Die Meldungen kamen immer am Wochenende. Samstag- und Sonntagnachmittag riefen Spaziergänger oder die Polizei bei Michael Diem an. Der Jagdpächter im Revier Witzmannsberg/Wohlbach wurde zu Rehen gerufen, die in seinem Revier schwer verletzt vorgefunden wurden.

"Da stehst du dann vor dem Reh, das übersät ist mit Bisswunden und so schwer verletzt ist, dass es nur noch erlöst werden kann", sagt Michael Diem. Innerhalb von zwei Wochen erlebte er diese Situation vier Mal. "Es waren immer Geißen, die jeweils zwei Kitze trugen", stellt er fest. Sein Revier verlor also nicht vier sondern zwölf Rehe durch wildernde Hunde. Denn dass es Hunde waren, die die Tiere zu Tode gehetzt und übel zugerichtet haben, das steht anhand der Spuren rund um die Rehe fest. Wolf oder Luchs scheiden als Täter aus.

Besitzer muss es gemerkt haben

Dass dem Halter der Hunde - denn es ist zu vermuten, dass es zwei Tiere waren - entgangen sein könnte, was seine Tiere getan haben, hält Michel Diem für sehr unwahrscheinlich. "Gerade die Winterhaare vom Rehwild sind sehr anhänglich", erklärt er. Die dürften die Hunde mit nach Hause gebracht haben. Ganz abgesehen davon ist es eine Ordnungswidrigkeit, Hunde in einem Jagdrevier ohne Aufsicht frei laufen zu lassen. Und das Jagdgesetz erlaubt auch den Abschuss wildernder Hunde unter bestimmten Voraussetzungen. "Wir wollen wirklich keinen Hund erschießen, wir wissen ja, dass der Hund selbst nichts für sein Verhalten kann. Das Problem liegt da am anderen Ende der Leine", sagt Michael Diem. Er gibt aber auch zu bedenken, dass er als Jagdpächter auch eine Verantwortung gegenüber seinem Wild hat. Nach dem vierten Fall eines getöteten Rehs hat er sich nun hilfesuchend an das Ordnungsamt der Gemeinde Ahorn gewandt.

Ahorns Bürgermeister Martin Finzel (parteilos) reagierte schnell. Er postete Fotos der getöteten Tiere in den sozialen Medien, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Und er kündigte eine erste Maßnahme an, die helfen soll, dem Problem beizukommen. "Die Gemeinde Ahorn wird eine Allgemeinverfügung für einen temporären Leinenzwang für das betroffene Gebiet zwischen Witzmannsberg und Wohlbach bis Ende April 2021 erlassen", kündigt er an. So sollen weitere Schädigungen vermieden werden und der Bestand an diversen Wildtieren in diesem Bereich wieder zur Ruhe gelangen, heißt es in einer Mitteilung.

Finzel wendet sich aber auch an die Bevölkerung: "Persönlich bitte ich als Bürgermeister, der mit dem eigenen Hund selbst viel in der Flur unterwegs ist, diese Regelungen einzuhalten. Es ist ärgerlich, dass sich die überwiegende Anzahl der Hundehalter vorbildlich verhält und einige wenige durch ihr Verhalten zu diesen Schäden und den nun getroffenen Regelungen beitragen. Grundsätzlich stellen wir auch an anderen Stellen im Gemeindegebiet fest, dass Rehe von Hunden gejagt werden und so - zum Beispiel im Bereich der Finkenau - auch Unfälle entstanden sind.

Schon Unruhe ist gefährlich

Michael Diem gibt zu bedenken, dass die Rehe gar nicht direkt so gehetzt werden müssen wie in diesen vier Fällen, um in Lebensgefahr zu geraten. "Im Winter ist der Stoffwechsel der Tiere stark reduziert. Der Organismus ist darauf ausgelegt, durch möglichst viel Ruhe wenig zu verbrauchen, gleichzeitig entwickeln sich bei den Geißen die Kitze. Wenn sie dann ständig in Bewegung geraten oder flüchten müssen, belastet sie das enorm", erklärt er. Dass wegen des Borkenkäfers in seinem Revier viele Einstände nach Rodungen weggefallen sind, verschärfe das Problem noch, weil immer weniger Raum bleibt, wo sich die Tiere verstecken können. Die Gemeinde Ahorn und Michael Diem als betroffener Jagdpächter bitten um sachdienliche Hinweise zur Aufklärung der Schäden der vergangenen beiden Wochen.

Appell der Ministerin

Dass die Probleme im Revier von Michael Diem kein Einzelfall sind, belegt auch ein Appell von Bayerns Forstministerin Michaela Kaniber. Sie bittet um Rücksicht gegenüber den Wildtieren und wendet sich damit an alle Erholungssuchenden - gerade jetzt im Winter. Wegen der eingeschränkten Freizeitmöglichkeiten in der Corona-Pandemie zieht es viele Menschen in die Berge und Wälder. "Wildtiere sind für mich ein Teil unserer bayerischen Heimat, sie sind Mitgeschöpfe, mit denen wir respektvoll umgehen müssen. Sie dürfen nicht auf der Strecke bleiben", stellte Kaniber fest.

Aktuell sind mehr Wanderer und Skitourengänger unterwegs als in Vor-Corona-Zeiten. Dabei treffen sie oft auf Wildtiere. Ministerin Michaela Kaniber appelliert an die Erholungssuchenden, auf den Wegen und Pisten zu bleiben, unnötigen Lärm und Lichtquellen, wie etwa Stirnlampen, möglichst zu vermeiden. "Ohnehin wäre es aktuell zur Eindämmung des Corona-Virus besser, im Lockdown zuhause zu bleiben. Aber ich habe Verständnis dafür, dass man auch mal raus muss an die gute Luft. Aber bitte mit der nötigen Umsicht, auch gegenüber den Tieren." Das gilt aber nicht nur im Winter und zu Corona-Zeiten. Rücksichtnahme der Erholungssuchenden auf Wild- und Weidetiere ist für die Staatsministerin ein ganzjähriges Thema. Deshalb wird bald eine Informations- und Aufklärungskampagne unter dem Motto "Dein Freiraum. Mein Lebensraum." starten, umWanderer, Skifahrer, Mountainbiker und Erholungssuchende für die Belange von Natur und Tieren, aber auch für die Belange der Landwirte, Waldbesitzer und Jäger sensibilisieren.