Wenn eine Freiheitsstrafe auf Bewährung ausgesetzt wird, heißt das, dass der Verurteilte nicht ins Gefängnis, sondern sich bewähren muss. Er darf also weder betrunken Auto fahren, klauen noch jemanden körperlich verletzten - so die beispielhaften Auführungen. Halbsatz für Halbsatz erklärt Richter Wolfgang Gallasch dem Angeklagten relevante Auszüge aus der deutschen Rechtsprechung.

Die Augen des 23-Jährigen wandern abwechselnd nach vorne und wieder zur Seite. An seiner rechten Schulter sitzt am Dienstagmorgen eine Dolmetscherin. Seit über einem Jahr leben der Angeklagte und seine Ehefrau mit ihrer gemeinsamen Tochter in einem Ortsteil von Wachenroth. Sie sind aus Mazedonien nach Deutschland gekommen.

Beide arbeiten als Hilfskräfte. "Eigentlich vom ersten Tag an", erinnert sich der Angeklagte auf Nachfrage des Hohen Gerichts gestern. Deutsch sprechen sie nicht, nicht viel, auf jeden Fall zu wenig, um die Fragen direkt zu verstehen oder zu antworten.

Mit Hilfe der Dolmetscherin erfährt die Frau, dass sie keine Aussage machen muss, nicht noch einmal das schildern muss, was sie gegenüber der Polizei ausgesagt hat, ihren eigenen Ehemann nicht vor Gericht belasten muss. Und die 22-Jährige macht Gebrauch von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht. Alles, was sie sagt, ist: "Ich möchte, dass wir weiterhin zusammenleben, ich liebe ihn, er ist mein Mann."


Ehefrau gebührt Respekt

Mit dieser Entscheidung und der Ablehnung, dass die Polizeibeamten, die damals die Tatvorwürfe gegen ihren Ehemann aufgenommen haben, nicht noch einmal im Gericht vernommen werden dürfen, fällt die Anklageschrift - zumindest in einem von drei Teilen - zusammen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 23-Jährigen nämlich vor, er habe seine Ehefrau an einem Frühjahrstag im Mai gegen Mittag in der gemeinsamen Wohnung verletzt - eine Ohrfeige mit der flachen Hand verpasst - und sie um Mitternacht erneut tätig angegriffen - die Lippe verletzt und ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Als es einige Stunden später in der Nacht wieder zum Streit zwischen den Eheleuten gekommen sein soll, habe er sie wohl auf die Couch gezogen, wollte sie küssen und streicheln, was seine in Schlafanzugshose und T-Shirt bekleidete Frau anfangs noch versuchte abzuwehren, aber schließlich doch aufgab aus Angst, noch einmal verwundet zu werden. Er hielt seine Frau fest, zog ihr die Hose aus und hatte gegen ihren Willen Geschlechtsverkehr mit ihr. So weit die Ausführungen der Staatsanwältin zu Prozessbeginn.

Zu den drei Tatvorwürfen bezieht im Laufe der Sitzung weder der Angeklagte noch das Opfer selbst im Gericht näher Stellung. Wobei: In den beiden ersten Fällen der Körperverletzung zeigte sich der Mann schon vorab geständig.

Und seine Frau, die habe ihrem Mann mittlerweile verziehen. "Die Polizisten haben gesagt, dass wir zwei Wochen nicht zusammen sein dürfen", aber gleich danach habe das Ehepaar wieder unter einem Dach gelebt. So übersetzt die Dolmetscherin eine der wenigen Antworten der Ehefrau auf die wenigen Fragen, die in dieser Gerichtsverhandlung geklärt werden können. Der Staatsanwaltschaft bleibt letztlich nichts anderes übrig, als den Tatvorwurf der Vergewaltigung fallen zu lassen, da es keine Beweise gibt.

Wichtig ist der Staatsanwältin, "nicht den Eindruck zu erwecken, dass das meine Ehefrau ist und ich mit ihr machen kann was ich will", sodass sie für eine kurze Freiheitsstrafe plädiert. Das "wünscht" sich auch der Angeklagte in seinem Schlusswort, damit er seine Familie nicht mit einer Geldstrafe für sein Verfehlen bei dem sowieso schmalen Geldbeutel belasten muss. Für die beiden Körperverletzungen verhängt Richter Gallasch eine Gesamtfreiheitsstrafe von vier Monaten auf Bewährung. Vier Jahre, erklärt er dem 23-Jährigen, muss er sich bewähren, sonst wird er unumgänglich eingesperrt. Die Sozialprognose sei gut, aber "sie müssen lernen, dass alle Mitmenschen Respekt verdienen und alle einen Anspruch haben, unverletzt zu bleiben", mahnt Richter Gallasch. Eine Auflage bekommt der Mann außerdem: Innerhalb der nächsten drei Monate muss er einen Deutschkurs beginnen - und er soll am besten seine Frau mitnehmen.

Nicht nur, um irgendwann direkt auf deutsch zu verstehen, was seine Bewährung bedeutet, sondern für die gewünschte Zukunft in Deutschland, für mehr Integration: "Das ist auch für ihr Kind wichtig."