Bad Rodachs Bürgermeister, Tobias Ehrlicher (SPD), hat es extra ausprobiert: 20 Sekunden dauert es, bis man Name, Alter und Herkunft in den Flyer gegen den Bau weiterer Stromtrassen durch das Coburger Land eingetragen hat. 20 Sekunden, um dem Netzbetreibern und der Bundesnetzagentur zu sagen: "Mit uns nicht!" Doch weil es mit der Flyer-Aktion nicht getan sein wird, haben sich die Kommunalpolitiker aus der Region zu einer noch nie dagewesenen Koalition des Widerstandes zusammen getan.

Höhepunkt der geplanten Aktionen soll erneut eine Großdemonstration werden. Seßlachs Bürgermeister, Martin Mittag (CSU), ist in der kommunalpolitischen Arbeitsgruppe dafür zuständig und machte deshalb gestern bei einer Pressekonferenz in der Domäne schon mal den Termin klar: Am Sonntag, 6. August, sollen die Menschen des Coburger Landes auf die Straße gehen. Dies sogar wortwörtlich, denn den Organisatoren rund um Landrat Michael Busch (SPD) schwebt vor, dass die Bevölkerung des Coburger Landes in einer Sternfahrt zur "HUK-Coburg-Arena" auf die Lauterer kommt und dort geschlossen gegen die Entwürfe aus dem Netzentwicklungsplan 2030 zu demonstrieren.

Noch nicht mit dem Bauernverband abgesprochen, aber als kreative Art des Protests in Mittags Hinterkopf: Die Menschen aus der Region sollen in einem Konvoi aus Traktoren und Anhängern nach Coburg einrollen. Die Botschaft dabei soll eindeutig sein: "Wir brauchen eine große Masse an Menschen, die sagt: Mit uns nicht!"
Die Flyer mit den drohenden Trassenverläufen (P 44/P 44 mod.) sowie den wichtigsten Argumenten gegen weitere Leitungen werden alle die Haushalte des Coburger Landes in den nächsten Tagen im Briefkasten finden - meist zusammen mit den gemeindlichen Mitteilungsblättern. Landrat Busch erhofft sich viel von der Aktion: "10 000 Rückläufer müssen wir zusammen bekommen, damit die Sache wirkt." Überreicht werden die Protestkarten dann an das Wirtschaftsministerium, berichtete Tobias Ehrlicher, der für diesen Teil des Widerstandes verantwortlich ist. Der Bad Rodacher Bürgermeister setzt aber auch darauf, dass sich Menschen das gelbe Flugblatt einmal genau anschauen und die Folgen einer weiteren Trasse für das Coburger Land wahrnehmen. "Ich habe das Gefühl, die Gefahr ist noch ein bisschen zu wenig bei der Bevölkerung angekommen", sagte Ehrlicher.


Die Coburger gehen ins Netz

Eng an der Seite des Landkreises agiert diesmal auch die Stadt Coburg. Für Bianca Haischberger von der Stadtverwaltung war die Beteiligung am Widerstand eine selbstverständliche Angelegenheit, denn: "Auch wir befürchten massive Beeinträchtigungen." In der Tat: Sollte nämlich die West-Variante mit dem Arbeitstitel P 44 verwirklicht werden, wären Bertelsdorf, Neuses und der Goldbergsee direkt von der Monstertrasse betroffen. Deshalb wird die Stadt die Öffentichkeitsarbeit via "Facebook" koordinieren und kommende Woche mit einer eigenen Seite online gehen.

Öffentlicher Druck ist für Bernd Reisenweber (BG), Bürgermeister von Ebersdorf, die wohl einzige Möglichkeit, dass das Coburger Land von einer weiteren Leitung nach der bereits bestehenden "Thüringer Strombrücke" verschont bleibt. Denn sachliche Gründe können es nach Ansicht Reisenwebers nicht sein, die Coburg wieder auf die Landkarte der Höchstspannungsleitungen geschmissen hat: "Wir waren bis 2015 auf keiner Karte verzeichnet." Also schloss der Ebersdorfer Bürgermeister: Es müsse auf politischer Ebene Druck aufgebaut worden sein, um eine solche Leitung anderswo zu verhindern. Dass die Region um Grafenrheinfeld dabei wegen vermeintlicher "Überbündelung" aus dem Trassenkorridor herausgenommen wurde, fand Reisenweber geradezu lächerlich: "Wenn ich Überbündelung höre, dann sehe ich Dörfles-Esbach."

Den möglichen Vorwurf, das Coburger Land wolle die Trasse einfach nur anderswo hindrücken, wollte Christian Gunsenheimer als Klimaschutz-Beauftragter des Landkreises von vorneherein nicht gelten lassen: "Die Leitung an sich ist mehr als fraglich." Da stimmte ihm der Landrat sofort zu, er verwies aber auch auf die Autobahn und die ICE, die sich durch das Coburger Land ziehen: "Unser Landschaftsbild ist genug beeinträchtigt. Wir haben unseren Beitrag geleistet."

Und damit jedermann aus dem Landkreis täglich auf die Problematik hingewiesen wird, haben Sebastian Straubel (Lautertal) und sein Team 50 großflächige Graffiti-Plakate mit einem großen "Nein" in Auftrag gegeben. Diese werden demnächst aufgestellt - damit jeder weiß, wo er am 6. August sein muss: auf der Lauterer Höhe.