Eine Insel der Glückseligen gibt es nicht mehr. Die Gefahr einer Infektion mit dem Coronavirus droht jedem, egal wie alt er ist oder wo er wohnt. Eine Familie aus dem Landkreis Erlangen-Höchstadt hat erlebt, wie ein positiver Test das Leben auf den Kopf stellt. Eine Chronologie:

Dienstag, 20. Oktober

Georg S. (alle Namen von der Redaktion geändert) erfährt, dass ein Bekannter von ihm, mit dem er in den vergangenen Tagen engeren Kontakt hatte, positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Georg wird zwar nicht vom Gesundheitsamt als Kontaktperson ersten Grades angerufen, will aber auf Nummer sicher gehen und lässt sich bei seinem Hausarzt testen. Seine Frau Maria, die in einer Facharztpraxis arbeitet, lässt ebenfalls einen Test durch ihren Chef durchführen. Georg und Maria fragen sich, wie lange es wohl dauert, bis die Ergebnisse da sind.

Donnerstag, 22. Oktober

Georgs Frau bekommt ihr Ergebnis: negativ. Er ist sich ziemlich sicher, dass er auch nicht infiziert sein kann, denn sonst hätte er ja bestimmt seine Frau angesteckt. Er fragt sich aber immer noch, wann wohl sein Ergebnis kommt ...

Samstag, 24. Oktober

Am Nachmittag meldet sich Georgs Hausarzt telefonisch: positiv! S. fällt aus allen Wolken: "Das gibt's doch nicht! Mir geht's doch gut, und der Befund meiner Frau ist negativ." Sein Hausarzt erklärt ihm, dass das öfter vorkommt, und wundert sich, dass das Gesundheitsamt noch nicht angerufen hat. Normalerweise sei es Aufgabe des Labors, jeden positiven Test an das zuständige Amt zu melden. "Die werden sich schon noch melden", beruhigt er S., "die rufen auch am Wochenende an."

S. fragt sich, wie er sich jetzt verhalten soll, und schottet sich daheim von seiner Familie ab. Er bezieht ein eigenes Zimmer, benutzt ab sofort das Gästebad. Das Essen stellt ihm seine Frau vor die Tür, Unterhaltungen finden durch ebendiese oder aus sicherer Entfernung statt. Die Kinder winken dem Papa vom Ende des Flurs zu und fragen sich, wie lange das jetzt so bleiben soll.

Sonntag, 25. Oktober

Das Gesundheitsamt hat sich noch nicht gemeldet. S. will auf den Anruf gut vorbereitet sein und schreibt auf, mit wem er in den vergangenen Tagen engeren Kontakt hatte. Allerdings fragt er sich, wie weit er mit dieser Liste zurückgehen muss.

Montag, 26. Oktober

Das Gesundheitsamt hat sich immer noch nicht gemeldet. Maria S. will jetzt endlich wissen, was Sache ist, und ruft selbst in Erlangen an. Die überraschende Auskunft: Von einem Georg S. mit einem positiven Testergebnis ist im System nichts zu finden. Eine Amtsärztin erklärt ihr, dass sie ohne den Laborbefund überhaupt nichts unternehmen könne. Maria lässt sich den Befund vom Hausarzt schicken und leitet ihn zusammen mit einer Liste von Georgs engeren Kontakten zwischen 18. und 20. Oktober an das Amt weiter.

Nun ergehen folgende Anordnungen: Georg muss bis einschließlich 30. Oktober in Quarantäne bleiben, ein weiterer Test ist nicht erforderlich. Georgs Kontaktpersonen - die dann im Lauf der Woche alle negativ getestet werden - müssen bis einschließlich 1. November in Quarantäne. Maria und die Kinder dürfen Haus und Hof bis einschließlich 7. November nicht mehr verlassen. Alle fragen sich, warum.

Maria, ihre Tochter und ihr Sohn sollen sich außerdem am besten noch am selben Tag oder spätestens am 27. Oktober und noch einmal am 2. November im Testzentrum in Erlangen testen lassen. Ein Termin für drei Personen ist dort aber erst am Donnerstag, 29. Oktober, zu bekommen. Maria S. versteht nicht, warum das Testzentrum nur montags bis freitags von 8 bis 16.30 Uhr geöffnet ist. Ihr Chef hatte angeboten, die Tests kurzfristig durchzuführen, das hat aber das Gesundheitsamt abgelehnt.

Donnerstag, 29. Oktober

Maria S. und die Kinder werden getestet. Keiner hat Symptome, auch nicht Georg, der immer noch in häuslicher Isolation sitzt.

Freitag, 30. Oktober

Eine Ärztin vom Gesundheitsamt ruft an und entlässt Georg ab 0 Uhr aus der Quarantäne. Er darf sich ab Samstag wieder frei bewegen.

Samstag, 31. Oktober

Über eine App kann Maria die Laborergebnisse abrufen, die der Kinder sind gegen Mittag schon da: beide negativ. Alles gut, denkt sie sich, bis sie um 21.45 Uhr ihren Befund lesen kann: positiv, mittlere Viruskonzentration.

Viele Fragen verdrängen den ersten Schock: Wie lange muss ich jetzt wohl in Quarantäne? Zehn Tage gerechnet vom Test, so wie bei Georg? Oder wird die Quarantäne, in der ich schon war, angerechnet? Wird die Quarantäne der Kinder jetzt über den 7. November hinaus verlängert? Was soll ich machen, falls Georg wieder arbeitet und ich ab dem 9. November auch, die Kinder aber noch länger in Quarantäne bleiben müssen?

Und dann malt sich Maria S. aus, was wäre, wenn im Lauf nächster Woche eines der Kinder positiv getestet würde und eines negativ. Müsste dieses dann vom Zeitpunkt des letzten Kontaktes ab gerechnet erneut 14 Tage in Quarantäne?

Maria S. hofft, dass sich das Gesundheitsamt am Sonntag meldet, um ihre Fragen zu beantworten.

Sonntag, 1. November

Zur besten "Tatort"-Zeit meldet sich tatsächlich das Gesundheitsamt. Maria S. muss bis einschließlich 8. November in Quarantäne bleiben, die Kinder bis 14. November. Außerdem müssen sich die Geschwister am Donnerstag, 5. November, noch einmal in Erlangen testen lassen.

Donnerstag, 5. November

Die Kinder werden erneut getestet. Das Ergebnis gibt es frühestens in 48 Stunden.

Samstag, 7. November

Das Gesundheitsamt ruft an und will die Quarantäne der Tochter aufheben. Vom Sohn ist zunächst gar keine Rede. Nach längerer Beratschlagung entlässt eine Ärztin die ganze Familie ab sofort aus der Quarantäne - die Kinder also eine Woche früher als angekündigt. Georg und Maria verstehen nicht, warum, aber egal. Keine weiteren Fragen.

Nachtrag

Maria und Georg haben Verständnis dafür, dass derzeit alle Beteiligten wie Ärzte, Labore und Gesundheitsämter am Limit arbeiten oder bereits überlastet sind. Trotzdem haben sie sich teilweise ziemlich alleine gelassen gefühlt: "Du stehst da und keiner sagt dir was", schildert Maria S. ihre Gefühlslage. Beide ärgern sich über die "verlorenen Tage", die zum einen durch das lange Warten auf Georgs Testergebnis und zum anderen durch das Warten auf einen Termin im Testzentrum entstanden seien. Sie fragen sich, ob sie jetzt immun gegen das Virus sind oder ob sie ein ähnliches Szenario vielleicht in ein paar Monaten noch einmal erleben könnten.