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"Am Unfallort herrschte völliges Chaos": Vater stirbt bei Tragödie auf B505 - Notarzt erzählt von Einsatz

Im Oktober starb der Vater von fünf Kindern bei einem Unfall auf der B 505. Marc Nettelmann war an diesem Tag als leitender Notarzt vor Ort. Im Interview spricht er von seinen Eindrücken am Unfallort - und wie er mit solchen Erlebnissen umgeht.
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Bei dem Unfall auf der B 505 nahe Pommersfelden haben sich elf Personen verletzt. Die Feuerwehr musste das Ehepaar und seine fünf Kinder aus dem Autowrack schneiden. Sie wurden unverschuldet Opfer. Der Vater hinterlässt eine Familie, die sich nun durchkämpfen muss.   Archivfoto: News5
Bei dem Unfall auf der B 505 nahe Pommersfelden haben sich elf Personen verletzt. Die Feuerwehr musste das Ehepaar und seine fünf Kinder aus dem Autowrack schneiden. Sie wurden unverschuldet Opfer. Der Vater hinterlässt eine Familie, die sich nun durchkämpfen muss. Archivfoto: News5
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Der Samstag im Oktober hat die Familie Hasan aus Kronach aus der Bahn geworfen. Bei einem Unfall auf der B 505 hat der Vater der fünf Kinder sein Leben verloren. Seitdem muss seine Ehefrau Salama alleine klarkommen. Auch sie saß im Unfallauto. Als sie im Wrack aufwachte, riefen ihr Kinder laut "Mutter, Mutter". Zeit zur Trauer um Ihren Mann hatte sie nicht.

B505: Leitender Notarzt erzählt von Situation vor Ort

Marc Nettelmann ist Ärztlicher Leiter der Zentral- und Notaufnahme der Juraklinik in Scheßlitz sowie nebenberuflich beim Rettungsdienst in der Stadt und im Landkreis Bamberg. Bei dem tragischen Unfall auf der B 505, bei dem ein Familienvater sein Leben verloren hat, war der 45-Jährige als sogenannter Leitender Notarzt vor Ort. Er ist zudem Feuerwehrarzt der Stadt Bamberg und Bezirksfeuerwehrarzt von Oberfranken.

Im Interview spricht er von seinen Eindrücken am Unfallort und darüber, wie man in seinem Beruf mit solch schlimmen Erlebnissen umgeht.

Wie haben Sie die Situation am Unfallort wahrgenommen? Haben Sie gemerkt, dass hier eine Tragödie passiert ist?

Marc Nettelmann: Das hat man schnell gespürt. Es war ja eine relativ große Alarmierung der Leitstelle. Am selben Tag hatte zufällig vorher eine große Katastrophenschutzübung des Landkreises Bamberg in Hirschaid stattgefunden. Diese war um 15 Uhr beendet und wir waren gerade noch am Aufräumen, als über den Fahrzeugfunk die Alarmierung zu dem Verkehrsunfall hereinkam. Die Dimension konnte man schon am Funk erahnen. Ich habe mich dann als zusätzlicher Notarzt bei der Leitstelle angeboten. Diese hat mich dann mit hingeschickt. An der Einsatzstelle herrschte völliges Chaos. Es war ein Bild wie im Kriegszustand. Zusammen mit einem Notfallsanitäter habe ich dann vor Ort die Einsatzleitung übernommen.

Sie sind in Ihrem Beruf einiges gewöhnt. Was meinen Sie mit Chaos?

So häufig wie man denkt, sind so schwere Unfälle nicht. Vor allem nicht in dieser Dimension. Es war zunächst sehr unübersichtlich. Die Unfallstrecke hat sich über eine Länge von 150 bis 200 Metern hingezogen. Es gab drei beteiligte Fahrzeuge. Trümmerteile lagen überall verstreut, verletzte Personen waren an vielen Stellen des Unfallorts verteilt. Sie waren bereits so gut es ging von Ersthelfern versorgt worden. Am Anfang war es schwierig, einen Überblick über die gesamte Einsatzstelle zu bekommen.

Haben Sie den Familienvater, der später verstorben ist, selbst betreut?

Nein. Der Mann ist von einem der ersten Teams versorgt worden und mit einem Rettungshubschrauber in die Klinik geflogen worden. Die Nachricht, dass er verstorben ist, habe ich nachts aus den Medien im Internet erfahren. Als Leitender Notarzt war meine Aufgabe, Struktur in den Einsatzablauf reinzubringen, Patienten zu triagieren, wie wir sagen. Das Wort kommt von Triage, einem Begriff, der tatsächlich aus der Kriegsmedizin stammt. Es geht darum, die eintreffenden Rettungskräfte nach Dinglichkeit den verletzten Personen zuzuweisen.

Wenn Sie nach einem solchen Arbeitstag heimkommen, wie gehen Sie damit um?

Es ist wichtig Gespräche zu führen. Zum einen mit Kollegen, die dabei waren. Zum anderen teilweise mit der eigenen Familie. Was man dann auch macht, ist sich zurückzuziehen, mal spazieren gehen. Oder man setzt sich eine halbe Stunde auf die Terrasse. Handy weg, Radio aus. Einfach mal Ruhe einkehren lassen.

Hatten Sie danach noch Kontakt zu der Familie?

Nein. Das ist auch nicht üblich. Das wird im professionellen Rettungsdienst eher vermieden. Zum einen weiß man nicht, ob die Betroffenen das überhaupt wollen. Zum anderen geht es auch um den emotionalen Selbstschutz.

Sie hatten bestimmt eine psychologische Schulung, um so etwas zu verarbeiten. Was können Sie anderen, vielleicht auch ehrenamtlich tätigen Rettungskräften raten?

Dabei gibt es kein Standardvorgehen. Wir empfehlen immer, dass man mit Kollegen, die dabei waren, oder mit seiner Familie spricht und auf die Signale aus dem Körper hört. Man sollte sich auf jeden Fall nicht zurückziehen und abkapseln oder gar versuchen, das Problem mit Alkohol oder sogar Schlafmitteln zu verdrängen. Es gibt mittlerweile sogenannte PSNV-Teams. Dies steht für Psychosoziale-Notfall-Versorgung. Die Helfer kümmern sich psychologisch um Verletzte, aber seit längerem auch um die Einsatzkräfte. Sie bieten eine Einsatznachbetreuung an.

Haben Sie das selbst schon einmal in Anspruch genommen?

Ich selbst nicht. Ich bin auch bei der Feuerwehr aktiv. Als Feuerwehrarzt in Bamberg unterstütze ich das PSNV-Team der Stadt und wir bieten das für unsere Kameraden an. Wir sind gerade dabei, ein solches Netzwerk in Oberfranken aufzubauen. Wenn es ernst wird, raten wir aber jedem, psychologische Betreuung bei einem Arzt zu suchen.

Es gibt ja auch noch die Notfallseelsorge.

Ja, diese kümmert sich aber vorwiegend um Betroffene, also um Unfallopfer oder Angehörige. Sie kommen meist aus kirchlichen Bereichen und der Seelsorge. PSNV-Teams sind sowohl für Betroffene, aber auch für Einsatzkräfte da.

Wenn ich ehrenamtlich bei Feuerwehr, Rettungsdienst oder THW bin und Interesse habe, Teil dieses PSNV-Netzwerks zu werden, wo kann ich mich melden?

Wer sich dafür interessiert, kann sich am besten bei seiner Leitung vor Ort informieren. Es müssen keine Ärzte sein. Es sind in der Regel Mitglieder von Feuerwehren oder anderen Hilfsorganisationen, die sich gerne bereit erklären, ihre Kameraden zu unterstützen. Sie brauchen dann eine spezielle Ausbildung. Im Januar wird der "1. Internationalen Fachtag zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) in Oberfranken" in Selb stattfinden. International deshalb, weil auch Kollegen aus Tschechien und Österreich dabei sind.

Sie sagen beim Unfall auf der B 505 waren Ersthelfer vor Ort. Was raten Sie Autofahrern, die plötzlich in eine solche Situation kommen?

Man sollte eine vernünftige Erste-Hilfe-Ausbildung haben und diese am besten regelmäßig mit Kursen auffrischen. Das ist nicht nur für mögliche Verkehrsunfälle wichtig. 80 Prozent aller Notfälle passieren schließlich zu Hause. Wichtig ist, den Mut zu haben, hinzugehen und zu helfen. Den einzigen Fehler, den man machen kann ist, aus Angst, etwas falsch zu machen, nichts zu tun. Man kann nicht belangt werden, wenn man etwas falsch macht, nur wenn man nichts tut. Bei dem Unfall auf der B 505 wurde erfreulicherweise geholfen. Man muss den Ersthelfern daher ein großes Lob aussprechen.

Das Interview führte Christian Bauriedel.

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