Bei jedem Schritt knirscht der Streusplitt unter den Sohlen. An Silvester 2020, wenige Minuten vor Mitternacht, ist dies gerade das einzig deutlich hörbare Geräusch beim Weg über den Coburger Marktplatz. Vor dem Rathaus bewegen sich die Fahnen träge in der feuchten Luft.

Das leise Quietschen der Halteringe an den Masten bestimmt die akustische Kulisse. Der sonst so betriebsame, laute und gesellige Jahreswechsel nähert sich auf Zehenspitzen. Eine beklemmende Stimmung. Kein Mensch ist zu sehen. Aus manchen Fenstern dringen Stimmen in die Nacht.

Ausgangssperre von 21 bis 5 Uhr

Silvester 2020 ist der Jahreswechsel der Stille. Die Corona bedingte Ausgangssperre in der Zeit von 21 bis 5 Uhr, der Lockdown von Geschäften und Gastronomie, der untersagte Verkauf von Feuerwerk und die Kontaktbeschränkungen zeigen in Coburg Wirkung.

Die Partymeile der Stadt, der Steinweg, präsentiert sich ausgestorben. Die Kneipen und Clubs sind leer und still, kein Partyvolk drängt sich dort. Ab und zu hallen explodierende Böller durch die Nacht, die bunten Sterne und Leuchtspuren der Feuerwerksraketen beschränken sich in der Innenstadt vielleicht auf zwei Dutzend.

Auf dem Weg über den Arkaden hat kurz vor Mitternacht ein Polizeiwagen angehalten. Die Beamten blicken auf den menschenleeren Schlossplatz und die Arkaden.

In der Spitalgasse kommt es zur einzigen Begegnung mit dem Tageblatt: "Ein gesundes neues Jahr" wünschen die Beamten, fragen nach dem Warum und Wohin und fahren gleich weiter zu einem Einsatz.

An diesem Neujahrstag müssen die Mitarbeiter des Grünflächenamtes Scherben und die Reste von Feuerwerk nicht mühsam aus der Wiese beim Reiterdenkmal im Hofgarten klauben. "Zehn bis 20 Müllsäcke, prall gefüllt mit Abfall, sind nach Silvester immer zusammen gekommen", weiß Martin Dorn vom Grünflächenamt aus der Erfahrung der vergangenen Jahre. "So wenig wie in diesem Jahr war noch nie", bestätigt auch Norbert Scholz vom Coburger Entsorgungs- und Baubetrieb (CEB).

Die beiden Mitarbeiter hatten am Neujahrsmorgen hauptsächlich die Abfallbehälter in der Stadt zu leeren. Nach einem "normalen" Silvester war die Stadtreinigung mit Mann und Maus ab 6 Uhr unterwegs.

Ein Vorauskommando sammelte Flaschen und Stiele der Raketen, weil sich die Holzstäbe im Ansaugschacht der Kehrmaschinen verhaken". Mit Besen und elektrisch betriebenen Laubbläsern war sonst der Müll auf die Straße befördert und den Kehrmaschinen zum Fraß vorgeworfen worden. Die Innenstadt wurde vom rund acht Kubikmeter Abfall befreit.

Beim Jahreswechsel 2020/2021 steht neben einem Abfallbehälter am Marktplatz ein einsamer leerer blauer Karton: zehn Mal ein Liter Milch, 3,5 Prozent Fett. Das war es schon.

Beleuchtung ausgeschaltet

24 Uhr: Die Fassadenbeleuchtung am Markt ist längst ausgeschaltet, die Uhr am Rathaus ist im Dunkel nur zu erahnen und die Lichter des Weihnachtsbaumes schalten ab - Lockdown auch optisch. Zwei Taxen haben ihren Standplatz aufgegeben. Wen sollen sie auch befördern? Bevor die Kirchenglocken das neue Jahr einläuten, spielt in einer Wohnung eine Trompete "Lobet den Herrn", unterstützt von einigen Kinderstimmen. "Gesundes neues Jahr" wird aus einigen Fenstern gerufen, Menschen schauen auf die leeren Straßen und Plätze. Das Krachen der Böller nimmt etwas zu.

Notaufnahme sagt danke

Die Notaufnahme des Klinikums Coburg berichtet von einer ruhigen Nacht: "Es war deutlich weniger los als sonst üblich in den Silvesternächten der letzten Jahre!" Das Team der Notaufnahme dankt der Bevölkerung, die Silvesternacht sei mit allen anderen Nächten vergleichbar gewesen. "Außer zwei Einzelfällen in Verbindung mit Alkohol gab es keinerlei für den Jahreswechsel typische Einlieferungen und keine Brandverletzungen."

So auch das Fazit der Coburger Feuerwehr: "Es war sehr ruhig, es war nichts los", sagt Kommandant Christian Duda, seit 25 Jahren ist er bei der Feuerwehr, "so ein Silvester habe ich dort noch nie erlebt".