Das Leben könnte so schön sein. Wenn es nicht zum Verzweifeln wäre. Verdammt kurz sind die Momente des vermeintlichen Glücks für Familie Goodman. Und fürchterlich lang die Stunden, ja Tage am Abgrund der Verwirrung.

Diana und Dan, dazu ihre Tochter Natalie und deren Freund Henry könnten eine ganz normale, eine glückliche Familie sein - wenn alles normal oder zumindest irgendwie normal wäre. Aber sie sind nur eine fast normale Familie, denn Diana (Kerstin Ibald) leidet seit 16 Jahren an bipolarer Störung - seit ihr kleiner Sohn Gabe im Alter von nur acht Monaten verstarb. Seitdem erlebt und erleidet sie einen nicht vorhersehbaren Wechsel extrem unterschiedlicher Stimmungen. Ihr Mann Dan (Christian Alexander Müller) kann oft nur hilflos zuschauen, während Tochter Natalie (Lilian Prent) darunter leidet, dass ihre Mutter nie wirkliche Nähe zu ihr zulassen konnte.

Mit "Next to Normal" ("Fast normal") haben Tom Kitt (Musik) und Brian Yorkey (Buch und Gesangstexte) die Geschichte einer psychisch kranken Mutter und ihrer Familie zum Thema eines Musicals gemacht. Kann das auf der Theaterbühne funktionieren? Darf über ein solches Thema ohne schlechtes Gewissen in manchen Szenen sogar gelacht werden?

Zum Saison-Auftakt im Großen Haus riskiert das Landestheater die Coburger Erstaufführung von "Next to Normal" - und feiert am Ende lautstark und ausdauernd einen ungetrübten Premieren-Erfolg. Für die Theatermacher wie für die Zuschauer fühlt sich der Abend an wie eine herbei geklatschte Befreiung nach langen Monaten Corona-bedingter Abstinenz.

Der Schlüssel zum Erfolg eines ganz und gar nicht normalen Premierenabends inmitten der noch immer nicht beendeten Pandemie-Krise ist - zumindest äußerlich gesehen - eigentlich ganz einfach zu beschreiben: Als Regisseur vertraut Coburgs Schauspieldirektor Matthias Straub auf den Kontrastreichtum des raffiniert gebauten Stücks mit seiner an vielen Stellen simultan ablaufenden Handlung. Vermeintliches Glück und erschreckendes Chaos liegen oft nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt.

Beeindruckende Vielseitigkeit

Für die Ausstattung setzt Straub wieder auf das bewährte Duo Carola Volles (Kostüme) und Till Kuhnert (Bühne). Kuhnert gelingt der Spagat zwischen realistischer Wohnküche und surrealistisch gestalteter Gegenwelt.

Matthias Straub lässt die Drehbühne eifrig rotieren, sorgt auf diese Weise für flotte Übergänge zwischen den einzelnen Szenen und weiß doch andererseits ganz genau, wo er ruhigen Momenten Raum geben muss. Das Darsteller-Sextett aus erfahrenen Musical-Akteuren und Coburger Ensemble-Mitgliedern (Benjamin Hübner, Lean Fargel und Florian Graf) beeindruckt mit musikalischer Vielseitigkeit und schauspielerischer Intensität. Getragen wird dieses eindringliche Spiel auf der Bühne von der sechsköpfigen Combo unter Leitung von Coburgs dirigierendem Musical-Fachmann Roland Fister am Flügel.

Die musikalische Vielfalt der Partitur zwischen Musical-Balladen und rockigen, rhythmisch zugespitzt servierten Nummern garantiert Abwechslungsreichtum bis zum Schluss. Nach mehreren dramaturgischen Wendungen gönnt "Next to Normal" in dieser Inszenierung dem Coburger Publikum die zarte Hoffnung auf eine Art Happy End. Damit aber dürfte "Next to Normal" auf jeden Fall das Potenzial für einen Erfolg an der Theaterkasse besitzen - immer vorausgesetzt, die Corona-Regeln lassen auch in den nächsten Wochen und Monaten eine hohe Sitzplatzauslastung zu.

Erstaufführung am Landestheater

"Next To normal" (Fast normal), Musik von Tom Kitt, Buch und Gesangstexte von Brian Yorkey, Deutsch von Titus Hoffmann - die nächsten Termine: 7., 16., 24. Oktober, 19.30 Uhr

Bipolare Störung Der Begriff bezeichnet schwere chronisch verlaufende psychische Erkrankungen, die durch manische und depressive Stimmungsschwankungen charakterisiert sind. Die Betroffenen können diese Wechsel nicht willentlich kontrollieren zu können. Neben dem Einsatz von Medikamenten wird als Ergänzung Psychotherapie empfohlen. Oft ist mit der Erkrankung eines erhöhtes Suizidrisiko verbunden.

Tickets Theaterkasse Landestheater Coburg, Tel.: 09561/898989 (per Mail: theaterkasse@landestheater.coburg.de).red