Bäume, saftige Wiesen und sogar ein kleiner Bachlauf: Die eingezäunte Weide im Bad Rodacher Stadtgebiet sieht idyllisch aus. Kaum zu glauben, dass sich hier vor etwa zehn Tagen dramatische Szenen abgespielt haben müssen. Ein Rinderbulle, so der derzeitige Ermittlungsstand der Kriminalpolizei, hat einen 39 Jahre alten Landwirt angegriffen und tödlich verletzt. Angehörige des Mannes, die seinen leblosen Körper gefunden hatten, riefen zwar den Notarzt - doch dieser konnte lediglich noch den Tod des Landwirts feststellen.

Obwohl sich der schreckliche Vorfall bereits vor zehn Tagen ereignete, wirkt Tobias Ehrlicher am Dienstag im Gespräch mit dem Coburger Tageblatt noch immer fassungslos. "Es ist eine Tragödie", sagt der Bürgermeister von Bad Rodach mit leiser Stimme. Ebenso gibt er zu, dass man über die verhängnisvolle Attacke des Rinderbullen eigentlich gar nicht groß reden wollte - obwohl sie sich in der Thermalbadstadt natürlich längst herumgesprochen hat.

Polizei schildert den Hergang

Ehrlicher begründet die Diskretion zum einen damit, dass die Familie des getöteten Landwirts nicht noch zusätzlich belastet werden sollte. Zum anderen wollte man die übrige Bevölkerung nicht unnötig beunruhigen. Denn der Rinderbulle steht noch immer auf einer Weide. Von ihm gehe aber keine Gefahr mehr aus, wie Ehrlicher beteuert. "Das Tier ist sicher untergebracht und wird zeitnah getötet." Warum dies erst "zeitnah" geschieht, hat mit der gesamten Chronologie zu tun.

Auf Anfrage des Coburger Tageblatts schilderte die Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberfranken am Dienstag folgenden Hergang: Der Landwirt hielt sich am Freitag, 18. Juni, ab 14 Uhr auf der Weide unweit seines landwirtschaftlichen Anwesens in Bad Rodach auf. Nachdem ihn Angehörige am Samstag, 19. Juni, bei der Polizei als vermisst gemeldet hatten, entdeckten sie kurz darauf den leblosen Körper des Mannes innerhalb der umzäunten Weide. Außer einigen Kühen sei auf der Weide auch ein "aggressiver Rinderbulle" gewesen. Der Bulle wurde von einem herbeigerufenen Tierarzt betäubt. Anschließend konnte sich ein Notarzt dem Landwirt nähern - doch jede Hilfe kam zu spät.

Die Kriminalpolizei geht davon aus, dass der Landwirt von dem Rinderbullen tödlich verletzt wurde.

Wie Tobias Ehrlicher berichtet, wurde in Absprache mit dem Landratsamt entschieden, den aggressiven Rinderbullen zu töten. Doch da gibt es ein Problem: Durch die am 19. Juni vorgenommene Betäubungsaktion enthält der Körper des Rinderbullen derzeit noch Spuren des Betäubungsmittels. Das bedeutet: Das Fleisch dürfte nicht verzehrt werden, wäre also unbrauchbar. Erst nach 14 Tagen sind die Betäubungsmittel im Körper vollständig abgebaut - und exakt so lange soll jetzt auch noch gewartet werden, ehe der Rinderbulle getötet wird.

Wohlgemerkt: Beim Verkauf des Fleischs von einem fast 20 Zentner (also nahezu 1000 Kilogramm!) schweren Bullen geht es um einen Geldbetrag im vierstelligen Bereich. Ehrlicher hält deshalb die beschlossene Vorgehensweise für gerechtfertigt. "Alles andere wäre Lebensmittelverschwendung hoch drei", sagt auch Hans Rebelein, der Geschäftsführer des Kreisverbands Coburg im Bayerischen Bauernverband.

Grundsätzlich macht Rebelein der schreckliche Vorfall in Bad Rodach noch aus einem weiteren Grund sehr betroffen: "Ich habe erst kürzlich an einer Veranstaltung der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft teilgenommen. Thema war, wie gefährlich es sein kann, Bullen zusammen mit Milchkühen auf eine Weide zu lassen."

Gefahr selbst für routinierte Landwirte

Auch wenn es für den Laien romantischer aussehen mag, wenn Bullen zusammen mit Milchkühen auf einer Weide grasen und nicht etwa alleine in einem Stall stehen: "In der Anbinde-Haltung gibt es einen näheren Kontakt zwischen Tier und Mensch - das Tier ist den Menschen sozusagen gewöhnt", erklärt Rebelein. Je länger sich ein Tier hingegen auf der Weide befinde, desto mehr werde wieder sein "Wildinstinkt" geweckt. Hinzukomme, dass ein Bulle innerhalb einer Herde mit Milchkühen eine "Chefrolle" einnehme. Das könne dazu führen, dass der Bulle diese Herde verteidigen will, sobald sich ihr ein Mensch nähert - und zwar selbst dann, wenn es sich bei diesem Menschen um ein vermeintlich bekanntes Gesicht wie den Landwirt handelt.

Laut einer Analyse der Sozialversicherung für Landwirtschaft passiert jeder achte Unfall bei einem der "grünen Berufe" im Umgang mit Rindern. "Und oft sind es dann schlimme Unfälle", ergänzt Rebelein mit Blick auf das enorme Gewicht der Tiere. "Schlimme Unfälle, die ganze Familien verändern können." Wie jetzt in Bad Rodach.