Als Jonas Scheler am 10. Februar auf der griechischen Insel Chios in der nördlichen Ägäis eintrifft, sind so gut wie keine Flüchtlinge da. Dabei sind der 23-jährige Scheuerfelder und seine drei Mitstreiter von der Mobilen Flüchtlingshilfe Würzburg die 2000 Kilometer extra in den Süden gereist, um zu helfen. Nur wenige Tage später ändert sich die Lage. Nacht für Nacht - sofern es das Wetter zulässt - bringen die Schlauchboote immer mehr Flüchtlinge vom nur sieben Kilometer entfernten türkischen Festland auf die fünftgrößte Insel Griechenlands. Und plötzlich haben die Helfer alle Hände voll zu tun. So viel, dass aus den 17 Tagen, die Jonas auf der Insel bleiben wollte, 54 werden.


Anfangs zügige Weiterreise

"Am Anfang waren wir tatsächlich ziemlich unterfordert", erzählt Jonas Scheler im Gespräch mit dem Tageblatt.
Das lag zum einen am schlechten Wetter, denn bei rauer See wagte kaum jemand die riskante Überfahrt. Zum anderen seien die Flüchtlinge anfangs noch zügig von der Insel in die griechische Hauptstadt Athen weitergebracht worden. "Dementsprechend war Chios dann auch schnell leer geräumt", sagt Jonas. "Als wir dann aber mal zwei Wochen gutes Wetter hatten, kam man nicht mehr nach" - weder mit dem Registrieren, noch was die Kapazitäten der Flüchtlingslager auf Chios angeht.


Dass anfangs wenig los war, bedeutete für die Helfer jedoch nicht, untätig herumzusitzen. "Das ist ein bisschen wie bei einem Feuerwehrmann: Wenn's brennt, dann rennst du, wenn's nicht brennt, dann suchst du dir was", sagt Jonas und lacht. Lange mussten er und seine Mitstreiter im "Soli Café" (siehe Infokasten), das die Flüchtlingshelfer zu ihrem Hauptquartier ausgebaut hatten, auch nicht nach Arbeit suchen. "Wir haben erstmal den Keller aufgeräumt und dort eine Kleiderausgabe aufgebaut", berichtet Jonas. Die war dringend nötig, denn der Bedarf an Kleidung ist bei den Flüchtlingen, die auf ihrer gefährlichen Reise nur das Allernötigste mitnehmen können, naturgemäß hoch.


Große Taschen mit Spenden

Apropos das Allernötigste, mit ihrem persönlichen Gepäck hielten sich Jonas und seine drei Mitstreiter auf der Reise nach Chios bewusst zurück. Schließlich musste jeder noch eine große Reisetasche mit Sachspenden mitnehmen. "Das kriegt man gerade so mit in den Flieger rein", sagt der 23-Jährige.


Dass sie sich vor Ort an einem Hilfsprojekt beteiligen wollten, stand von vornherein fest. Die Frage war: an welchem? Einer der Mitreisenden hatte schon vorher einmal im Soli Café mitgearbeitet. "Alle anderen kleinen Organisationen waren schon voll, deshalb war für uns schnell klar, dass wir uns dort beteiligen werden."


Das Soli Café sei zu diesem Zeitpunkt noch ein recht junges Projekt gewesen, berichtet Jonas. "Alles war von unabhängigen Freiwilligen selbst organisiert - je zur Hälfte von Ausländern und Griechen." Als plötzlich immer mehr Flüchtlinge auf die Insel kamen, sei auch der Anteil der ausländischen Helfer gewachsen, sagt der 23-Jährige. Aber zwischen fünf und sieben Griechen hätten dauerhaft mitgearbeitet.


Ziel des Hilfsprojektes war es einerseits, die Flüchtlinge zu versorgen. Andererseits wollten die Helfer aber auch zeigen, dass man die Menschen schon auf ihrer Flucht einbinden könne, erklärt Jonas. "Das hatte in gewissem Maße auch eine politische Nachricht." Einige Flüchtlinge halfen zum Beispiel beim Gemüseschnippeln, andere sammelten den Müll ein, halfen beim Auf- und Abbauen der Tische, beim Abspülen oder beim Aufräumen. "Zeitweise hatten wir auch mal einen Syrer und einen Afghanen als Köche dabei. Die Menschen haben uns wirklich viel Arbeit abgenommen."


Professionelle Unterstützung

Zeitweise waren es um die 3000 Flüchtlinge, die Jonas und seine Mitstreiter - alles Studenten, wie er selbst - bekochen mussten. Zunächst fühlten sich die Helfer ziemlich überfordert, andererseits sei es "cool" gewesen, Tag für Tag die eigenen kleinen Fortschritte zu beobachten. Die Studenten besorgten Lebensmittel, Wasser, nebenbei stemmten sie die Kleiderkammer. Irgendwann ging es nicht mehr ohne professionelle Unterstützung: "Ein befreundeter Koch hat uns eine Woche lang gezeigt, wie man aus der gleichen Menge Gemüse mehr rauskriegt und wie alles schneller geht", sagt Jonas und lacht.


Bei der Logistik profitierten die Helfer von der Tatsache, dass es sich bei Chios um eine Urlaubsinsel mit Hotels und Restaurants handelt. Die griechischen Helfer im Soli Café stellten die Kontakte zu den Zulieferern her, der Rest lief relativ problemlos: "Da konnte man täglich anrufen und bekam das Gewünschte entweder geliefert oder man hat es abgeholt", berichtet Jonas.


Einen Teil der Lebensmittel bekamen die Helfer auch vor Ort geschenkt. Auf einer Mandarinenfarm etwa durften
sie gratis Früchte pflücken, Bäckereien überließen ihnen kostenlos das Brot vom Vortag. Die Mobile Flüchtlingshilfe hatte ihnen außerdem 2500 Euro Bargeld mitgegeben, für die sie ebenfalls Lebensmittel und Wasser kaufen konnten. Auf dem Speiseplan stand morgens immer Porridge ("Wir hatten eine sehr große Spende an Cerealien bekommen!"), mittags gab es Suppe und abends eine Art "Stampf" aus Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln oder auch Linsen und Reis. "Alles, was relativ günstig ist, was aber trotzdem Vitamine hat. Das ist gut angenommen worden", sagt Jonas.


An einen Abend im Soli Café erinnert sich der Scheuerfelder besonders gern: "Ein paar der Flüchtlinge haben Musik gemacht, sozusagen in unserem Wohnzimmer. Es waren 200 Leute im Haus und alle haben gefeiert. Keiner hat den anderen verstanden, aber irgendwie haben trotzdem alle gelacht."