen Familienumfeld weiß ich: Es gibt Berufe, die an ihre Belastungsgrenze kommen.

Angesichts der Verwerfungen: Haben Sie manchmal Bedenken, dass diese Einschnitte übertrieben sein könnten?

Ich und alle, die in Verantwortung stehen, haben volles Vertrauen in die Mediziner, die sagen, dass es notwendig ist. Man muss sich auf diese Aussagen verlassen. Was ich schon hinterfrage: Wir haben jetzt Mitte April und stecken immer noch mittendrin. Vor ein paar Wochen haben Virologen gesagt, zu Ostern könnte das Schlimmste vorüber sein. Aber jetzt redet man schon über Mai, Juni oder noch länger. Ich verlasse mich auf die fachlichen Auskünfte. Wenn es um Leben und Tod unserer Bevölkerung geht, müssen die wirtschaftlichen Aspekte hinten anstehen, so schwer das ist. Aber ich bin auch der Meinung, dass jetzt parallel eine Diskussion über eine Exit-Strategie laufen muss. Wir können das nicht über Monate so durchhalten.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ihre Behörde mit einer Ausnahmesituation nahezu überfordert wird. 2015 war es das Thema Asyl, jetzt der Gesundheitsschutz. Da stellt sich die Frage: Wie oft müssen Sie noch als Ausputzer für schlechte Krisenprävention auf höheren politischen Ebenen herhalten?

Die Koordinierung 2015 war bislang meine größte Herausforderung. Aber im Vergleich zu dem, was wir gerade durchleben, war die Flüchtlingskrise relativ leicht zu bewältigen. Damals hatten wir eine begrenzte Zahl von Schutzsuchenden. Es ging vor allem um Materielles. Jetzt ist die Gesundheit der kompletten Bevölkerung gefährdet, die Wirtschaft steht nahezu still. Das ist nicht zu vergleichen. 2015 sind wir an den Rand der Belastung gegangen, jetzt sind wir deutlich drüber. Als Landratsamt sind wir für die öffentliche Sicherheit und Ordnung zuständig und müssen alles umsetzen, was für unsere Bürger kommt. Wir müssen nebenbei unseren Betrieb wie Zulassungsstelle, Ausländeramt, Wertstoffhöfe und mehr aufrecht erhalten. Wir sind am Anschlag. Das was jetzt läuft, ist wirklich extrem für ein Amt. Wir haben einen 24-Stunden-Dienst, auch über die Feiertage. Wir arbeiten im Schichtsystem. Ich gehe zwischendrin mal nach Hause, sonst geht es irgendwann nicht mehr. Nachts habe ich Handy und Tablet neben dem Bett liegen. Und ich bedanke mich jetzt schon bei allen Mitarbeitern, auch den Ehrenamtlichen!

Es gab seit Jahren Risikoanalysen, die vor so etwas gewarnt haben. Sie haben als Katastrophenschutzbehörde Fachleute. Feuerwehr, THW, Kreiskrankenhaus: Ist da niemand aufgestanden und hat gefragt: Wann setzen wir die Krisenpräventionspläne endlich um?

Man muss sagen: Wir im Landkreis Erlangen-Höchstadt haben uns gut aufgestellt. Gott sei Dank haben wir 2016 und 2017 vorgesorgt. Wir hatten jetzt etwas, das wir aus der Schreibtischschublade ziehen konnten, wie man so schön sagt. 2016 regelten wir für die Führungsgruppe Katastrophenschutz, wer im Krisenfall was macht. Diese Abläufe haben wir damals verschriftlicht. Das nützt uns jetzt natürlich. Bei manchen Dingen muss man natürlich nach steuern. Aber ich bin heilfroh, dass wir das haben. Einen Schritt unter der Katastrophe gibt es die sogenannte koordinierungsbedürftige Lage. 2017 haben wir das mit einer Dienstanweisung belegt, was uns jetzt enorm geholfen hat. Aber ganz klar: Wenn mir vor acht Wochen jemand gesagt hätte, dass ich im großen Umfang Schutzmasken bestelle oder mit Firmen im Landkreis wegen der Produktion solcher Ware spreche, dann hätte ich das nie geglaubt.

Sitzungen fallen aus, die Vergabe von Bauaufträgen ist gelockert: Wie wird im Landkreis momentan entschieden?

Entschieden wird derzeit vieles mit dringlicher Anordnung des Landrats. Es hat sich zudem die rechtliche Grundlage für einen sogenannten Ferienausschuss ergeben - ein unangebrachter Name, der uns allerdings gesetzlich so vorgegeben ist. Er ist beschickt mit den zwölf Mitgliedern des Kreisausschusses plus mir als Landrat. Die Einsetzung lief mittels Umlaufbeschluss per Brief an alle 60 Kreisräte, die dem schriftlich in überwältigender Mehrheit zugestimmt haben. Dieser Ferienausschuss wird am 27. April, 9 Uhr, öffentlich im Landratsamt tagen. Es wird die letzte Sitzung der Wahlperiode mit einer umfangreichen Tagesordnung, die ich zügig behandeln will. Beschlossen wird alles, was ich nicht mit dringlicher Anordnung regeln kann und darf. Die Sicherheitsmaßnahmen werden groß sein. Wir werden im großen Sitzungssaal sehr weit auseinander sitzen. Verabschiedungen teils jahrzehntelanger Kreisräte werden nachgeholt.

Wann findet die konstituierende Sitzung des Kreistags statt?

Dafür hat das Innenministerium nun rechtlich grünes Licht gegeben: Am 18. Mai, 9 Uhr, wird der neue Kreistag konstituiert. Inhaltlich werden wir nur das Nötigste klären. Wir müssen die Kreisräte vereidigen, die stellvertretenden Landräte wählen und die Ausschüsse festlegen. Um das ganze räumlich zu entzerren, wird die Sitzung in einer Dreifachturnhalle stattfinden. Wo ist noch nicht klar.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Beschränkungen wieder voll aufgehoben sein werden?

Am meisten freue ich mich, wenn ich mit meiner Familie und Freunden endlich mal wieder etwas G'scheits machen kann. Dass man sich trifft, dass man sich auf einer Kerwa zuprostet. Gemeinsam Einkaufen und dass man sich mit den Menschen vernünftigen unterhalten kann, in einem freundschaftlichen, direkten Kontakt, ohne zwei Einkaufswägen zwischen sich. Und ich freue mich wahnsinnig auf den Kontakt mit dem Bürger. Von einer Kerwa, einer Veranstaltung, einem Konzert zum anderen: Was früher auch herausfordernd war, das vermisse ich wahnsinnig! Ich hoffe, dass die Lockerheit, die Unbeschwertheit, die im Moment vollkommen weg ist, bald wieder kommt. Jetzt schätzen wir erst, was das für ein Gefühl war.

Das Gespräch führte Christian Bauriedel.