Nach 2020 müssen die Neustadter erneut auf ihr traditionelles Kinderfest verzichten! Normalerweise würde es am Samstag, 10. Juli, stattfinden, doch Corona macht auch in diesem Jahr einen Strich durch die Rechnung. Das ist besonders schmerzlich; denn das Kinderfest ist generationsübergreifend für die Neustadter das "Fest des Jahres", ja ein "Neustadter Nationalfeiertag". Es ist ein Traditionsfest mit langer Vergangenheit, welches Kinder, Schüler, Eltern und Großeltern, Lehrerschaft und Schulen sowie die gesamte Bevölkerung miteinander verbindet. Im Laufe der Zeit hat es verschiedene Wandlungen erfahren, ist es doch von einem ursprünglich kirchlichen Fest zu einer Schulfeier und schließlich zum heutigen Volksfest geworden.

Aber nicht nur das ist es, was das Kinderfest ausmacht, sondern auch die besondere Atmosphäre, die an diesem Tag in Neustadt, vor allem in der Innenstadt, herrscht. Da werden schon in aller Herrgottsfrühe von den fleißigen Mitarbeitern des städtischen Bauhofes junge Birkenbäume zum Ausschmücken von Häusern ausgefahren. Viele Fenster, vorwiegend entlang der Straßen, durch die der Festzug führt, werden von den Bewohnern liebevoll mit Girlanden, bunten Fähnchen und Luftballons dekoriert. Und oftmals sind quer über die Straßen - von Haus zu Haus - bunte Girlanden mit Fähnchen, Puppen und allerlei Tand gespannt.

Viele Neustadter warten schon gespannt auf die ersten Glockenschläge beim Sechsuhrläuten der St.-Georgs-Kirche. Die geben den Startschuss für den "Weckruf" an. Dann marschieren das Jugendorchester und die Stadtkapelle durch die verschiedenen Straßenzüge und erfreuen die Neustadter mit bekannten Weisen. Spätestens dann merken die Puppenstädter, dass ein besonderer Tag ist.

So adrett wie möglich

Normalerweise herrscht am Kinderfesttag in den Vormittagsstunden immer ein reger Betrieb in der Innenstadt. Da gibt es fast bis zur letzten Minute vor dem Festumzug noch etwas zu besorgen. Kinder sind mit Luftballons und bunten Fähnchen zu sehen. Die Schüler aller Neustadter Schulen nehmen dann bis 12.30 Uhr Aufstellung an den vorgegebenen Aufstellorten. Früher wurden die Kinder in den ersten Jahrgangsstufen von den Eltern immer besonders herausgeputzt. Dafür strengten sich alle Familien an. Die Mädchen bekamen ein hübsches Kleidchen, Lackschuhe und ein Haarkränzchen, die Buben neue Hosen, Hemden und Schuhe. Selbst ärmere Familien ließen es sich nicht nehmen, ihre Kinder an diesem Festtag schön auszustatten. Die Kinder sollten ja im Festzug besonders adrett aussehen.

Aber auch diesbezüglich hat sich das Bild etwas geändert. Waren früher die Mädchen mit weißen Kleidern und die Jungen mit hellen Hemden im Festzug zu sehen, geht es heute kunterbunt zu. Meist werden von den Kinderfestverantwortlichen der Schulen bestimmte Themen ausgewählt, nach denen sich die ganze Klasse richten muss. Da gibt es im Festumzug Klassen wie zum Beispiel mit kleinen Gärtnern, Handwerkern oder Sportlern zu sehen. Auch aktuelle Themen werden bei der Ausgestaltung der Festwagen mit einbezogen. Am Kinderfest sind die Straßenränder mit Menschen umsäumt, die gespannt auf den Kinderfestumzug warten.

Ein Großereignis

In manchen Jahren nahmen bis zu 1600 Schülerinnen und Schüler daran teil. 16 Musikkapellen durchmischten den Festzug und bewirkten mit ihrer Marschmusik eine richtig festliche Stimmung. Wenn dann der Festzug endete, strömten die Neustadter hinauf zum Schützenplatz. Der Dunst und Geruch von Bratwurstständen und gebrannten Mandeln konnte man schon von weitem spüren. Am Festplatz war für die Vorführungen der Neustadter Schulen alles vorbereitet: Die Markierungen und Absperrungen für die Vorführungen der Schuljugend, der Kletterbaum, der Platz für die Musikkapellen.

Schon seit vielen Jahren ist man von den ursprünglichen Freiübungen abgekommen. Viele Jahre blieb es den besten Sportlerinnen und Sportlern vorbehalten, vor Beginn der Massenfreiübungen diese "vorzuturnen". Das war für die betreffenden Schülerinnen und Schüler eine ganz besondere Ehre. Nunmehr messen sich die Schulen bei sportlichen Wettbewerben, es gibt farbenprächtige und beschwingte Vorführungen, begleitet von modernen Rhythmen. Geblieben ist nur noch der "Neustadter Rutscho", welcher nach alter Melodie von den Grundschülern vorgeführt wird. Aber auch der "Kletterbaum" ist nach wie vor ein beliebtes Objekt für die ganz Sportlichen unter der Schuljugend. Und jeder Klettermaxe konnte sicher sein, von den Süßigkeiten und Spielzeugen, die an einem an der Stangenspitze angebrachten Holzrad mit Fäden befestigt waren, etwas zu erhaschen. Wenn dann später nach den Vorführungen der Rummel auf dem Schützenplatz so richtig los ging, war kein Kind mehr zu halten: Los- und Schießbude, Autoscooter, Karussell, Flieger und Schiffschaukel warteten auf sie. Dazwischen ein Eis und/oder eine Bratwurst; denn die von der Stadt zur Verfügung gestellten Gutscheine wollten ja eingelöst werden. Die Erwachsenen ließen dann den Tag am Schützenplatz oder in irgendeinem Biergarten gemütlich ausklingen.

Was nun bleibt

So bleibt den Neustadtern beim diesjährigen Kinderfesttag wohl nichts anderes übrig, um den "Neustadter Nationalfeiertag" gemeinsam mit ihren Kindern, Verwandten und Freunden im eigenen Garten oder in einem der wenigen Biergärten zu feiern.

Hoffentlich aber müssen die Schulkinder nicht auf ihre Bratwurstgutscheine verzichten. Sie, die unter dem "Corona" sowieso genug zu leiden hatten (und wohl auch noch zu leiden haben), sollten wenigstens mit diesem alten Brauch, seit 1976 finanziert aus der damals errichteten Kinderfeststiftung, erinnert werden daran, dass es schon schlechte Zeiten gab, in der eine Bratwurst noch etwas Besonderes war.

Diese schöne und lange Tradition sollte erhalten bleiben, wenn auch der materielle Wert nicht mehr der gleiche ist wie früher. Den Schülern sollte aber alljährlich vermittelt werden, weshalb die Bratwurstgutscheine (seit vielen Jahren gibt es ja auch Limo- und Eisgutscheine) von der Kinderfeststiftung ausgereicht werden.

Eine gewisse Leere

Sicherlich wird der diesjährige Kinderfesttag völlig anders sein, eine gewisse Leere wird herrschen und die Neustadter werden etwas wehmütig an die zurückliegenden Kinderfeste denken; denn das Kinderfest ist und bleibt ein Teil ihrer Kindheit und Jugend. Und wohl jeder Neustadter sieht darin auch ein unvergessliches Erlebnis seiner Schulzeit. Umso mehr werden sich die Neustadter auf das nächste Kinderfest im Jahr 2022 freuen, wenn der Verlauf des Festzugs dann über den neu gestalteten Marktplatz sein wird.