Noch weiß niemand, wann das Landestheater Coburg seine Türen für das Publikum wieder öffnen darf. Doch hinter den Kulissen wird bereits eifrig geprobt - für Shakespeares Drama "Hamlet". Schauspieldirektor Matthias Straub verrät, unter welchen Vorzeichen Probenarbeit in Corona-Zeiten steht.

Ihre Neuinszenierung von William Shakespeares "Hamlet" ist die erste Schauspiel-Produktion des Landestheaters, die ihre Premiere online erleben wird. Wie hat sich dieser Umstand auf Ihr Regiekonzept ausgewirkt? Was bedeutet das für die Aufführungsdauer?

Matthias Straub: Das gesamte Team ist sehr neugierig auf die bevorstehende Aufzeichnung unseres "Hamlet" unter professioneller Regie. Gewonnen haben wir dafür André Rößler, der auch schon als Regisseur im Schauspiel an unserem Haus gearbeitet hat - mit so wunderbaren Produktionen wie "Extrawurst" oder "Abschiedsdinner". Er hat Erfahrung bei der Aufzeichnung von Theaterproduktionen und gleichzeitig den "Theaterblick für die Regie". Ein hervorragender Partner für dieses Projekt. Auf das Regiekonzept hatte die geplante Aufzeichnung keine Auswirkung, da "Hamlet" in unserer speziell kleinen Besetzung (sieben Darsteller) ohnehin ein Kammerspiel ist. Im Gegenteil wird die Möglichkeit von Nahaufnahmen und Detailbebilderung das Ganze sehr unterstützen. Auch die Spieldauer hatten wir - nicht zuletzt wegen Corona - von vornherein sehr reduziert und liegen mit etwa zweieinviertel Stunden für einen "Hamlet" im besonders grünen Bereich.

Bereits Ihre Produktion der "Globe Songs" mit der Premiere im Herbst entstand unter Corona-Vorzeichen und mit den damals geltenden Hygienevorschriften. Inwiefern hatten und haben Erfahrungen aus dieser Inszenierung und der damit verbundenen Probenarbeit Einfluss auf die "Hamlet"-Vorbereitungen?

Ehrlich gesagt, haben wir uns schon dran gewöhnt. Bei "Globe Songs" war es aufgrund des Genres und der sehr sportlichen Choreografien schwieriger. Die kleine Besetzung und das "Kammerspielartige" unseres "Hamlet" treibt die Schauspieler quasi von allein in die Distanz. Sie nehmen sich wie selbstverständlich den Raum, da ihr Spiel ansonsten zu "klein" oder zu wenig expressiv werden würde. Dafür haben Schauspieler eigene Antennen, da muss die Regie von außen nicht viel beisteuern. Für das Regieteam - das wir auch reduziert haben auf Regisseur, Assistentin und Souffleur - ist die einzige Neuerung, dass es die ganze Zeit FFP 2-Masken tragen muss. Aber auch das ist letztendlich schon Gewohnheit.

Allerdings kommt ein "Hamlet" nicht ohne finales Degengefecht aus. Auch nicht bei uns. Wenn es um spektakuläre Fechtchoreografien geht, ist unser regelmäßiger Gast Jean Loup Fourure, der schon bei "Shakespeare in Love", "Cyrano" und vielen anderen Produktionen unsere Schauspieler angeleitet hat. Diesmal liegt dabei das Hauptaugenmerk auf der Einhaltung der Abstände. Das ist wirklich eine Herausforderung, aber Jean Loup hat dafür immer originelle und wirkkräftige Umsetzungsideen. Lassen Sie sich überraschen.

Wie erleben Sie den Umgang der Schauspieler mit den aktuell geltenden Hygienevorschriften?

Wirklich alle sind sich der Verantwortung füreinander bewusst. Die Schauspieler dürfen bei Einhaltung der Abstände ohne Maske proben, aber in jeder Pause greifen alle sofort zu den Masken, haben die Hygiene im Blick und desinfizieren Hände und Requisiten nach jeder Benutzung. Unsere Assistentin Pauline Vorberg ist meine persönliche Mahnung, wenn es um die Lüftungspausen geht. Nachteil ist, dass die Schauspieler dann auch mal in Winterjacke weiterproben. Logisch, bei den Temperaturen vor wenigen Tagen draußen. Aber selbst das geht. Und birgt manchmal sogar eine mögliche Spielidee in sich.

Welche Einschränkungen sind besonders herausfordernd bei der Probenarbeit?

Eigentlich gar keine, wenn man mal vom Maskentragen absieht. Lediglich der Umstand, dass Hamlet seine Ophelia so gar nicht berühren darf, ist ein wenig schade. Aber wir werden dafür bezahlt, kreativ zu sein, also gilt es, Lösungen und eine entsprechende Umsetzung zu erfinden.

Wie lässt sich Ihr Regie-Konzept für "Hamlet" in zwei, drei Sätzen umreißen?

Mich hat schon sehr früh die Idee begeistert, was wohl wäre, wenn der Mord, den Hamlet seinem Onkel anlastet, gar nicht begangen wurde. Und allmählich entstand - nicht zuletzt angesichts der ganzen Querdenkerentwicklung - die Frage, wie reagieren alle um Hamlet herum, wenn sie ihn als Verschwörungstheoretiker interpretieren. Das funktioniert überraschend gut. Das Publikum darf selbst entscheiden, wem es mehr Glauben schenkt, einer politischen Elite, der lediglich das Wohl und die Solidität des Landes am Herzen liegt, oder einem jungen Mann, der aufgrund einer Ahnung völlig aus dem Ruder läuft und andere irgendwelcher Vergehen bezichtigt, die nicht beweisbar sind. Bei uns wird durch behutsame Umstellungen im Text der "Hamlet" zu einem Krimi mit "Suspense". Ich nenne es gern Psychothriller.

Wie sieht das Ausstattungskonzept aus?

Für die Bühne hat sich Bühnenbildner Till Kuhnert am Tatlin-Turm orientiert, der ursprünglich als Denkmal für die Revolution im Russland der 20er Jahre konzipiert, aber nie umgesetzt wurde. Es ist also eine sich nach oben verjüngende Spirale, die viel Assoziationsspielraum lässt (politischer Aufstieg und Fall, Schicksalsspirale, Himmelsleiter). Hamlet hat seine ganz eigenen Rückzugsorte im Inneren des Turms, wo er seine Theorien entwickeln und weiterspinnen kann. Alles steht auf der Drehbühne, und je nach Drehrichtung wächst die Spirale zum Himmel oder schraubt sich in den Boden. Alles sehr, sehr vieldeutig. Aber cool. Filigran und dennoch monumental massiv. Die Kostüme von Carola Volles sind extrem individuell, weil sie mit Kopien großer Meisterwerke der Malerei aus der Zeit Shakespeares (und später) bedruckt sind und so ganz subtil jedem Charakter eine ganz eigene Interpretation und Wesensart "unterjubeln", ohne dominant oder vordergründig zu viel über die Figuren und ihre Spieler zu verraten. Eine sehr clevere Lösung.

Gibt es für die Online-Premiere schon einen genauen Termin?

Da die Aufzeichnung für uns alle Neuland ist, wollen wir uns selbst nicht mit einem festgesetzten Termin stressen. Der Regisseur André Rößler spricht von ungefähr zwei Wochen Postproduktion nach der Aufzeichnung, das wäre dann also Ende März. Aber natürlich geben wir den Termin rechtzeitig bekannt. Nicht zuletzt, weil wir uns selbst irrsinnig darauf freuen.

Nach der Online-Premiere soll "Hamlet" irgendwann auch vor Publikum live gespielt werden. Gibt es dafür schon konkrete terminliche Überlegungen?

Wenn wir unter Corona-Auflagen noch in diesem April oder Mai vor Publikum spielen dürfen, dann geht "Hamlet" noch im Frühling an den Start, wenn nicht, überwintert er den Sommer in der Schublade und betritt erst im Herbst die Bühnenbretter.

Inwiefern wird sich diese Live-Version von der Online-Version unterscheiden?

Ich glaube, nur unwesentlich. Mit Dominik Tremel (und seinem Partner Florian Berndt) haben wir einen alten Bekannten (ehemals Repetitor im Musiktheater) für die Erstellung der Bühnenmusik und des Sounddesigns gewinnen können. Ich gehe davon aus, dass die beiden bei der Aufzeichnung ein bisschen mehr "Wums" geben als dann bei der Live-Vorstellung. Das ist aber schon alles. Ansonsten ist natürlich die Live-Aufführung fürs Publikum ein ganz anderes, meines Erachtens unvergleichlich stärkeres Erlebnis als die Videoaufzeichnung. Aber das technische Know How wird uns allen für die Zukunft nützlich sein. Wir machen das Ganze nicht zum Selbstzweck, sondern um daraus zu lernen.