Vor zwei Tagen hat Marialy Pacheco noch in einer siebenstündigen Session Bachs Klavierkonzert in g-moll aufgenommen. Nun sitzt sie am Samstag auf der Bühne des Coburger Landestheaters am großen Steingraeber-Konzertflügel, der extra für sie aus Bayreuth herangeschafft worden ist. Ernst und konzentriert beginnt sie, die linke Hand spielt die Basslinie, die rechte die Melodie und irgendwann beide Hände zusammen die Improvisationen über einen kubanischen Klassiker: "El Manisero", das Lied vom Erdnussverkäufer.

Marialy Pacheco, 38, gebürtige Kubanerin, ausgebildete klassische Pianistin und Komponistin, liebt den Jazz und die Klassik, die kubanische Musik und Kuba, Johann Sebastian Bach und Keith Jarrett, und sie liebt die Coburger: Die seien "so warm". Für ein Solokonzert ist sie das zweite Mal in die Vestestadt gekommen, nachdem sie im Vorjahr mit einem kleinen Ensemble des Philharmonischen Orchesters musizierte und begeistert war. Vom Ambiente des Theaters, von der Stadt und von den Musikern, auf die sie hier traf, allen voran Kapellmeister Roland Fister, der an diesem Abend im Publikum sitzt. "Ein Dirigent, der meine Musik versteht", sagt sie, und dem sie vor dem gesamten Publikum das Versprechen gibt, wiederzukommen. "Dann machen wir das Bach-Konzert."

Aber erst mal ist Solokonzert, und Marialy Pacheco verlässt sich auf ihr bewährtes Repertoire: "El Manisero" zum Auftakt, "Burandango" irgendwann zwischendrin, eigene Kompositionen wie "September" (das noch in Havanna entstand) und "Low Tide". Das Idol Keith Jarrett darf nicht fehlen: Ellingtons "Things ain't what they used to be" lehnt sich stark an Jarretts Interpretation an, seine Komposition "New Song" wagt sie als Klaviersolo (von Jarrett gibt es nur eine Trio-Aufnahme). Und immer wieder Kuba und hier der Komponist Ernesto Lecuona mit den "Gitanerias" und "La Comparsa". "Kubanische Musik ist so viel mehr als Buena Vista Social Club", sagt sie. Lecuonas Musik gehörte freilich auch zum Repertoire der teilweise schon toten Buena-Vista-Social-Club-Stars.

Mehrmals entschuldigt sie sich dafür, dass sie noch müde sei von den Proben und den Aufnahmen (wie Bach bei Marialy Pacheco klingt, kann man auf ihrem Instagram-Kanal nachhören), doch sobald sie die Hände auf den Tasten hat, ist von Müdigkeit oder gar Erschöpfung nichts mehr zu spüren. Marialy Pacheco und ein Flügel, das ist eins. Seit ihrem siebten Lebensjahr spielt sie Klavier. "Das ist mein Leben", sagt sie. Und selbst, als sie sich, in Deutschland angekommen, als Alleinunterhalterin bei Hochzeiten durchschlagen und "Guantanamera und so Zeug" spielen musste, war es für sie undenkbar, etwas anderes zu machen. "Ich habe mein Land und meine Familie verlassen für dieses Instrument."

Aber eine Frau, die 2012 als bislang einzige den Klavierwettbewerb des Montreux-Jazzfestivals gewann, findet bald andere Auftrittsmöglichkeiten. Inzwischen ist sie weltweit unterwegs, von den USA über Australien bis nach Asien. In Deutschland spielte sie mit dem WDR-Rundfunkorchester eine Platte ein, nahm eine Platte mit Duetten mit verschiedenen Musikern auf, quer durch alle Genres, sie komponiert, arrangiert und ist Botschafterin des Flügelherstellers Bösendorfer. Und sie ist auf der Bühne auf umwerfende Weise stets sie selbst, charismatisch, einnehmend, Wärme ausstrahlend. Ihr folklorebunter Rock, den sie in Coburg beim Konzert trägt, vorne kurz, hinten lang, ist nicht ideal für einen Klavierschemel. "Das hab ich nicht zu Ende gedacht", sagt sie mit einem Giggeln und breitet den Rock schließlich über den Schemel wie ein klassischer Pianist seinen Frack. Wer im Publikum in diesem Moment nicht das Herz an sie verlor, hat wahrscheinlich keins, wen sie mit ihrer Musik nicht erobern kann, ist vermutlich taub.

Nach eineinhalb Stunden macht sie dann doch Schluss - mit einer innigen Variation über Brahms' "Wiegenlied" als erster Zugabe. "Roland, das müssen wir machen beim nächsten Konzert", sagt sie hinauf zu Roland Fister, bevor sie ein letztes Mal ihren Rock über den Klavierschemel breitet für die allerletzte Zugabe und ins Publikum strahlt.