Dieter Scherbel hat es am Mittwoch bei seiner morgendlichen Lektüre des Tageblatts schier vom Stuhl gehauen, als er vom rätselhaften Verschwinden des Grenzsteins zwischen Rossach und Schottenstein las. Denn Scherbel wusste genau, wo sich der Stein befindet. Er hat den Abtransport schließlich selbst veranlasst. "Es waren also keine gemeinen Bösewichte, sondern gemeindliche Bösewichte, die für das Verschwinden des Steins verantwortlich waren", sagt Scherbel lachend, als er fürs Tageblatt die Sache aufklärt. Gar nicht mehr so lustig findet er es hingegen, dass in vielen Medien berichtet wird, dass der Bauhof der Gemeinde Itzgrund den Stein irrtümlich mitgenommen hat. Das stimmt nämlich nicht.

Grundsätzlich gehört der Stein, der unmittelbar auf der Gemarkungsgrenze steht, nämlich zur Gemeinde Itzgrund. Dieter Scherbel zieht als Beweis die offizielle Liste des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege hervor. Dort steht unter der Bezeichnung "D-4-73-138-66" die Eintragung für den "Rollach": Grenzstein, Sandstein, bezeichnet 1770; an der Straße nach Rossach, an der Gemarkungsgrenze.

Deshalb haben sie sich im Kaltenbrunner Rathaus auch für den Stein verantwortlich gefühlt. Dieter Scherbel ist schon vor einiger Zeit von seinem zuständigen Kollegen Günter Krönert darauf hingewiesen worden, dass das Baudenkmal nicht mehr an seinem angestammten Platz steht, sondern am Fahrbahnrand liegt. Am Mittwoch vergangener Woche sei dann die Entscheidung gefallen, den Stein mit einem Bauhoffahrzeug abzuholen und zur Reparatur in einen Fachbetrieb zu bringen. Der wiederum - was für eine schöne Ironie - befindet sich in Rossach: auf dem Gelände von Matthias Setzer, der dort die Firma "Stein Setzer" hat. Er wird den Stein reparieren. Keine dramatische Sache dürfte dies werden, schätzt der Fachmann: "Unten begradigen und den Sockel wieder herstellen - das ist in gut einem Tag geschafft."

Der Stein war also aus Großheirather Sicht praktisch nie verschwunden, sondern ist vermutlich erstmals in seiner 251 Jahre langen Geschichte komplett auf Großheirather Gemeindegebiet gekommen. Das weiß inzwischen natürlich auch der dortige Bürgermeister, Udo Siegel (CSU). Auch er muss herzhaft darüber lachen, wie sich die Sache mit dem Stein zugetragen hat. Denn arg groß dürfte im Rückblick die Zeitspanne zwischen Udo Siegels Entdeckung des Schadens und dem Abtransport durch den Itzgründer Bauhof nicht gewesen sein. Dass sich beide Rathäuser um das Wohl des Steines bemüht haben, findet Udo Siegel ausdrücklich gut: "Immer noch besser, als wenn sich niemand darum gekümmert hätte." Und auf den ersten Blick klar sei die Zuständigkeit ja auch nicht, schließlich stehe die Markierung eben genau dort, wo sie Kraft ihrer Aufgabe auch hingehöre: genau auf der Gemarkungsgrenze. "Halt so, wie es bei einem Grenzstein sein sollte", sagt Siegel hörbar amüsiert.

Wenn jetzt nur Kirchweih wäre...

Sowohl Udo Siegel als auch Dieter Scherbel ist es wichtig, dass die Zuständigkeitsfrage für den "Rollach" keinen interkommunalen Konflikt auslösen wird. Nicht, dass da jetzt jemand denke, der Itzgrund wolle sich an der Gemeinde Großheirath rächen, "weil sie höhere Gewerbesteuereinnahmen hat als wir", sagt wieder lachend Dieter Scherbel. Er habe eben in seiner Zuständigkeit entschieden, den Stein reparieren zu lassen. Wobei Udo Siegel durchaus ehrlich eingesteht, dass die Anzeige bei der Polizei und der folgende Rummel bei der Suche nach dem Denkmal für Außenstehende "absolut das Zeug zur Provinzposse" hat. Umso bedauerlicher sei es da, dass coronabedingt vermutlich auch heuer keine Kirchweih-Feierlichkeiten stattfinden werden, sagt der Großheirather Bürgermeister: "Denn da hätten wir es auf jeden Fall in alle Kirchweihpredigten in unseren zwei Gemeinden geschafft."

Ein Fragezeichen wird sich hingegen nicht mehr auflösen lassen: das hinter der Frage, warum der "Rollach" umgefallen ist. Der Itzgründer Gemeindebauhof hat sich das gute Stück angeschaut und dabei - so berichtet Dieter Scherbel - den Eindruck gewonnen, dass es sich nicht um einen Unfallschaden handeln dürfte. "Aber irgendwas muss schon gewesen sein", sagt wiederum Matthias Setzer. Denn so schlecht sei der Stein von seinem Alter her und in seiner Struktur nicht beieinander, dass er einfach hätte umfallen müssen. Irgendwer oder irgendwas müsse da schon beteiligt gewesen sein, vermutet der Steinmetz.

Vorsicht vor den Dieben

Die Dienstag im Raum stehende Theorie, dass ein Sammler den Stein gestohlen haben könnte, war übrigens so abwegig nicht. Matthias Setzer kennt sich da aus: "Es gibt absolut einen Markt für solche historischen Grenzsteine - und dieser Markt ist ganz und gar nicht legal." Damit auch künftig niemand das eingetragene Baudenkmal einfach mitnehmen kann, wird es der Steinmetz mit einem stabilen Edelstahldübel im Sockel befestigen. "Und zwar so fest, dass er die nächsten 500 Jahre sicher steht."