Für soziale Gerechtigkeit, gegen prekäre Arbeitsbedingungen und für eine faire Entlohnung trat der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm am 1. Mai ein. Damit auch die schwächsten Glieder einer Gesellschaft am Wohlstand teilhaben, regte der Geistliche eine engere Zusammenarbeit von Kirchen und Gewerkschaften an. Die Rede des Landesbischofs begeisterte die Zuhörer der traditionellen Maikundgebung des DGB im vollen Saal des Gasthofes "Zum Schwarzen Bären" im Coburger Stadtteil Beiersdorf. Das bundesweite Motto zum Tag der Arbeit lautete heuer "Gute Arbeit, soziales Europa".

"Die Gewerkschaften", so Bedford-Strohm, "finden bei den Kirchen eine weit ausgestreckte Hand, wenn es darum geht, gemeinsam für eine Gesellschaft einzutreten, in der Kreativität des unternehmerischen Handels und die gute Arbeit so zusammenspielen, dass alle Menschen in Würde leben können." Diese Herausforderung müsse von den Kirchen und Gewerkschaften gemeinsam gemeistert werden. In Deutschland, kritisierte der Landesbischof, sei die Schere der ungleichen Einkommen in den vergangenen Jahrzehnten deutlich auseinandergegangen. Laut der Bertelsmann-Stiftung gebe es nirgendwo eine größere Entwicklung zur Ungleichheit wie hierzulande. Zur Entlohnung der Arbeitnehmer sagte er: "Die Unterschiede müssen vor dem schwächsten Glied gerechtfertigt werden können."

"Fairer Lohn beugt Armut vor"

Der evangelische Landesbischof sprach sich für einen flächendeckenden Mindestlohn aus. Dieser sei zwar nun auf den Weg gebracht, aber das Lohnniveau müsse weiter sehr genau beobachtet werden. Mit einer fairen Bezahlung werde Armut vorgebeugt und damit auch der drohenden Altersarmut.

Gute Arbeit fördere die Selbstachtung der Arbeitnehmer. Bedford-Strohm: " Es müssen Arbeitsverhältnisse geschaffen werden, in denen jeder Mensch mit Respekt behandelt wird." Bereits im Jahr 1997 hätten die Kirchen ein Sozialpapier mit der Aussage "Es ist besser Arbeit zu finanzieren, als die Arbeitslosigkeit" auf dem Weg gebracht. Doch Arbeitslosigkeit damit zu ersetzen, dass Menschen dauerhaft von staatlicher Hilfe abhängig sind, dies sei der falsche Weg. Über eine Million Menschen seien in Deutschland dauerhaft arbeitslos, und viele laut dem Geistlichen ohne Hoffnung. Förderinstrumente wie beispielsweise ABS-Maßnahmen oder Jugendwerkstätten seien ersatzlos abgeschafft worden, "ohne darüber nachzudenken, was mit den Menschen passiert." Erschreckend nannte der Landesbischof die Situation der Jugendarbeitslosigkeit in Europa. Diese liege in manchen Ländern bei über 50 Prozent. "Alle Kräfte müssen zusammen wirken, um diesen Jugendlichen eine Perspektive zu bieten."

Früher kaputte Knochen, jetzt kaputte Psyche

DGB-Vorsitzender Mathias Eckardt sagte, in den vergangenen Jahren hätten die Gewerkschaften zwar viel erreicht, doch die Probleme hätten sich verlagert. "Früher hatten die Menschen kaputte Knochen, heute eine kaputte Psyche." Arbeit habe auch etwas mit Menschenwürde zu tun, dafür träten die Gewerkschaften ein.
Coburgs neuer OB Norbert Tessmer (SPD) ging auf die Bedeutung der Arbeit für die Menschen ein. Keine Arbeit zu haben, belaste die Psyche. 1,7 Millionen Menschen müssen laut Tessmer ihr Gehalt mit staatlichen Hilfen aufstocken.

OB berichtet Erschreckendes

Auch in Coburg habe die Zahl derer zugenommen, die Tafeln, Sozialkaufhäuser oder die Schuldnerberatung in Anspruch nehmen müssen. Auch die Zahl der Obdachlosen, und dies seien meist Menschen mit psychischen Problemen, sei gestiegen. Besonders erschreckend sei es, dass immer mehr Menschen kein Geld für eine Bestattung hätten und demnach auch die Zahl der Sozialbestattungen zunehme. "Es kann nicht sein, dass Menschen in Mülltonnen wühlen und Pfandflaschen herausfischen", um über die Runden zu kommen, sagte Tessmer. Die Perspektivlosigkeit führe dazu, dass in manchem Ort die Wahlbeteiligung bei unter 50 Prozent liege.
Unter prekären Arbeitsbedingungen leiden beispielsweise Fernfahrer. Norbert Jungkunz von der katholischen Notfallseelsorge hatte den Fernfahrer-Stammtisch mitgebracht. Mit Plakaten machten die Berufskraftfahrer auf ihre Situation aufmerksam.
Der DGB-Kreisvorsitzende Carsten Höllein appellierte, zur Europawahl zu gehen. Dies sei auch ein wichtiges Zeichen gegen rechte Rattenfänger.

Büroleiterin soll Putzstelle annehmen

Im Anschluss an die Kundgebung lud der Club der Arbeitssuchenden alle Erwerbslosen und bedrängten Menschen zu einem Gespräch mit dem Landesbischof ein, um zu diskutieren. Wie Leonard Fehn, der Vorsitzende, informierte, habe keiner bisher einen festen Job gefunden. Der "angebliche Facharbeitermangel", so Fehn, komme hier nicht an. Oft werden laut Fehn den Arbeitssuchenden Jobs angeboten, für die sie überqualifiziert seien. Beispielsweise solle ein 38-Jähriger mit abgeschlossener Berufsausbildung und Meisterprüfung für 9,50 Euro arbeiten oder eine 55-jährige ehemalige Büroleiterin werde demnach ständig genötigt, eine Putzstelle anzunehmen. Dies, so Fehn, seien keine Jobs, von denen man leben könne. Mit der Schließung von Valeo und Saint Gobain seien Arbeitsplätze verlorengegangen. Maßnahmen, diese Menschen in Arbeit zu bringen, hätten sich in Coburg, wo die Arbeitslosigkeit bei fünf Prozent liege, demnach nicht durchgeschlagen.