"In Deutschland steckt mehr" ist das Motto der Fachkräftewoche, zu der aktuell das Bundesministerium für Arbeit und Soziales aufruft. "Erwerbslosigkeit und psychische Gesundheit" lautete der Titel einer Veranstaltung, zu der die Verantwortlichen des vom Ministerium geförderten Projekts "Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt " jetzt in die Laufer Mühle geladen hatten.
Im Mittelpunkt der Fachkräftewoche soll die Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit anhand erprobter Konzepte stehen. Als einen der regionalen Partner wählte man die Laufer Mühle aus. "Wir sind ein anerkanntes Integrationsunternehmen und bieten mit unseren sozialen Betrieben Langzeitarbeitslosen und sozial Benachteiligten einen Platz in der Arbeitswelt", erklärte Geschäftsführer Michael Thiem diese Entscheidung. In Höchstadt diskutierte man nun gemeinsam mit Unternehmern, Politikern und Mitarbeitern der Laufer Mühle über die Wechselwirkung von psychischen Erkrankungen und dauerhafter Erwerbslosigkeit.
Nach einem Rundgang durch das Sozialkaufhaus referierte Professor Holger Pfaff von der humanwissenschaftlichen und medizinischen Fakultät der Universität Köln über diese Problematik und stellte ein paar Statistiken vor: Rund eine Million Menschen in Deutschland sind seit mehr als einem Jahr ohne Job und damit langzeitarbeitslos. Psychische Erkrankungen und andere gesundheitliche Beschwerden träfen diese Menschen besonders häufig. "Sowohl die Krankheitsrate als auch die Suizidrate und Sterblichkeit im Allgemeinen sind bei Langzeitarbeitslosen extrem erhöht", klärte Pfaff auf.


Geld ist zweitrangig

Doch was ist nun Ursache, was Wirkung? "Das kann unterschiedlich sein", so der Experte. In jedem Fall entstehe aber ein "Teufelskreislauf", der eine Art Abwärtsspirale in Gang setze. "Ziel muss deshalb sein, einen Aufwärtstrend durch Ressourcenverwertung zu ermöglichen", sagte Pfaff. Meist bilde sich eine psychische Störung zurück, sobald der Betroffene wieder in ein geregeltes Arbeitsleben eintritt. Doch auch ehrenamtliche Tätigkeiten erzeugten eine solche Wirkung: "Es geht nicht um Geld, sondern um die Tätigkeit an sich. Wichtig ist, dass man wieder eine Rolle in der Gesellschaft einnimmt und diese auch sozial anerkannt wird", ist Pfaff überzeugt.
Das konnte auch Dieter Frömter bestätigen. Er arbeitet im Höchstadter Sozialkaufhaus der Laufer Mühle und stand selbst nach einem Krankenhausaufenthalt wegen eines Herzinfarkts am nächsten Tag bei seiner Arbeitsstelle wieder auf der Matte. "Zu Hause rumsitzen macht ungesund. Mich bauen die Gemeinschaft und der Kundenkontakt immer am meisten auf", berichtete er.
Auch andere ehemalige Suchtkranke schilderten ihre Erfahrungen nach dem Entzug. Jürgen beispielsweise war nach einer 25-jährigen "Suchtkarriere" 2006 Erwerbsunfähigkeitsrentner mit 100 Prozent Behinderung. Nach einer intensiven Therapie ist der gelernte Maler und Lackierer inzwischen nicht nur für zwei Magazine der Laufer Mühle zuständig, sondern auch Ausbilder von aktuell drei Lehrlingen.
"Hilfe zur Selbsthilfe lautet unser Motto", erklärte Michael Thiem das Integrationskonzept seines Hauses. Das kam auch Silvia zugute. Sie weiß heute: "Es erzeugt Zufriedenheit, mit Menschen in Kontakt zu treten und etwas an sie weiterzugeben." Besonders stolz ist sie darauf, ihrer eigenen Tochter nun bei deren Weg durch das Leben behilflich sein zu können.
Dass neben genetischer Veranlagung auch soziale Erziehung für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nicht unterschätzt werden sollte, betonte Referent Holger Pfaff. Aber auch das momentan omnipräsente Thema Asylbewerber sparte man bei dieser Gelegenheit nicht aus. Wie können wir Flüchtlinge ohne großen bürokratischen Aufwand schnell integrieren? Sollte zu Anfang der Erwerb von Sprachkenntnissen stehen oder können diese besser im Rahmen einer Ausbildung vermittelt werden? Wie verhindern wir psychische Erkrankungen bei dieser Gruppe frühzeitig? Diese und weitere Fragen wurden diskutiert.
Dass junge Menschen allgemein vermehrt mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, weiß der Höchstadter Mittelschulleiter Michael Ulbrich. Verantwortlich hierfür macht er unter anderem das "komplett überholte Schulsystem". Kinder würden bislang in einem zu frühen Entwicklungsstadium getrennt. Die Möglichkeit, sich aus ihrem bisherigen sozialen Umfeld zu lösen, würde dadurch minimiert. "Das erzeugt eine Abwärtsspirale, aus der man über Generationen nicht herauskommt", ist der Pädagoge überzeugt. Gerade in Kleinstädten wie Höchstadt sieht er aber einen entscheidenden Vorteil im Ausbau von sozialen Netzwerken - auch außerhalb des Schul- und Berufsalltags.