Der Arbeitskreis "Interreligiöser Dialog in Neustadt bei Coburg" hatte zum 3. Friedensweg eingeladen. Gut 100 Menschen verschiedener Religionen machten sich auf den Weg zu drei Gotteshäusern.

"Religionen sind dazu da, dem Menschen Lebenskraft zu schenken. Gib uns Toleranz, wenn Menschen in ihrer Menschlichkeit ihren Weg verlieren. Lass uns Hand in Hand von Gewalt und Hass entfernen und lass uns Licht in die Welt bringen", betete Imam Osman Harbi zum 3. Friedensweg der Religionen in der Neustadter "Fatih Camii"-Moschee. Am Sonntagabend wurde mit Gläubigen verschiedener Religionen ein bisschen anders im Gotteshaus der Moschee gebetet. Der Gebetssaal war für die Gäste bestuhlt worden. Frauen und Männer weilten nebeneinander und beteten gemeinsam, gemeinsam mit evangelischen und katholischen Christen.


Den richtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht

"Vor zwei Jahren haben wir den richtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Heute wird der Schritt gemeinsam wiederholt. Wir freuen uns, dass Sie so zahlreich erschienen sind", begrüßte Ramazan Kurt, Vorsitzender der Ditib-Türkisch-Islamischen Gemeinde zu Neustadt alle Friedensweg-Teilnehmer. Gemeinsam mit ihrem neuen Imam Osman Harbi und Erhan Cinar, Landesvorstand der Ditib-Gemeinde Nordbayern, bereiteten alle ihren Gästen einen herzlichen Empfang. "Ich gratuliere und danke allen Neustadtern, die mit Herzblut diese Veranstaltung organisierten", sagte Cinar. "Gebetsstätten sind ein Ort des Friedens und Geistliche sind Friedensbotschafter." Die Moschee sei ein Ort für alle zum Zusammenkommen, Kennenlernen und für den Dialog mit nichtmuslimischen Freunden und Nachbarn, erwähnte der Landesvorstand. Vorbildliches Beispiel dafür seien Harmonie und Zusammenhalt verschiedener Glaubensrichtungen in Neustadt. Dieser kontinuierlich stattfindende Friedensweg habe offene Gotteshäuser gezeigt, in denen jeder willkommen sei. In der Politik werde viel über Integration geredet, doch seien gegenseitige Achtung und Toleranz Hauptvoraussetzungen für eine starke, multikulturelle Gesellschaft und für das friedliche Zusammenleben, ergänzte Cinar. "Neustadt ist eine Stadt, in der die gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen erfolgreich realisiert wird, das ist hier die Basis. Daran können und müssen wir uns alle gemeinsam beteiligen."

Es quäle Herz und Gewissen, wenn Menschen den Namen des Schöpfers missbrauchten und mordeten, während man um Vergebung und um Allahs Gnade bitte. Dem Glaubensbekenntnis nach habe niemand das Recht, an Stelle Allahs zu handeln oder gar über das Leben anderer zu richten. In der 5. Sure Maide gebiete Allah, im Guten zu wetteifern und nicht uneins zu streiten. "Uns als Muslimen ist es deshalb wichtig, in gegenseitiger Achtung der Würde des jeweils anderen die Freiheit eines jeden Menschen zu schützen", versicherte Cinar. In einem Hadith (Ausspruch des Propheten Muhammed), der an die ganze Menschheit gerichtet sei, heiße es: "Solange ihr nicht glaubt, kommt ihr nicht ins Paradies. Solange ihr einander nicht liebt, habt ihr noch nicht richtig geglaubt". Der Islam sei eine Religion der Liebe und nicht des Terrors oder anderweitiger Gewalt, ermahnte Cinar.


"Man muss sich gegenseitig achten und respektieren"

Eine Gesellschaft, in der einzelne Individuen mit Liebe zueinander verbunden seien, sei stark, was Menschen glücklich mache. "Nur so kehrt die Liebe, die wir geben, auch wieder zu uns zurück. Nur so entsteht eine Gesellschaft der Liebe". Es liege in unserer Hand, ein glückliches Leben zu führen. Man müsse den Mitmenschen mit Liebe und Toleranz begegnen und Gutes tun. "Wir stehen hier für unsere religiösen Tugenden und unsere gemeinsamen gesellschaftlichen Werte ein. Man darf sich nicht gegenseitig ertragen, man muss sich gegenseitig achten und respektieren, denn wir sind Neustadt, wir gehören zusammen", bekräftigte Cinar.

"Der Glaube des Islam verabscheut jede Art von Hass, Terror, Gewalt und Blutvergießen und die Verletzung des Persönlichkeitsrechts. Niemand hat das Recht im Islam, Muslime und Terror zu assoziieren. Der Mensch, der sich als Muslim ausgibt und eine terroristische Handlung begeht, macht sich im Sinne der islamischen Gesetze strafbar", erinnerte der Imam. Muslime seien gegen jegliche Handlung, die mit Gewalt und Terror verbunden sei. "Der Islam und auch andere Religionen sind dafür da, Menschen Lebenskraft zu geben."

"Lieber Gott, die Erde gibt uns unser tägliches Brot, obwohl wir sie jeden Tag treten. Mache uns zu denen, die Verständnis zeigen und Liebe schenken. In der heutigen Gesellschaft, in der sich ein jeder ein bisschen einsam fühlt, hoffen wir, dass jeder einen Schritt Richtung Brüderlichkeit macht. Gib uns Toleranz, wenn Menschen in ihrer Menschlichkeit ihren Weg verloren haben. Gib uns Zufriedenheit, verleihe unseren Herzen Liebe und Mitgefühl. Amen", beteten die Gläubigen.


Wann ist Frieden?

Kerzenlichter begleiteten die Gläubigen auf dem Wege zur evangelischen Stadtkirche St. Georg. Hier begrüßte Pfarrer Martin Frenkler alle. "Friede kommt von Gott in die Herzen und aus den Herzen, wenn wir Gott in unser Herz einlassen", sagte Pfarrer Frenkler. Auf Hebräisch sangen alle: "Gib uns Frieden - hevenu schalom aleijchem." Wann sei Frieden, fragte Frenkler. Wenn keine Kanonen zu hören seien, davon würden die Menschen träumen, die in Neustadt Zuflucht gesucht hätten. Religionsfreiheit würde zum Frieden gehören, mahnte Frenkler. Und wann sei endlich Frieden? "Wenn keiner mehr dem anderen Schlechtes nachsagt, wenn Türke, Moslem, Christ, Jude kein Schimpfwort mehr ist. Wir müssen uns nicht lieben, aber Respekt müssen wir bezeugen!"
Auch der Weg der beiden großen christlichen Kirchen sei mit viel Gewalt und Krieg verbunden, erinnerte Frenkler im Lutherjahr. Und warum sich Menschen mit dem Frieden so schwer tun, fragte Pfarrer Frenkler: "Mit dem Frieden fällt es den Menschen deshalb schwer, weil wir Menschen sind. Deshalb müssen wir immer daran arbeiten,jede Generation, um es der nächsten Generation weitergeben zu können. Und das muss immer wieder erneuert werden."

In der katholischen Kirche St. Ottilia erinnerte Martina Braun auf der dritten Station: Mit Entsetzen sähen wir die Realität unserer Welt: Grenzen würden überschritten oder neu aufgebaut, Häuser und Städte bombardiert, zerschossen und zerstört, ganze Landstriche verwüstet und unbewohnbar gemacht. "Menschen verlieren ihr Leben, in Häusertrümmern, im Bombenhagel, auf der Flucht, in Lagern. Wofür? Für Macht, Ansehen? Ganz sicher nicht für Gott! Der Gott dieser einen Erde möchte, dass wir in Frieden leben und glücklich sein können", sagte Braun. Menschen sollen an Orten friedlich und glücklich miteinander leben können, eine Zukunft und Sicherheit haben. "Wenn wir an Gott glauben, dann müssen wir alles daran setzen, dass sein Plan für uns und für alle Menschen Wirklichkeit werden kann. Dieser gemeinsame Weg heute Abend bekräftigt das."


In jedem Gotteshaus fühlten sich alle wohl

In jedem Haus Gottes waren Muslime und Christen willkommen und alle fühlten sich zufrieden. "Vorurteile entstehen, wenn man sich nicht kennt, wenn man sich nicht begegnet, keine Chance hat oder die Gelegenheit dazu nicht nutzt. Dann verfestigen sich Bilder, von Medien verbreitete negative Seiten", sagte Kathrin Linnig vom Arbeitskreis "Interreligiöser Dialog".