Zwölfmal ist Johannes der Täufer in der ihm geweihten Kirche in der Seßlacher Altstadt zu finden: als Skulptur neben dem Altar, an der Kanzel, im Fensterglas und an der Decke. "Dort wird seine Lebensgeschichte in mehreren Bildern nacherzählt", sagt Heidrun Rößner über den Schutzpatron der Stadt. Die Skulptur neben dem Altar wird bei Prozessionen von den Johannirittern durch die Stadt getragen. "Die größte Prozession ist Fronleichnam, jetzt am 24. Juni wäre die Prozession zum Johannitag gewesen", sagt die Seßlacherin, die seit 20 Jahren als Stadtführerin tätig ist. Früher hätten die Einwohner ihre Häuser für die Prozessionen geschmückt. Heute werde die Tradition nicht mehr so gepflegt.

Stadtmauer nicht begehbar

Nicht nur die Prozessionen, sondern auch die Stadtführungen in Seßlach mussten in den letzten eineinhalb Jahren ausfallen. "Jetzt kann es endlich wieder losgehen. Wir sind insgesamt acht Stadtführer und stehen auf Abruf zur Verfügung, wenn sich Interessierte bei der Stadt melden", sagt die 57-Jährige. Besonders gerne zeigt Rößner den Touristen das Brauhaus und die vollständig erhaltene Stadtmauer. "Oft fragen die Teilnehmer nach, ob sie auf der Mauer laufen dürfen, dafür haben wir aber keine entsprechende Vorrichtung."

Bei jeder Stadtführung lässt Rößner die Teilnehmer außerdem schätzen, wie viele landwirtschaftliche Betriebe es innerhalb der Stadtmauern noch gibt. "Weil die Landwirtschaftsmaschinen nicht durch die Stadttore passen, gibt es keinen einzigen mehr", sagt sie.

Wegen der zunehmenden Anzahl parkender Autos in der Innenstadt werden die Stadttore seit 30 Jahren an den Wochenenden geschlossen. "Unter der Woche dürfen ab 19 Uhr nur noch Anwohner innerhalb der Stadtmauern parken." Von Johannes dem Täufer erzählt Rößner, wenn sie den Teilnehmern die Kirche zeigt. Dafür, dass er auf der Truhe im Stadtwappen sitzt, während er auf sämtlichen Bildern und als Skulptur stehend abgebildet ist, hat sie keine Erklärung.

Vom ersten Siegel ins Stadtwappen

Die genauen Hintergründe dafür, dass Johannes auf einer Truhe sitzend abgebildet wird, kennt auch Bezirksheimatpfleger Günter Dippold nicht. "Das Ungewöhnliche ist die Truhe. Dass er sitzt, ist meiner Meinung nach nicht von großer Bedeutung. Das tut er in der ein oder anderen Darstellung gelegentlich." Aus den Chroniken der Stadt Seßlach geht hervor, dass Johannes der Täufer bereits bei der Stadterhebung 1359 auf einer Truhe sitzend im Siegel von Seßlach abgebildet wurde. "Interessant ist, dass es dann ab 1400 ein anderes Siegel gibt, dass ihn stehend auf einem Sockel zeigt. Gewissermaßen kommt das Sitzen dann unter Rückgriff auf die erste Darstellungsform im 19. oder 20. Jahrhundert zurück ins Stadtwappen."

Generell gibt es drei verbreitete Varianten Johannes den Täufer darzustellen, sagt Dippold. "Meist ist er als Büßer in der Wüste, oft auch gemeinsam mit einem Lamm, abgebildet. Oder dabei, wie er seinen Vetter Jesus stehend im Jordan tauft." Die dritte Darstellungsart zeigt den Heiligen bei seiner Hinrichtung durch König Herodes. Hier werde die Szene abgebildet, wie Johannes der Täufer geköpft wird.

Dafür, dass das Lamm im Seßlacher Stadtwappen auf einer Scheibe und nicht als Tier an sich abgebildet ist, hat der Bezirksheimatpfleger eine Erklärung: "Das Lamm wird sinnbildlich und nicht gegenständlich dargestellt. Sinnbildlich nimmt das Lamm die Sünden der Welt auf sich. Es steht gewissermaßen für den Tod Jesus am Kreuz und die Vergebung", erklärt Günter Dippold die Bedeutung des Lamms im Stadtwappen Seßlachs. Johannes der Täufer apostrophiere Jesus als Lamm Gottes. Grundsätzlich ist es dem Bezirksheimatpfleger zufolge eher ungewöhnlich, dass Heilige in Form von Menschen als Wappen dargestellt werden.

Das Wappen der Stadt Seßlach

Beschreibung In Rot der silbern gekleidete Heilige Johannes der Täufer, der auf einer silbernen Truhenbank sitzt und mit beiden Händen eine goldene Scheibe mit dem silbernen Gotteslamm emporhält.

Ortsteile Zur Stadt Seßlach gehören die Ortsteile Aumühle, Autenhausen, Bischwind, Dietersdorf, Eckersdorf, Gehegsmühle, Gemünda, Gleismuthhausen, Hattersdorf, Heiligersdorf, Heinersdorf, Krumbach, Lerchenroth, Merlach, Muggenbach, Oberelldorf, Rothenberg, Schloss Geiersberg, Setzelsdorf, Trammershof, Unterelldorf und Wiesen.

Hintergründe Seit 1359 ist ein Siegel durch Abdrucke bekannt, dessen Stempel dem Stil nach anlässlich der Erhebung Seßlachs zur Stadt durch Kaiser Ludwig angefertigt wurde. Der Ortspatron Johannes wird sitzend mit dem Gotteslamm auf einer Scheibe dargestellt. Auf zwei weiteren Siegeln aus den Jahren 1394 und 1400 wird Johannes einmal sitzend mit Vollbart und härenem Gewand und einmal auf einem kleinen gotischen Sockel stehend gezeigt. Diese Form erhielt sich in allen späteren Stadtsiegeln. Das heutige Wappen lehnt sich an das erste Stadtsiegel an. Die Farben Silber und Rot erinnern an die Ortsherrschaft des Hochstifts Würzburg bis 1803.

Grundlage Die Tageblatt-Serie der "kleinen Wappenkunde" des Coburger Landes basiert auf einem Buch, das vor über 30 Jahren auf Initiative des Bezirks Oberfranken entstanden ist. Titel: "Die Wappen der oberfränkischen Städte, Märkte und Gemeinden". Herausgeber waren die "Freunde der Plassenburg Kulmbach". Die Autoren Klemens Stadler und Albrecht Graf von und zu Egloffstein. Dieses Buch basiert auf einem 1963 erschienenen Werk zur oberfränkischen Kommunalheraldik.