An die einhundertfünfzig Jahre ist er alt, der Backsteinschlot der einstigen Wollwarenfabrik Wirth an der Schütt. Er ist das letzte Relikt einer über Jahrhunderte hinweg blühenden Zunft. Wie ein Zeigefinger scheint er anzudeuten, dass Herzogenaurach nicht nur eine Stadt der Schuster, sondern auch der Tuchmacher gewesen ist.

Neuerdings ist Herzogenaurach auch eine Stadt der Störche. Denn Meister Adebar kommt jedes Jahr immer zahlreicher an die Aurach, und mit ihm verlassen dann im Spätsommer viele Jungtiere die Stadt. Vielleicht, um - wie die Altvögel - genau dorthin zurückzukehren.

Zweimal mit Erfolg

Auch auf dem alten Backsteinschlot der einstigen Fabrik Wirth, der seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht mehr in Betrieb ist, hat sich ein Paar niedergelassen. Doch erst vor zwei Jahren rückte das Bauwerk ins Blickfeld der gefiederten Großvögel, erinnert sich Hausbesitzer Ulrich Wirth. Da blieb der Versuch zu brüten zwar noch ohne Erfolg, doch 2019 war's dann schon besser, das Paar zog drei Jungtiere groß. Und heuer ist es noch besser geworden: Offenbar sind es sogar fünf kleine Störche, die das Nest füllen. Eine siebenköpfige Familie hat sein Zuhause droben über der Stadt auf dem Backsteinkamin.

Und von dort haben die Tiere eine wundervolle Aussicht. Das lassen Fotos erkennen, die Wirth von einem befreundeten Drohnen-Spezialisten machen ließ. Aus sicherer Entfernung freilich, um die Vögel nicht zu stören. "Die Drohne war weit genug entfernt", berichtet Wirth. Weder haben die Aufnahmen den Altstorch gestört, noch hätten die Jungtiere reagiert, sagt Wirth. Ihm sei das schon wichtig gewesen. Mindestens vier, vermutlich aber fünf Jungtiere sind im Nest zu erkennen. Damit könnte der Horst auf dem Fabrikschlot der kinderreichste Nachwuchs in der Stadt sein.

Polizeistörche im Pech

In diesem Sommer sind wohl zehn Storchenpaare in Herzogenaurach, eines davon im Ortsteil Niederndorf. Wenigstens zwei sind bislang ohne Erfolg, so auch ein Paar, das seit Wochen versucht, auf dem Polizeigebäude ein Nest zu bauen. Vergeblich, denn immer wieder fallen die Zweige zu Boden. Die Polizei hat den Bereich schon abgesperrt, damit kein Passant getroffen wird. Doch die Gastfreundschaft half ebenso wenig wie ein Namenswettbewerb unter Kindern. Emil und Polly heißt jetzt das unermüdliche Storchenpaar, frei nach Erich Kästners Detektiv und dessen Cousine. Die Herzogenauracher, die sich auf der Straße über die Bemühungen der schnäbelnden Tiere unterhalten, haben freilich einen anderen Namen für den Storchenmann gefunden: Joachim soll er heißen, benannt nach dem obersten Dienstherren der Polizei, den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann.

Behelfshorste bleiben leer

Unbesetzt sind auch im zweiten Jahr die Behelfshorste geblieben, die die Stadt auf dem Dach der Carl-Platz-Schule errichtet hat. Sie waren als Ausweichquartier für die Störche auf dem Schlossdach gedacht, die man dort zusätzlich mit baulichen Maßnahmen verscheuchen wollte. Zur Sicherheit der Tiere selbst, solange der Rathausbereich nämlich eine Großbaustelle ist. Doch ein Paar scherte sich nicht darum und brütete auch heuer dort, zum zweiten Mal in Folge, trotz des offiziellen "Verbots". Und wieder erteilte die Stadt im Nachhinein eine Erlaubnis.

"Sture Herzogenauracher"

Aber auch die Polizeistörche lassen sich bisher von dem Standort auf dem Schuldach an der Edergasse nicht überzeugen. Vielleicht sollte man im kommenden Jahr einen Horst aufs Polizeidach umsetzen. Dass die Tiere sich nicht von den städtischen Maßnahmen locken ließen, verwundert Beobachter der Szenerie nicht. "Die Störche sind schließlich Herzogenauracher", war da zu hören. "Und die sind stur".