"Tragisch" - dieses Wort fällt am häufigsten, wenn über den Vorfall auf einer Weide in Bad Rodach (Landkreis Coburg) gesprochen wird. Dort wurde - wie erst jetzt bekannt geworden ist - Mitte Juni ein 39 Jahre alter Landwirt von einem Rinderbullen angegriffen und tödlich verletzt. Unsere Zeitung berichtete. Weitere Details wurden vorerst nicht bekannt. Doch ungeachtet dessen stand am Mittwoch auch immer wieder eine Frage im Raum: Rein oder Raus? Sprich: Ist es besser, Rinder auf der Weide oder im Stall zu halten?

Die Antworten dazu ergeben sich aus mehreren Blickwinkeln.

Die Sicherheit

"Dort, wo ein Bulle zusammen mit Mutterkühen gehalten wird, ereignen sich leider immer wieder schwerste Unfälle", weiß eine Sprecherin von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Deshalb sei dies mit Wirkung vom 1. April diesen Jahres (bei einer dreijährigen Übergangsfrist) auch verboten worden. Wohlgemerkt: Das Verbot bezieht sich nur auf die Milchviehhaltung in Ställen. Auf der Weide (und im Stall auch bei der Mutterkuhhaltung) ist das gemeinsame Miteinander nach wie vor erlaubt. Die SVLFG pocht dort aber auf bestimmte Sicherheitsvorkehrungen. So darf eine Weide, auf der ein Bulle mit der Herde läuft, nicht von einer Person alleine betreten werden; es muss immer ein Helfer dabei sein, der nur auf den Bullen achtet. Außerdem muss es Fluchtwege geben und "Rettungsinseln" - das kann etwa ein Traktor sein. Vorgaben gibt es auch zur Höhe des (elektrischen) Zauns, der rund um die Weide sein muss.

Das Tierwohl

"Für Tiere ist es auf der Weide artgerechter", sagt Harald Weber, Leiter des Amts für Landwirtschaft in Coburg. "Sie haben Platz, sie können machen, was sie wollen." Trotzdem sei die Weideviehhaltung im Coburger Land noch nicht sehr ausgeprägt. Das liege am hohen Aufwand (dazu auch: "Die Wirtschaftlichkeit"). Wobei die Milchkuhhaltung noch aufwendiger sei als die Rindermast für eine reine Fleischproduktion. Denn zur relativ einfachen Fütterung komme dann ja noch die Herausforderung, die Kühe regelmäßig zu melken.

Das Naturwohl

Den Begriff "Bio-Diversität" veranschaulicht Harald Weber: "Ohne Kuh gibt's auf der Wiese auch keinen Fladen, auf dem sich Insekten wohlfühlen können." Deshalb: Die Weidehaltung hat auch ökologische Vorteile.

Die Fleisch-Qualität

Vor vier Jahren hat der Coburger Mathias Reißenweber mit der Rinderzucht begonnen. "Ich habe mir damals gesagt: Wenn ich das mache, dann soll es biologisch und nachhaltig sein." Die Weidehaltung, für die er sich deshalb entschieden hat, sorgt zudem für eine bessere Fleisch-Qualität. Warum? Nun, weil sich die Angus-Rinder von Reißenweber auf der Weide viel bewegen, setzten sie wenig Fett an. Gleichzeitig wird die Muskulatur der Tiere gestärkt, was wiederum gut für die Marmorierung des Fleisches ist. Reißenweber füttert auch nur wenig zu: "Die Tiere essen vor allem das, was sie wollen und was eben auf der Weide wächst." Auch im letzten Lebensabschnitt eines Rindes gibt es nach Meinung von Reißenweber einen Zusammenhang zwischen Tierwohl und Fleischqualität. "Wenn es zum Schlachthof geht, verzichten wir auf Sammeltransporte, die den Tieren unnötig Stress bereiten."

Die Wirtschaftlichkeit

Weidehaltung ist aufwendig, wie Mathias Reißenweber erklärt. So werde ja nicht nur die entsprechende Fläche benötigt, sondern es müsse auch regelmäßig in einen guten und intakten Weidezaun investiert werden. Hinzu komme, dass es trotzdem noch Stallungen für den Winter braucht, ebenso müsse für einen Sonnenschutz im Sommer gesorgt werden. Die mögliche Zeitersparnis durch weniger Aufwand beim Füttern werde oft dadurch gleich wieder zunichte gemacht, dass sich die jeweilige Weide etwas entfernt zum Betrieb befindet.

Die Preis-Frage

Mehr Aufwand bedeutet mehr Kosten - und damit am Ende auch einen höheren Fleisch-Preis, der vom Verbraucher zu bezahlen ist. "Aber die Kunden wissen das zu schätzen", sagt Mathias Reißenweber. Weil er sein Fleisch direktvermarktet (Kontakt über die Facebook-Seite "Biohof M. Reißenweber"; verkauft wird meistens gegen Ende eines Monats in Löbelstein), kann er an anderer Stelle wieder etwas Kosten reduzieren: "Mein Fleisch-Preis liegt zwischen dem bei einem Metzger und dem bei einem Supermarkt."