Coburg
Pflege

Lebensqualität für Sterbende

Seit Juli gewährleistet das Klinikum Coburg die umfassende Betreueung Schwerstkranker in ihrem eigenen Zuhause. Damit wird eine Lücke geschlossen. Rund 60 Patienten versorgt die "Spezialisierte Ambulante Palliativ-Versorgung" bereits.
Professor Johannes Kraft, Chefarzt der Geriatrie und der Palliativstation am Klinikum Coburg  Fotos: Christiane Lehmann
Professor Johannes Kraft, Chefarzt der Geriatrie und der Palliativstation am Klinikum Coburg Fotos: Christiane Lehmann
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Die Patientin ist todkrank: Sie hat Krebs im Endstadium und leidet unter stärksten Schmerzen. Nach vielen Klinikaufenthalten möchte die Mutter zweier schulpflichtiger Kinder zu Hause und im Kreis der Familie sterben. Die "Spezialisierte Ambulante Palliativ-Versorgung" (SAPV) hat ihr das ermöglicht. Sechs Palliativmediziner und sechs ausgebildete Fachkräfte, die alle zudem über eine psychologische Ausbildung verfügen, sind seit 1. Juli dieses Jahres im Einsatz.

"Wir sind bewusst in aller Stille in Betrieb gegangen", erklärt Professor Johannes Kraft, Chef der SAPV am Klinikum Coburg. Am Montag stellte er den Dienst, der sich auf Ebene 2 im Übergang zwischen Cafeteria und altem Haupthaus befindet, der Öffentlichkeit vor.

Mit dem mobilen Palliativteam wurde eine Versorgungslücke geschlossen und dem gesetzlichen Anspruch auf die palliativmedizinische Pflege Schwerstkranker im eigenen Heim Genüge getan.
Bisher war die Pflege dieser Patienten zu Hause kaum möglich.

Kraft erinnert sich: Für die betroffenen Patienten, die in der Nacht oder am Wochenende zu Hause unter schwersten Schmerzen litten, sei vor Einführung der SAPV der Notarzt zuständig gewesen. Dieser kannte die Situation des Schwerstkranken in der Regel nicht, erläutert Kraft, der selbst über zehn Jahre als Notarzt im Einsatz war. Die Folge: "Eine Einweisung in die Klinik war meist unumgänglich."


Selbstbestimmt bis zuletzt

Mit der neuen mobilen Einrichtung kann der Patient selbst bei starken Schmerzen zu Hause betreut werden und bis zum Schluss im Kreis seiner Angehörigen bleiben. "Ein selbstbestimmtes Leben bis zuletzt und in vertrauter Umgebung ist damit möglich", erklärt Kraft. Das Fachpersonal ist mit speziell ausgestatteten Fahrzeugen unterwegs und gewährleistet die Versorgung an 365 Tagen rund um die Uhr. Mobiles Equipment, wie etwa ein Ultraschallgerät, das fast so klein wie ein Mobiltelefon ist, spart den Schwerstkranken den mühsamen Weg zur Untersuchung ins Krankenhaus.

60 Patienten versorgt das mobile Palliativteam bereits. Der Weg dahin ist unbürokratisch: Der Antrag wird über den Haus- oder Facharzt oder direkt in der Palliativ-Station im Klinikum gestellt und von den Medizinern im Gespräch und bei einem Hausbesuch geprüft. Auf diese Art und Weise kann die adäquate Versorgung Bedürftiger direkt vor Ort geklärt werden. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten.

Kraft ist stolz auf das "lebendige Netzwerk", das ein Garant für das Gelingen dieser Art von Versorgung ist: Haus- und Fachärzte, Pflegedienste, der Hospizverein, Seelsorger der katholischen und evangelischen Kirche, Psychologen, Krankenkassen und ambulante und stationäre Einrichtungen arbeiten Hand in Hand.

"Das ist ein wichtiger Schritt für die Lebensqualität der Patienten", begrüßte Oberbürgermeister Norbert Tessmer die Einrichtung. Eine familienfreundliche Stadt bedeute auch, sich nicht nur um Kinder zu kümmern, sondern ebenso um die alten und kranken Menschen. "Wenn der Moment einmal kommt, will jeder von uns nicht allein gelassen werden und in Würde sterben."


Wünsche werden berücksichtigt

Landtagsabgeordneter Jürgen Heike nannte die Einrichtung einen "wichtigen Schritt in die Zukunft" und wies darauf hin, dass damit eine dezentrale, das heißt heimatnahe, Versorgung des Patienten gewährleistet sei. Er nannte Krafts unermüdlichen Einsatz zum Wohle der Patienten "allererste Sahne".

Der Leiter der AOK in Coburg, Christian Grebner, unterstrich die Bedeutung der "umfassenden Rund-um-die-Uhr-Betreuung" und der Vernetzung vor Ort und bezeichnete sie als Meilenstein: "Die Einrichtung ist ein Mantel, der alle Komponenten für Schwerstkranke abdeckt", sagte er. Bis Ende 2017 soll es in Bayern 50 SAPV-Teams geben.
"Wenn jemand keine Dialyse mehr möchte", sagt Kraft und beantwortet damit eine Frage der Fachkräfte, oder bewusst auf Essen, Trinken und künstliche Ernährung verzichten wolle, "tragen wir das mit." Die individuellen Wünsche des Patienten würden berücksichtigt: "Es ist uns wichtig, die Bedürfnisse der Menschen anzuerkennen."