Großes Aufgebot am Montagabend vor dem Utopolis Coburg. Rotes Kreuz, Feuerwehr, THW, ASB und Polizei sind mit Einsatzfahrzeugen vor Ort. Nein, es hat nicht gebrannt, es gab keinen Autounfall und der Rittersteich ist auch nicht übergelaufen. Dieses Mal ist der Katastrophenschutz Coburg unter glücklichen Umständen versammelt. Die Retter tragen ihre Ausgehuniformen, es gibt Sektempfang und einen roten Teppich. Fast wie bei einer Filmpremiere? Das ist eine Filmpremiere!
Zum ersten Mal wird der Imagefilm über den Katastrophenschutz Coburg gezeigt. Mitten in der wartenden Menge steht der 18-jährige Julian Barthel. Er ist Regisseur, Kameramann und Cutter in einer Person. Seine offizielle Berufsbezeichnung: "Bufdi" im Landratsamt Coburg. Er hätte nie damit gerechnet, dass er während seines einjährigen Bundesfreiwilligendienstes sein Hobby ausleben könnte. Die Idee zum Imagefilm hatte Kreisbrandrat Manfred Lorenz.
Als er im vergangenen Jahr erfuhr, dass ihm ein Bufdi zugeteilt würde, wusste er mit dem Begriff zunächst nichts anzufangen. Schnell war er jedoch informiert. "Ich habe großen Respekt davor, wenn ein so junger Mensch Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen will", erzählt er. Akten schleppen lassen wollte er Julian Barthel deshalb nicht. Nach einem Blick in den Lebenslauf war die Idee geboren: "Hobbys: Filmen und Schneiden. Da kann man was daraus machen, was für alle Beteiligten sinnvoll ist!"
Der Imagefilm soll die Zielgruppe - Jugendliche im Alter von zehn bis 15 Jahren - informieren, ohne zu langweilen, und Lust machen, sich in den Jugendgruppen der Rettungsdienste zu beteiligen. "Auf keinen Fall wollten wir einen Film drehen und ihn dann ins Regal stellen!", erklärt Manfred Lorenz. Die DVD soll in Schulen und Gemeinden genutzt werden.
Im September fing Julian Barthel mit den Vorbereitungen an. Das Drehbuch wurde geschrieben und dann wollte er anfangen zu filmen. Da tauchte aber das erste Problem auf, berichtet der Kreisbrandrat: "Es war für mich klar, dass die Premiere im Utopolis Coburg stattfinden soll. Für die große Leinwand reichte aber Julians Hobbykamera nicht aus." Eine neue Kamera musste her. Kostenpunkt: 2000 bis 2500 Euro. Glücklicherweise sprang die Sparkasse Coburg ein und unterstützte das Projekt. Auch die Kreisfeuerwehren beteiligten sich.
So konnte also mit den Dreharbeiten begonnen werden. Manchmal von früh um acht bis abends um sechs. Besonders lang war der Drehtag in Seßlach, wo die Rahmenhandlung gefilmt wurde: Zwei junge Menschen sitzen auf einer Bank und warten auf den Bus. Auf einmal fährt ein blaues Einsatzfahrzeug des THW vorbei. Der junge Mann nimmt sein Tablet und ein kleiner Film erklärt Aufgaben und Einsatzgebiete des Technischen Hilfsdiensts. Die Szene wiederholt sich mit Polizei, Feuerwehr und ASB. "Das war ein anstrengender Tag", erinnert sich Manfred Lorenz. "Irgendwann lässt die Konzentration dann nach, ich weiß nicht mehr, wie oft die Autos abgewürgt wurden."
Auch für die beiden Jugendlichen war es ein langer Drehtag. Kurz vor der Premiere sind die beiden Hauptdarsteller recht nervös. Besonders Michelle Philippen ist aufgeregt, ihr Freund Niklas Löhlein wirkt gelassener. Beide haben den Film noch nicht gesehen. Wie wird das auf der großen Kinoleinwand wirken?
Die beiden sind nicht die einzigen Schauspieler, die jetzt vor dem Kino warten. Jana Rauscher hat Verena und Benjamin Curth "zur seelischen Unterstützung" dabei. Die drei sind beim Roten Kreuz Neustadt. Zu den Dreharbeiten kam Jana, um "kurz ein paar Fotos zu machen". Aus den "paar Fotos" ist dann ein kleiner Filmausschnitt geworden, aus den angekündigten "nur fünf Minuten" zwei Stunden. "Es waren 30°C an diesem Tag, wir standen mit voller Einsatzkleidung in der prallen Sonne", grinst Frederik Jakob vom THW. Der Coburger spielt auch in der Szene mit. Er ist natürlich sehr gespannt auf den Film. "Aber ich habe volles Vertrauen in Julia", meint er.
Plötzlich ertönen Martinshörner, einige Wartende schrecken zusammen. Das ist das Signal. Die Menge strömt in den unteren Kinosaal. Film ab! Die Zuschauer sehen zunächst Bilder, mit Musik hinterlegt, aus dem Alltag der Rettungskräfte. Dann Auftritt von Niklas Löhlein und Michelle Philippen. Auf der Leinwand unterhalten sich die beiden entspannt, das erste Rettungsfahrzeug fährt vorbei. Im Kinosaal hält sich Michelle die Augen zu. Dabei wirken die beiden sehr professionell.
Der 30-minütige Imagefilm informiert über die Arbeit von Polizei, Bayerischem Roten Kreuz, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Arbeiter-Samariter-Bund und Psychosozialer Notfallversorgung. Moderiert werden die Infofilme von Sabrina Lang. Dann kommt die Szene, in der auch Jana Rauscher und Frederik Jakob mitspielen. Die Jugendlichen tragen ein Schlauchboot zum Wasser, paddeln eine Runde und klatschen sich danach ab. Der Auftritt dauert nur wenige Sekunden.
"In einer halben Minute im Film steckt oft ein halber Tag Arbeit", erklärt Jochen Dotterweich von NEC TV. Julian Barthel durfte Studio und Equipment des lokalen Fernsehsenders nutzen und konnte dort auch auf das technische Knowhow bauen. Der Bufdi war im Studio immer ein gern gesehener Gast. "Julian ist ein Teamplayer, ein Mensch, auf den man sich immer verlassen kann", beschreibt Jochen Dotterweich den 18- Jährigen. Auch Manfred Lorenz ist nach Filmende voll des Lobes für seinen Bufdi: "Er hat vollen Arbeitseinsatz bewiesen, hat auch in der Mittagspause oder bis spät abends gearbeitet, wenn etwas fertig werden musste." In stressigen Situationen sei er ruhig geblieben und, wenn nötig, habe er seine Ideen auch durchgesetzt. "Der Film ist selbstredend. Julian Barthel hat hier ein Werk geschaffen, das bleibt", kommentiert Landrat Michael Busch (SPD). Am Ende wird an die Kinopremiere gleich die Preisverleihung angehängt. Manfred Lorenz überreicht dem Regisseur, Kameramann und Cutter die goldene "Koga", wie er sie auf Fränkisch nennt. Auf Hochdeutsch: Die goldene Coka, Abkürzung für "Coburger Katastrophenschutz". Ob es Julians einzige Auszeichnung bleiben wird?