Liebe Handballfreunde, das Momentum war in der zweiten Halbzeit gegen Spanien absolut auf unserer Seite. Das deutsche Team hat viel besser als im ersten Durchgang gedeckt, das Spiel der Spanier aktiv unterbrochen und diese zu schnellen Abschlüssen sowie ungewohnten Fehlern provoziert. Wir haben das Tempo bestimmt, hatten den Fuß auf dem Gaspedal und zwischenzeitlich mit drei Toren geführt.

Dann kam die Auszeit der Spanier und in der Folge zwei überhastete Aktionen von Juri Knorr. Da hat man gesehen, wie nah das Gute und Böse beim 20-Jährigen zusammenliegen. Denn zuvor hatte er uns in Unterzahl mit herausragenden Anspielen und einem eigenen Treffer erst wieder ins Spiel gebracht. Die zwei missglückten Anspiele waren dann aber eine Einladung, die sich eine Mannschaft, die über so viel Weltklasse und Routine verfügt, nicht entgehen lässt. Wenn man den Spaniern den kleinen Finger reicht, nehmen sie die ganze Hand. Aber man darf nicht alles an den zwei Fehlern von Knorr festmachen. Denn auch danach sind ja aus unserer Sicht einige Dinge nicht optimal gelaufen. Wir haben Gegenstöße und einen Siebenmeter verworfen - das Handgelenk hat im wahrsten Sinne des Wortes gewackelt.

Diese fehlende mentale Stärke war ein großer Unterschied. Die Spanier haben zu jeder Phase des Spiels an ihre Qualitäten geglaubt. Und man hat eben auch den Unterschied, was die individuelle Klasse der Spieler angeht, gesehen. Ein gutes Stück voraus war uns Spanien auch auf der Torhüterposition. Jogi Bitter hat das über weite Strecken des Spiels gut gemacht, die beiden spanischen Torhüter aber noch besser. Alleine die Entscheidung des spanischen Nationaltrainers Jordi Ribera, nach der guten Torwartleistung von Rodrigo Corrales in der ersten Halbzeit auf Gonzalo Perez de Vargas zu wechseln, zeugt vom unglaublichen Selbstbewusstsein und dem Glauben an die eigene Stärke des Kaders. Ohne die Leistung der Spanier schmälern zu wollen, muss man auch festhalten, dass sich die Unparteiischen nicht stark präsentiert haben. Sie waren an dem Abend alles, aber sicher nicht auf unserer Seite. Da hätte man sich in vielen Situationen ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl gewünscht. Bestes Beispiel: die dritte Zeitstrafe und damit Rote Karte gegen Sebastian Firnhaber vom HC Erlangen. Die darf man ihm nie im Leben geben.

Dass die deutsche Mannschaft nach dieser Niederlage aller Voraussicht nach nicht das Viertelfinale erreichen wird, ist schade. Denn es macht durchaus Freude, den Jungs zuzuschauen und zu beobachten, wie sie sich teilweise in ein Gefühl der Euphorie gespielt haben. Die beiden verbleibenden Spiele gegen Brasilien am Samstag (20.30 Uhr) und Polen am Montag (20.30 Uhr) sind für die Entwicklung und perspektivisch gesehen für die Olympischen Spiele trotzdem ganz wichtig. Auf die Partie gegen Brasilien freue ich mich persönlich sehr, da das eine Handball-Nation ist, die lange nicht im Mittelpunkt stand, mittlerweile aber wirklich dabei ist, den Abstand zu den Topteams deutlich zu verkürzen.

Die Polen sind auf eine andere Art spannend. Nach ihrer Goldenen Handballer-Generation um Karol Bielecki, Gregorz Tkaczyk und die Jurecki-Brüder hatten sie eine kleine Durststrecke, sind jetzt aber nach einem personellen Umbruch wieder im Kommen. Wenn das polnische Team das am Samstag beweisen kann und die Ungarn besiegen würde (18 Uhr), ist auch für Deutschland in puncto Viertelfinaleinzug noch nicht alles verloren. Da die Ungarn sich nicht über die Breite in ihrem Kader definieren, sondern von einzelnen Akteuren wie ihrem Spielmacher Mate Lekai abhängen, könnte ich mir schon vorstellen, dass so eine Mannschaft mal ins Wackeln gerät.

Jan Gorr ist seit 2013 beim HSC 2000 Coburg - sieben Jahre als Trainer, seit 2020 als Geschäftsführer. Während der WM in Ägypten schreibt der ehemalige Co-Trainer der DHB-Auswahl exklusiv für diese Zeitung.